Comédie Soleil in Werder : Im Zeitraffer durch die Stadtgeschichte

Das Comédie Soleil hat 700 Jahre Werder (Havel) in ein Theaterstück mit 14 Akten verpackt - dabei kriegen alle ihr Fett weg.

Kirsten Graulich
Gespielte Geschichte. Das Stück im Comédie Soleil zeigt auch, wie Bürgermeister Schoenemann irrtümlich für tot gehalten und schon über seine Nachfolge entschieden wird. Auch wird die Idee angebracht, dass die Mönche des Klosters Lehnin schon eine Therme in der Stadt geplant hätten.
Gespielte Geschichte. Das Stück im Comédie Soleil zeigt auch, wie Bürgermeister Schoenemann irrtümlich für tot gehalten und schon...Foto: Diether Godbersen

Werder (Havel) - Wann sich die ersten Menschen an der Havel rund um das heutige Werder niedergelassen haben, ist unbekannt. Also fängt man im Werderaner Theater Comédie Soleil gleich bei der Ursuppe an, das macht sich auf Theaterbühnen immer gut. So donnerte und blitzte es zum Auftakt in der jüngsten Inszenierung, die der Geschichte der Havelstadt gewidmet ist.

„Die Freuden und Leiden des jungen Werder“ sind zwar ein Jubiläumsstück anlässlich der ersten urkundlichen Erwähnung der Stadt vor 700 Jahren, aber statt langatmigem Historienpanorama geht es auf der Bühne beherzt zu. Ein Erzähler begleitet die 14 Szenen Stadtgeschichte, bei denen es durchaus kritisch zugeht. Alle kriegen ihr Fett weg: Adel, Kirche, Revolutionäre und die für Macht anfälligen Spießer.

Fakten vom Stadtchronist

Dabei ist das Stück aus der Feder von Julian Tyrasa historisch korrekt. Die Fakten lieferte Stadtchronist Baldur Martin. „Auch die verrücktesten Szenen haben zumindest einen wahren Kern, so unglaublich dies teilweise erscheinen mag“, sagte Julian Tyrasa. Und da, wo er dramatische Zuspitzung erforderlich fand, geschah sie mit ironischem Augenzwinkern – so wie das anfängliche Gewitter, das auf düstere Vorahnungen anspielt.

Denn die Inselstadt war in all den Zeitläufen nur selten eine Insel der Glückseligen. Blutige Kriege, Seuchen und Hungersnöte wechselten sich ab. Schon die erste Szene beginnt mit einem Tod: Die fromme Prinzessin Kunigunde stirbt mit 35 Jahren. Ihr gehörten die Fischereirechte auf der Havel, die Markgraf Waldemar nun dem Kloster Lehnin überträgt, wie eine Urkunde von 1317 belegt – der Anlass der diesjährigen Feierlichkeiten. Dass die Klosterbrüder christliche Nächstenliebe einseitig auslegen und lieber die Hand zum Nehmen ausstrecken ist zwar Fiktion des Stückes, aber nicht unrealistisch.

Verspeist vom abgebrühten Klosterbruder

Einem armen Werderschen geht ein Fisch ins Netz, nachdem der wochenlang vergeblich auf einen Fang hoffte. Doch verspeisen wird ihn ein abgebrühter Klosterbruder, der den Fischer an seine Abgaben erinnert, weshalb er dessen Fang schon mal vorsorglich in Zahlung nimmt. Gottgefällig ist so manches nicht, was zu dieser Zeit an Abgaben von den Werderanern gefordert wird. Zudem wird die Stadt in Streitereien des Klosters mit dem Adel hineingezogen und von Räubern geplündert.

Doch immer wieder gibt es auch Hoffnung, nur dauert es etwas mit den zukunftsweisenden Entscheidungen in der Stadt. So gediehen Pläne einer Klappbrücke zur Insel erst, als den Ratsherren dämmerte, dass sich mit diesem Bauwerk auch trefflich Einnahmen erzielen ließen. Doch die fast 500 Meter lange Brücke nach Wildpark West wurden nie gebaut, obwohl der Brückenzoll sehr verlockend erschien. Für reichlich Lacher sorgte die Mär, dass schon die Klosterbrüder den Badefreuden nicht abgeneigt waren und die Idee eines Thermalbades ursprünglich ihnen zuzuschreiben sei. Anspielungen auf die seit Jahren unvollendete Blütentherme ziehen sich durchs ganze Stück.

Auch zum Gruseln gibt es etwas

Geradezu schwarzhumorig mutet eine Geschichte aus dem 18. Jahrhundert um den Bürgermeister Schönemann an. Dessen Ende ist scheinbar nahe und ein Nachfolger bereits auserwählt. Doch der Altbürgermeister überlebt seinen angeblichen Todestag, die Nachfolge wird erst einmal verschoben. Auch zum Gruseln gibt es etwas in Werders Chronik, so kommen auch ein Totengräber und Scharfrichter im Stück zu Wort. Tatsächlich gibt es in Werder ein beliebtes Restaurant, das „Zum Scharfrichter“ heißt und auf seiner Speisekarte auch einen „Scheiterhaufen“ aufführt. Ob Werders Scharfrichter wirklich gefoltert und vollstreckt haben, ist aber nicht mehr nachweisbar. Im Ort soll es laut Stück jedenfalls keine Hinrichtungen gegeben haben.

Beim dunkelsten Stadtkapitel, dem Novemberpogrom von 1938, stockt den Zuschauern dann aber der Atem, als gezeigt wird, wie das Kaufhaus Jacob in der Torstraße geplündert wurde. In der NS-Diktatur verfolgten Deutsche in Werder 133 jüdische Einwohner, die entweder deportiert und ermordet oder in die Emigration getrieben wurden. Etwas kurz wird die Zeit der DDR mit der Bildung von Genossenschaften und wirtschaftlichen Engpässen angerissen. Das sei der Vielzahl an historischen Ereignissen geschuldet, sagte Julian Tyrasa.

Rasanter Zeitraffer

In der Tat verlangte das im rasanten Zeitraffer gespielte Stück den Akteuren Karoline Hugler, Edward Scheuzger, Gerhard Gutberlet und Lorenz Pilz einiges ab, nicht nur an sportlicher Kondition. Insgesamt schlüpfen die vier Darsteller in 50 Rollen, wechseln blitzschnell Mimik und Kostüm. Oft ist es nur ein Umhang, der den Rollenwechsel anzeigt, doch diese Reduktion auf das Wesentliche bringt das Publikum zum Nachdenken und Lachen. Und auf das 750. Stadtjubiläum gibt es am Ende des Stückes noch eine Vorschau.

Vorstellungen im Dezember: freitags und samstags um 19.30 Uhr, sonntags um 17 Uhr, Karten kosten 18 Euro