• Bürgermeisterkandidat Martin Kaspar: Mehr Professionalität fürs Michendorfer Rathaus

Bürgermeisterkandidat Martin Kaspar : Mehr Professionalität fürs Michendorfer Rathaus

Martin Kaspar (SPD) will am 1. September zum Michendorfer Bürgermeister gewählt werden. 100 fehlende Kitaplätze in der Gemeinde waren der Auslöser für seine Kandidatur.

Martin Kaspar.
Martin Kaspar.Foto: Enrico Bellin

Michendorf - „Home sweet home“ steht auf dem Tablett, auf dem Martin Kaspar Kaffee und Wasser auf die Terrasse seines Einfamilienhauses in Wildenbruch trägt. Alles wirkt bodenständig, wie man es von einem gebürtigen Schwaben erwartet. Im Carport steht zwar ein Motorrad. Doch das fährt er weniger aus Leidenschaft als aus Pragmatismus, sagt der 38-Jährige. „Den Führerschein dafür habe ich gemacht, als wir hergezogen sind.“ Das Motorrad sei einfach praktisch, falls die Bahn mal ausfällt. Er könne es direkt vor dem Bundestag parken. Kaspar ist wissenschaftlicher Mitarbeiter des SPD-Bundestagsabgeordneten Martin Gerster, am 1. September möchte er zum Bürgermeister von Michendorf gewählt werden.

Vor knapp drei Jahren zog der Sozialdemokrat mit seiner Frau von Berlin in den Michendorfer Ortsteil. Das Grundstück in der Neubausiedlung am Rande von Wildenbruch hätten sie sich ausgesucht, da beide aus ländlicheren Gegenden kommen und die Hauptstadt verlassen wollten. Vor 14 Monaten kam Sohn Simon zur Welt. Martin Kaspar kennt die Probleme von Eltern in Michendorf: Fehlende Kita-Plätze und volle Züge, wenn er morgens zur Arbeit fährt und das Motorrad im Carport bleiben soll.

Mehr Professionalität muss möglich sein

Die etwa 100 fehlenden Kitaplätze der Gemeinde waren auch ein Auslöser für die Kandidatur zum Bürgermeister, für die sich Kaspar einer Urabstimmung unter den Michendorfer SPD–Mitgliedern gestellt und mit rund 60 Prozent der Stimmen deutlich gewonnen hat. Dazu kamen die vor Gericht für rechtswidrig erklärte Straßenreinigungsgebührensatzung oder die Friedhofsgebührensatzung, die jahrelang nicht angepasst wurde und in einer Neufassung plötzlich Gebührenerhöhungen von 300 Prozent vorsah. „Ein Stück mehr Professionalität muss da möglich sein“, sagt Kaspar.

Die Kommunalpolitik kennt der Politprofi von beiden Seiten, als Gemeindevertreter und als Angestellter einer Stadt. Fünf Jahre saß er als gewählter Vertreter im Parlament seines Heimatortes Dornstadt nahe Ulm. Die Gemeinde hat 8500 Einwohner, sie besteht aus mehreren Ortsteilen. „Die Struktur ist ähnlich wie Michendorf“, so Kaspar. Er war damals mit Anfang 20 einer der jüngsten Gemeindevertreter, die Dornstadt je hatte. Parallel war Kaspar ab 2008 wissenschaftlicher Mitarbeiter am Europäischen Gerichtshof.

Als Wissenschaftlicher Mitarbeiter im Bundestag

Da er für sich als Nicht-Jurist dort aber keine Aufstiegschancen sah, kam 2011 der Wechsel in die Verwaltung der Stadt Schwäbisch Hall. Kaspar wurde Fachbereichsleiter für die zentrale Steuerung und war persönlicher Referent des Bürgermeisters der Stadt mit knapp 40.000 Einwohnern. Auch danach stieg Kaspar die Karriereleiter auf, von 2013 bis 2016 war er Beauftragter für Wirtschaftspolitik in der baden-württembergischen Landesvertretung in Berlin. Seither ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter von Martin Gerster hauptsächlich für Haushaltspolitik zuständig.

Seine politische Erfahrung zeigt sich auch an der Professionalität, mit der Martin Kaspar Wahlkampf führt. Statt eines Faltblattes mit Forderungen verteilt er eine 28-seitige Hochglanzbroschüre an die Michendorfer. Darin geht es zum Beispiel um Bildungspolitik, Kaspar lächelt auf dem ganzseitigen Foto sympathisch vor dem Hintergrund einer Schule in die Kamera. Auf der nächsten Seite sieht man ihn im entspannten Gespräch mit Eltern am Spielplatz. Kaspar will Bürgernähe vermitteln.

Es soll ein Bürgerbudget für Michendorf geben

So möchte er künftig etwa auch ein Bürgerbudget in Michendorf einführen: Im Haushalt soll eine bestimmte Summe fest eingeplant werden. Aus einer Liste von Projekten sollen die Michendorfer dann die auswählen, die mit diesen Mitteln umgesetzt werden sollen. Dass Geld in der Gemeinde vorhanden ist, davon ist Kaspar überzeugt. Man müsse nur Fördermöglichkeiten besser nutzen. So solle die Gemeinde die Grundschule in Michendorf statt für drei gleich für vier Klassenzüge ausbauen, der Zuzug lasse diesen Bedarf vermuten. Zugleich lasse die Gemeinde bei der Sanierung der Schule rund zwei Millionen Euro liegen, weil die Planungszeit nicht auf Förderperioden von Bundes- und Landesprogrammen abgestimmt sei.

Allerdings müsse nicht jede Veränderung, die das Leben der Michendorfer verbessert, viel Geld kosten, sagt Kaspar. So könne man etwa für rund 1000 Euro Luftpumpen neben den Fahrradständern an den Bahnhöfen von Michendorf und Wilhelmshorst installieren. „Das hilft vielen Pendlern ungemein.“ Und um die graffitiverschmierte Bahnhofsunterführung in Michendorf zu verschönern, möchte er gemeinsam mit der Bahn und den mobilen Jugendarbeitern der Gemeinde eine Aktion starten, bei der Schüler die Betonwände legal verzieren können.

Radweg zwischen Langerwisch und Saarmund

Sein erstes Ziel nach der Wahl müsste Martin Kaspar aber schon vor dem möglichen Amtsantritt am 17. Dezember umsetzen, wofür er auf die Zusammenarbeit mit dem amtierenden Bürgermeister Reinhard Mirbach (CDU) hofft, der nicht mehr antritt. „Für den Bau des Radweges zwischen Saarmund und Langerwisch läuft die Zeit davon.“ Noch wird darüber verhandelt, wie die Entwässerung eines Gartenbaubetriebes entlang der Strecke funktionieren soll. Erst wenn dort alle Unterschriften getätigt sind, können Vorarbeiten für einen Radwegbau im kommenden Jahr starten. „Das muss bis November passieren, damit bis zum Frühjahr die Bäume gefällt und der Radweg 2020 gebaut werden kann.“ Sonst würde es kein Geld aus der aktuellen Förderperiode mehr geben.

Die Radwege der Gemeinde benutzt Kaspar auch, wenn er sich von der Politik erholen und den Kopf frei bekommen will: Nur fünf Minuten braucht er etwa zum Seddiner See. Kaspar war in seiner Heimatgemeinde Dornstadt zehn Jahre lang im Schwimmverein, trainierte auch selbst Kinder und Jugendliche. Während eines Austauschjahrs in Kalifornien habe er sogar sechs Mal die Woche trainiert, ständig habe es Wettkämpfe gegeben.

Nach seinem Auslandsjahr habe er sich auch politisiert, diskutierte mit Freunden als Verfechter des Atomausstieges. Knapp 20 Jahre ist der 38-Jährige bereits SPD-Mitglied. Für ihn hieß es damals SPD oder Grüne, die Sozialdemokraten seien aber einfach breiter aufgestellt gewesen. Die damalige Wahl bereut er auch angesichts des bundesweiten Umfragetiefs seiner Partei nicht. „Das ist wie bei einem Fußballverein, da bleibt man dabei.“ Höhen und Tiefen gebe es schließlich immer.

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In der nächsten Woche stellen wir Kaspars Gegenkandidatin Claudia Nowka (Bündnis für Michendorf) vor