Borreliose-Hilfe in Teltow : Die unerkannte Krankheit

Viele Menschen leiden an Borreliose – eine Teltower Gruppe bietet Hilfe zur Selbsthilfe.

Foto: Patrick Pleul/dpa

Teltow - Sie kommen immer wieder: Die starken Kopfschmerzen, die schlechte Stimmung, die große Müdigkeit. Alles Symptome, bei denen man nicht sofort an Borreliose denkt. Die durch Zecken übertragene bakterielle Infektion gehört zu den oft lange unerkannten Krankheiten. Ist sie chronisch, helfen keine Medikamente mehr.

Margit Helm weiß, wie sich das anfühlt. Sie wurde selbst von einer Zecke gebissen und leitet seit dreieinhalb Jahren eine Selbsthilfe-Gruppe für BorrelioseErkrankte in Teltow. Bis zu 20 Betroffene kommen regelmäßig zu den Treffen.

Zwar erkranken nach Angaben des Robert-Koch-Instituts nur etwa fünf Prozent der Personen, die von einer Borrelien tragenden Zecke gestochen werden. Doch die Borreliose-Fälle der vergangenen Jahre zeigen, dass die Krankheit auf dem Vormarsch ist. Brandenburg gehört zu den Borreliose-Risikogebieten. Zu den am stärksten betroffenen Regionen im Land zählen Potsdam-Mittelmark, die Prignitz und Barnim. Laut dem Landesgesundheitsministerium wurden im vergangenen Jahr 1518 Borreliose-Fälle gemeldet, 2016 waren es sogar 1765. Im Jahr 2015 gab es 1174 Fälle.

Die Zahlen seien laut Helm nur grobe Anhaltspunkte, „die Dunkelziffer liegt viel höher“, sagt die 64-Jährige. Sie kennt die Geschichten der Betroffenen – viele von ihnen kostet es große Überwindung, über ihre Krankheit zu sprechen. Helm erzählt von einem Maler aus ihrer Gruppe. „Er kann keine weißen Wände mehr sehen“, ihm werde schlecht und schwindelig. Neben Vergesslichkeit und depressiver Stimmung können die Borrelien auch die Augen angreifen, sogar zum Schlaganfall führen, führt Helm weiter aus. „Sie greifen alle Organe an.“

Ähnlich wie bei der Krankheit Multiple Sklerose tritt die chronische Borreliose in Schüben auf. Um die zu vermeiden, helfe vor allem Wärme. So geht es zumindest Helm und vielen anderen Mitgliedern der Gruppe. „Wir besprechen was wir vertragen und was weniger gut hilft.“ Sich austauschen, sich ernst genommen fühlen, lernen, mit der Krankheit zu leben – darum gehe es bei ihren Treffen. Junge Menschen sucht man dort aber vergeblich, obwohl die Krankheit alle Altersgruppen betrifft. Die Jungen, so vermutet Helm, würden das eher mit sich selbst ausmachen.

Dabei weiß die Teltowerin, wie hart der Kampf nicht nur gegen die Krankheit, sondern vor allem auch gegen die Krankenkassen ist. „Borreliose wird von den Kassen nicht anerkannt.“ Sie würden lediglich die Kosten für die aus der Borreliose entstehenden Zweiterkrankungen übernehmen. Die Krankheit an sich sei selbst auch vielen Medizinern wenig bekannt, so Helm. Besonders ärgerlich sei das, wenn es um Pflegeleistungen gehe – die Sorge der Erkrankten, auch in Teltow, ist groß, dass man in solchen Fällen keine bis wenig Unterstützung bekommt.

„Hier muss mehr passieren“, so Helm. Ein Schritt, um öffentlich mehr Aufmerksamkeit zu bekommen und auch andere Betroffenen zu gewinnen, ist die Beteiligung der Selbsthilfe-Gruppe an Veranstaltungen. Helm und einige ihrer Mitstreiter werden sich daher am 3. März zum 12. Naturheilkundetag im Kleinmachnower Rathaus vorstellen.

Unterstützung bekommt die Gruppe auch von dem Borreliose-Experte Anton Waldherr. Der Mediziner beschäftigt sich seit fast 20 Jahren mit der Krankheit und hat 2015 in Kleinmachnow die privatärztliche Laborpraxis Dedimed gegründet. Das Unternehmen ist auf die Diagnostik von Borreliose spezialisiert. Waldherr wird am Naturheilkundetag, rechtzeitig vor dem Start der Zeckensaison, über die Krankheit informieren. Helm und ihre Mitstreiter indes versuchen, die Borreliose auf ihre Weise zu bekämpfen: mit Atemtherapie oder Ausflügen, die seien gut fürs Gemüt. Eva Schmid

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