Bildung in Potsdam-Mittelmark : Erst Geflüchtete, jetzt Englisch-Lehrerin

Vor kaum drei Jahren flüchtete Alaa Kassab aus Aleppo, nun unterrichtet sie Englisch in Geltow. Möglich gemacht hat das ein Integrationsprogramm der Universität Potsdam.

Schon in Syrien hat Alaa Kassab Englisch unterrichtet, nun bringt sie die Sprache Geltower Erstklässlern bei.
Schon in Syrien hat Alaa Kassab Englisch unterrichtet, nun bringt sie die Sprache Geltower Erstklässlern bei.Foto: Peter Raddatz

Geltow - Die Stunde beginnt mit wackelnden Händen. „Stand up, shake your hands“, ruft Alaa Kassab ihren Schülern zu. Rund 20 Erstklässler in der Geltower Meusebach-Grundschule schütteln sich in alle Richtungen. Es ist eine der ersten Englischstunden der vor wenigen Wochen eingeschulten Kinder. „What colour do you like?“, fragt Kassab. Die Zeigefinger schnellen in die Höhe, jeder will seine Lieblingsfarbe zum Besten geben oder ein rotes, grünes oder gelbes Pappschild an die Tafel hängen.

Auch für die Lehrerin Alaa Kassab ist es noch neu, allein vor der Klasse zu stehen: Sie stammt aus Syrien, flüchtete vor knapp drei Jahren aus Aleppo nach Deutschland. Seit einem Jahr ist sie Assistenzlehrerin an der Geltower Grundschule, seit Beginn dieses Schuljahres hat sie ihren eigenen Kurs. Darauf ist die junge Frau stolz – denn ihr Parcours ist alles andere als selbstverständlich.

Alaa Kassab.
Alaa Kassab.Foto: Sebastian Gabsch

Sie nahm an einem Vorbild-Projekt der Uni Potsdam teil

Die 25-Jährige, die mit ihrem deutschen Freund in Potsdam-West wohnt, gehört zum ersten Jahrgang des Refugee Teachers Welcome Program der Universität Potsdam. Im April 2016 begann sie das Programm, damals trafen die PNN sie das erste Mal und seither in unregelmäßigen Abständen.

Das Programm der Universität sorgte als erstes seiner Art bundesweit für Aufmerksamkeit: Flüchtlinge, die schon im Herkunftsland als Lehrer gearbeitet hatten, werden in eineinhalb Jahren – inklusive Intensiv-Deutschkurs – so geschult, dass sie in Brandenburgs Schulen lehren können. Zunächst sollen sie dort hospitieren, dann zunehmend selbst unterrichten. Drei Jahrgänge wurden bisher verabschiedet, der vierte läuft und im Sommersemester 2019 soll erneut eine Gruppe starten. „Wir haben schon über 100 Interessenten auf der Warteliste“, sagt Miriam Vock, Professorin und Koordinatorin des Programms an der Universität – bevor überhaupt die offizielle Bewerbungsfrist begonnen hat. Mittlerweile haben mehrere deutsche Universitäten ähnliche Programme aufgelegt.

Die neuen Lehrer können eine Brücke zu geflüchteten Kindern sein

Ein „doppelter Gewinn“, so hatte Brandenburgs Wissenschaftsministerin Martina Münch (SPD) das Programm Refugee Teachers bei Alaa Kassabs Diplomverleihung vor einem Jahr genannt. Denn Brandenburg sucht händeringend Lehrer – zugleich können die Geflüchteten so schnell wieder ihren Beruf ausüben. Dazu könnten die Absolventen, so Münch damals, eine Brückenfunktion zu geflüchteten Kindern einnehmen. Das habe sich auch bei vielen Absolventen bewahrheitet, sagt Miriam Vock. „Bei vielen klappt diese Vermittlerfunktion sehr gut, sie können etwa bei sprachlichen Problemen übersetzen oder in Willkommensklassen helfen“, erklärt sie.

Diese Funktion fällt für Alaa Kassab in Geltow weg: An der Meusebach-Grundschule gibt es keine geflüchteten Kinder. „Ich bin die einzige Geflüchtete an der ganzen Schule“, sagt sie. Trotzdem fühlt sie sich wohl hier: „Ich bin so voll im deutschen Schulsystem.“ Denn das gehört, neben der Sprache, zu den größten Hürden auf ihrem Weg. „Meine Kollegen sind in Deutschland aufgewachsen und selbst zur Schule gegangen. Für sie ist vieles selbstverständlich, was ich erst lernen muss“, erklärt sie in flüssigem, fast fehler- und akzentfreiem Deutsch. Wie Elterngespräche ablaufen etwa, oder Konferenzen. „Da fühle ich mich immer noch manchmal fremd“, gibt sie zu. Aber die kleine Schule und die aufgeschlossenen Kollegen hätten es ihr leichtgemacht, sich trotzdem schnell zu integrieren.

In Syrien unterrichtete Kassab Grundschulkinder

Mit den Kindern selbst aber, da gebe es keine Probleme. Schon in Syrien unterrichtete sie drei Jahre Englisch für Kindergarten- und Grundschulkinder. „Kinder sind überall Kinder“, sagt sie. Ja, es gebe Unterschiede – durch mehr Freiheiten seien die Kleinen hier lockerer. In Syrien sei es strenger in der Schule, es gebe viel mehr Verbote. „Ich musste mich daran gewöhnen, aber ich finde das gut hier“, sagt Alaa Kassab.

In der Tat merkt man im Unterricht, dass sie sich wohlfühlt mit ihren Schülern. Fröhlich lässt sie die Kinder die Augen schließen, die bunten Schilder an der Tafel werden zum Ratespiel. Selbst die nervösen Stuhlkippler, die es wohl in jeder Grundschulklasse gibt, sind da wieder bei der Sache.

„Ich mag Frau Kassab“, sagt Pauline nach der Stunde: „Weil wir mit ihr englische Lieder hören und singen.“ Laura pflichtet ihr bei: „In jeder Stunde lernen wir neue Wörter, das macht Spaß.“ Die Kinder seien oft neugierig, sagt Alaa Kassab, wenn sie erfahren, dass sie aus Syrien kommt. Im letzten Jahr hätten ihr gerade die älteren Grundschüler viele Fragen gestellt, zu ihrer Familie, zur Flucht, zur arabischen Sprache und Schrift.

Kassab kam über den Libanon und die Türkei nach Deutschland

Sie selbst, sagt sie, denkt nicht mehr oft an die mehrwöchige Flucht, die sie unter anderem über den Libanon, die Türkei und Griechenland führte. „Das ist weit weg“, sagt sie. Ja, ihre Eltern, ihre Familie ist weit weg, man kommuniziert nur per WhatsApp. „Aber man lebt weiter“, sagt sie. Ihre Schwester konnte sie vor kurzem nachholen, das mache es leichter.

Die junge Lehrerin schaut lieber nach vorne, belegt einen Zusatzdeutschkurs und will vielleicht noch ein zweites Fach neben Englisch studieren. Denn wie es nach dem Schuljahr weitergeht, weiß sie noch nicht. Zwei Jahre werden die Absolventen nach dem Abschluss aus Sondermitteln des Landes beschäftigt, dann müssen sie sich über den normalen Weg bewerben. Auch wenn die Unsicherheit sie belastet, Alaa Kassab ist sich sicher: „Wir werden gebraucht.“


Hintergrund: Das Programm Refugee Teachers Welcome

Das Qualifizierungsprogramm für geflüchtete Lehrerinnen und Lehrer ist 2016 an der Universität Potsdam gestartet. Insgesamt haben bereits drei Jahrgänge das Programm absolviert, der vierte läuft noch. Der aktuelle Jahrgang hatte mit 33 berufserfahrenen Lehrerinnen und Lehrern begonnen, die vor Krieg und Verfolgung nach Deutschland geflüchtet sind – beworben hatten sich 218. Die Mehrheit der Teilnehmer stammt aus Syrien, andere aus Palästina und Libyen. Das Programm wird durch Mittel des Brandenburger Wissenschaftsministeriums und des Deutschen Akademischen Austauschdienstes (DAAD) finanziert. Durch Sondermittel des Landes werden die Absolventen nach dem Abschluss zwei Jahre an Brandenburger Schulen beschäftigt.