Bienen bei der Bahn : Teltows Schienenvolk

Sigrid Karrasch hält zwei ihrer Bienenvölker zwischen den Teltower Bahngleisen. Die Brache sei ideal für ihre Tiere.

Gut geschützt. Sigrid Karrasch geht nur mit Schutzkleidung an ihre Bienenkästen, die von S- und Regionalbahngleisen eingekeilt sind. Hinter den Bäumen ist bereits die Stromschiene der S-Bahn zu sehen. 
Gut geschützt. Sigrid Karrasch geht nur mit Schutzkleidung an ihre Bienenkästen, die von S- und Regionalbahngleisen eingekeilt...Enrico Bellin

Teltow - Es summt auf der Brache zwischen den Regional- und S-Bahngleisen in Teltow, auch wenn kein Zug über die Schienen fährt: Die Teltower Hobby-Imkerin Sigrid Karrasch hält zwei ihrer Bienenvölker auf der Wiese mit wilden Brombeer- und Rosensträuchern, die der Deutschen Bahn gehört. „Das Areal ist perfekt für die Bienen: Zitterpappeln bieten schon im März erste Pollen, in der Nähe gibt es zudem Robinien und viele Kleingärten“, erklärt Karrasch.

Vor drei Jahren ist sie mit ihrem Mann Heinz Pilz von Berlin in die Teltower Beethovenstraße gezogen, seither hält sie Bienen. Die Sozialarbeiterin ist in der Senatsverwaltung beschäftigt und war bis vor kurzem Personalratsvorsitzende. Das Imkern sei der perfekte Ausgleich dazu. „Man kann da geistig richtig reintauchen, mit den Bienen muss man schließlich ruhig und konzentriert arbeiten“, so die 62-Jährige bei einem Gespräch am gestrigen Dienstag. Zur Vorbereitung hatte sie ein Jahr lang eine Vortragsreihe an der Freien Universität Berlin gehört, in der der Umgang mit den Tieren gelehrt wurde. Auch eine Imkerschule in Steglitz hat sie besucht, jeder Schüler konnte anschließend sein „Übungsvolk“ mit nach Hause nehmen. Karrasch schloss sich dann dem Imkerverein der Region Teltow an, kaufte von einem Vereinsmitglied ein weiteres Volk an. Inzwischen stehen fünf Völker in ihrem Garten, jedes hat 50 000 bis 60 000 Bienen. „Die Nachbarn sind zum Glück erfreut und sagen, dass sie seither mehr aus dem Garten ernten“, so die Hobby-Imkerin.

34 Angestellte hat die Bahn für Bienen

Ihr Mann interessiert sich ebenfalls für Forschung rund um die fliegenden Nutztiere. Im Internet ist er auf das Projekt „Gleisgold“ der Deutschen Bahn gestoßen, bei dem die Bahn privaten Imkern ihre Flächen zur Verfügung stellen. 750 solcher Verträge gibt es deutschlandweit. Einer Sprecherin zufolge sind 34 Mitarbeiter bei der Bahn nur für Bienen zuständig. Mit dem Rad sind die beiden Teltower im Frühjahr durch die Gegend gefahren, um nach optimalen Plätzen für zwei neue Völker zu suchen. Dabei fanden sie die Fläche zwischen den Gleisen, drei Kilometer von ihrem Haus entfernt. „Wir haben dann bei der Bahn angefragt und unkompliziert einen Vertrag schließen können“, sagt Heinz Pilz.

Anwohner kommen zum Bienenschauen

Schon etwa eine Woche nach dem Treffen mit dem zuständigen Mitarbeiter sei die Genehmigung erteilt worden. Als Auflage steht ein Warnschild neben den Bienenkästen mit Karraschs Handynummer darauf. Bisher habe sich aber noch niemand durch die Tiere gestört gefühlt, im Gegenteil: „Man sieht öfter Anwohner, die etwa mit ihren Enkeln extra zum Bienengucken herkommen“, sagt Sigrid Karrasch. Da sie noch nicht so lange imkert, zieht sich Karrasch noch immer Schutzkleidung an, wenn sie die Völker kontrolliert oder den Honig erntet. „Die alten Hasen in unserem Verein können da aber nur drüber lachen, die gehen auch ohne an ihre Bienen.“ Bisher habe Karrasch das Jahr mit fünf Bienenstichen überstanden, die sie jedoch alle „durch Schusseligkeit“ selbst zu verschulden habe, wenn etwa eine Biene in einer Kleidungsfalte sitzt, sich durch ein Bücken plötzlich bedroht sieht und zusticht.

Den Umgang mit Bienen will Karrasch nun auch Schülern beibringen. Eine Frau aus dem Imkerverein sei Lehrerin in Teltow, gemeinsam wird an einer AG für Schüler gearbeitet. „Das Interesse ist groß, bei einer ersten Umfrage hatten sich mehr als 30 Kinder gemeldet“, so die Imkerin. Anhand der Bienen könne man nicht nur Respekt vor Lebewesen vermitteln, sondern auch die Physik in einem Bienenstock erklären und das soziale Zusammenleben.

Außerdem könne man den Kindern Verantwortung nahebringen. „Wir müssen als Imker die Bienen etwa mit Ameisensäure gegen die Varroamilbe schützen, die sie sonst vernichten würde.“ Auch auf die Amerikanische Faulbrut hin, eine bakterielle Infektion, müssten die Völker regelmäßig untersucht werden.

Wespen setzen den Bienen zu

Gegen einen Angreifer müssen sich die Bienen in diesem Jahr besonders zur Wehr setzen: Wespen. Die Hitze hat deren Zahl stark ansteigen lassen. „Noch ist es für die Bienen kein Problem, sich gegen eine Wespe zu verteidigen“, sagt Sigrid Karrasch. Doch im Oktober oder November werde es schwierig. „Wespen fliegen auch bei zwölf Grad noch, für Bienen ist das jedoch zu kalt.“ Wie die Völker das überstehen, bleibe abzuwarten. Enrico Bellin

Am 31. August verteilt die Bahn kleine Gläser ihres „Gleisgold“-Honigs ab 10 Uhr am Potsdamer Hauptbahnhof