Beelitz : Chefin mit Rentenbescheid

Eigentlich ist Karin Höpfner schon lange im Ruhestand. Doch die 72-Jährige führt weiterhin das Struik-Werk für Dosensuppen in Beelitz – mit Optimismus und Entschlossenheit.

Gudrun Janicke

Beelitz - Management-Kurse oder Coachings? Fehlanzeige. Die 72-jährige Karin Höpfner fühlt sich auch so gut gerüstet für ihren Job. „Wer etwas will, erreicht es auch“, ist sich die zierliche, aber sehr energisch wirkende Frau sicher. Seit 2005 ist sie Geschäftsführerin eines Produzenten für Suppen und Eintöpfe in Beelitz.

Eine ostdeutsche Chefin über gut 50 Mitarbeiter, die pro Jahr 30 Millionen Dosen mit Suppen für den Einzelhandel in ganz Europa herstellen. Ein Führungsjob in einem Alter, wo andere das Rentnerdasein genießen? Wie klappt das? „Ich habe die Herausforderung angenommen“, erzählt Höpfner. Frauen trauten sich oftmals zu wenig zu, habe sie des Öfteren erfahren. „Eine Frauenquote brauche ich nicht, finde ich auch nicht gut“, sagt sie.

In Brandenburger Wirtschaftsunternehmen beträgt nach Angaben des Frauenministeriums der Frauenanteil 29 Prozent, in der zweiten Führungsriege 43 Prozent. Das Land übertrifft damit den Durchschnittswert in Westdeutschland von 24 und 38 Prozent. Im Vergleich zu den anderen neuen Ländern liegt Brandenburg aber unter dem Schnitt von 30 beziehungsweise 45 Prozent.

Das Beelitzer Suppen- und Eintopf-Werk gehört seit 2005 zum niederländischen Familienkonzern Struik. Mit der Übernahme des einstigen volkseigenen Betriebs, kurz VEB, begann für Höpfner die zweite Karriere. Wenige Jahre vor der Rente übernahm sie den Führungsjob – ohne Vorzimmer und Sekretärin.

1969 stieg die gelernte Bankkauffrau, die zu DDR-Zeiten ein Fernstudium im Finanzwesen absolviert hatte, in den Betrieb ein. Bis zur Wende wurden dort Obst- und Gemüsekonserven sowie Kindernahrung produziert. „Mich faszinierten schon immer Zahlen und Bilanzen“, sagt sie. Im Auftrag der Treuhand, die das Unternehmen verkaufen wollte, musste sie die Geschäftsunterlagen für mögliche Kaufinteressenten aufbereiten, wirkte dann als rechte Hand unterschiedlicher Geschäftsführer und wurde schließlich selbst Chefin. Ihr 65. Geburtstag war ein ganz normaler Arbeitstag, danach ging sie mit Rentenbescheid wie gewohnt weiter zur Arbeit. An Schwierigkeiten im Umgang mit männlichen Geschäftspartnern kann sich Höpfner nicht erinnern. „Nein“, sagt die nur 1,58 Meter große Frau ganz bestimmt. Sie sei in all den Jahren weder bevorzugt noch benachteiligt worden. „Ich wurde immer ernst genommen“, sagt sie. „Es zählen nur Leistung und fachliche Fragen“, betont die 72-Jährige, die sich ehrenamtlich als Richterin am Landessozialgericht und als Ortsvorsteherin in Beelitz engagiert.

Es verwundere sie, dass sich Frauen oft so wenig zutrauen würden. „Woran es liegt, weiß ich nicht: mehr Mut!“, sagt Karin Höpfner, die sich modisch sportlich kleidet und eine praktische Kurzhaarfrisur trägt. Viele Frauen scheuten sich offenbar, etwas durchzusetzen – und versuchten es erst gar nicht. „Natürlich kann man auch mal scheitern. Aber das ist nicht so schlimm wie gar nichts zu tun“, sagt sie.

Bei Problemen in der Firma holt sie alle Beteiligten an einen Tisch. „Allein kann ich nichts erreichen“, sagt sie. Und noch eine Maxime hat die Chefin: Geht nicht gibt es nicht. Sie denke immer positiv, betont sie. Auch nach einem persönlichen Schicksalsschlag – 2015 starb ihr Mann – half ihr die Arbeit weiter.

Heute hat sie einen Gang zurückgeschraubt: Sie sitzt nur noch von Montag bis Donnerstag etwa jeweils zwei bis drei Stunden am Tag an ihrem Schreibtisch. Ob das ausreiche, werde sie häufig gefragt. „Ich bin ja jederzeit per Handy erreichbar.“ Geschäftliche Dinge seien von überall zu besprechen. „Ich will auch etwas loslassen, um einem möglichen Nachfolger eine Chance zu geben“, sagt sie. Allerdings hat die Konzernleitung noch keinen geschickt. Für sie wurde aber nun ein neuer Firmenwagen bestellt. Und Höpfner schaut hin und wieder am Wochenende im Betrieb weiter nach dem Rechten.

Und ihr Rezept als Chefin? „Mit offenen Augen durchs Leben gehen und sich auch mal für andere einsetzen“, sagt Höpfner. Außerdem sollte man sich auch als Geschäftsführerin nicht zu schade sein, mal den Geschirrspüler im Büro auszuräumen.FIRMA STRUIK] Gudrun Janicke