• Bauprojekt in Kleinmachnow: Initiatoren der Elbphilharmonie kämpfen für Demenzeinrichtung

Bauprojekt in Kleinmachnow : Initiatoren der Elbphilharmonie kämpfen für Demenzeinrichtung

Alexander Gérard und Jana Marko kämpfen seit Jahren darum, in Kleinmachnow eine moderne Demenzeinrichtung zu bauen. Jetzt kommt wieder Bewegung in das stockende Projekt. 

Die Projektentwickler Alexander Gérard und Jana Marko.
Die Projektentwickler Alexander Gérard und Jana Marko.Foto: Enja Jans

Kleinmachnow - Sie hatten die Idee zur Hamburger Elbphilharmonie, ihr nächstes Projekt soll in Kleinmachnow entstehen. Der Hamburger Architekt Alexander Gérard und seine Frau, die Kunsthistorikerin Jana Marko, planen am Buschgrabengebiet, direkt an der Grenze zu Berlin eine moderne Einrichtung für Menschen, die an Demenz oder Alzheimer erkrankt sind. Geplant sind bis zu 120 Plätze. Der Grund, warum das Projekt in Kleinmachnow entstehen soll: Alexander Gérard ist Teil der Gérardschen Erbengemeinschaft, der wiederum fast neun Hektar Fläche nahe des Buschgrabensees gehören.

Im Hintergrund werden Gespräche geführt, große Teile der SPD stehen hinter dem Projekt

Doch mit ihrem Projekt namens „Mehr Alz Heimat“ drehen sich die Projektentwickler seit Jahr und Tag im Kreis. Das Projekt stockt, doch langsam kommt wieder Bewegung in die Sache. Es gab im Januar erneut ein Gespräch mit Bürgermeister Michael Grubert (SPD), Gérard und Marko stellten ihr Vorhaben im Februar in der Akademie 2. Lebenshälfte in Teltow vor. Jetzt wollen sie erneut auf die Grünen zugehen, das Gespräch mit denjenigen suchen, die das Projekt bisher abgelehnt haben. Erst am Montag sprachen sie über ihre Pläne im Kleinmachnower Ortsverein der SPD und stießen auf Zustimmung. Und zwar so sehr, dass die SPD für das Projekt nun werben will, auch wenn der rote Bürgermeister der Gemeinde sich dazu bedeckt hält. Der Ortsverein plant nach den Sommerferien eine Veranstaltung zu „Mehr Alz Heimat“ in den Neuen Kammerspielen. Es wäre die erste öffentliche Veranstaltung in Kleinmachnow, auf der die Projektentwickler ihre Ideen vorstellen.

So sieht die Pferdekoppel derzeit aus. 
So sieht die Pferdekoppel derzeit aus. Foto: Eva Schmid

Gegner sprechen von schützenswerten Pflanzen auf der Pferdekoppel

Kein anderes Thema wird in Kleinmachnow politisch so kontrovers diskutiert, wie eine mögliche Bebauung am Rande des Buschgrabengebiets. Selbst innerhalb der Fraktionen in der Gemeindevertretung ist man dazu gespalten. Die Gegner, wie unter anderem der Förderverein LSG Buschgraben Bäketal, sind besorgt, dass die „abwechslungsreiche Biotopausstattung“ durch das Vorhaben bedroht ist. Schützenswert sind aus ihrer Sicht auch die Pferdekoppeln, auf denen Gerárd und Marko ihr Projekt planen. Würde eine Demenzeinrichtung entstehen, bedeute das mehr Lärm und Verkehr. Die Gegner sehen die Naherholung gefährdet.

Mit deutlicher Mehrheit schob die Gemeindevertretung im Dezember der Bebauung des Gebietes und damit der Demenzeinrichtung einen Riegel vor. Der bisher weiße Fleck im Flächennutzungsplan – konkret geht es um die Velängerung der Straßen Am Rund und Wolfswerder – wird demnach in großen Teilen als Grünfläche ausgewiesen. SPD-Fraktionschef Bernd Bültermann kündigte an, einen Antrag auf erneute Änderung des Flächennutzungsplanes noch in dieser Legislatur einzubringen. Er will dafür kämpfen, dass Gérard doch noch Baurecht erhält.

So könnte es einst aussehen
So könnte es einst aussehenGrafik: TSP, Quelle: Mehr Alz Heimat

Und auch die Projektentwickler selbst wollen trotz der Hindernisse nicht aufgeben: „Wir kennen die Widerstände von anderen anderen Projekten und lassen uns nicht entmutigen“, sagt Gérard gegenüber den PNN. Dabei bezieht er sich vor allem auf seine Erfahrungen mit der Hamburger Elbphilharmonie, aus dem Projekt er und seine Frau ausgestiegen sind, nachdem der Hamburger Senat das Ruder in die Hand genommen hatte. Es war Gerárd, der damals seine Studienfreunde, die Stararchitekten Jacques Herzog und Pierre de Meuron, für die Elbphilharmonie mit ins Boot holte.

Stararchitekten Herzog & de Meuron sollen auch in Kleinmachnow aktiv werden

Das renommierte Architekturbüro Herzog & de Meuron soll auch die zukunftsweisende Pflegeeinrichtung in Kleinmachnow gestalten, verspricht Gérard. In Dänemark und der Schweiz haben die Architekten ähnliche Bauten geplant. Es sind Häuser, die luftig wirken – mit viel Holz und Glas. „Den medizinischen Projekten von Herzog & de Meuron ist eigen, dass sie die für Krankenhausbauten so typische klinische Kälte vermeiden“, sagt Gérard. Statt einer Großeinrichtung sind einzelne kleinere Häuser geplant, mittendrin ein Garten der Sinne. Marko träumt davon, dass Patienten in ihren Betten auch in den Garten gefahren werden können.

Warum sich Gérard und Marko für das Thema so engagieren, liegt daran, dass sie persönlich betroffen waren. Sie hatten einen Demenzfall in der Familie. „Wir haben lange, dunkle Flure gesehen, überfordertes Personal erlebt“, beschreibt Marko die damalige Situation. Es soll katastrophal gewesen sein. Nach dem Tod des Familienangehörigen ging das Paar auf Reisen: Sie besuchten über 70 Einrichtungen für Demenzpatienten in Europa, in einer hospitierten sie als Hilfspflegekräfte. Sie sprachen mit dem Pflegepersonal, erlebten wie schwer es vor allem Pflegerinnen haben, Beruf und Familie zu vereinbaren. So reifte die Idee von einer anderen Art Einrichtung: „Mehr Alz Heimat“ soll nicht nur den Erkrankten ein Zuhause bieten, sondern auch den Pflegekräften, das fußläufig an der Einrichtung wohnt.

„Es ist an der Zeit, dass unsere Gesellschaft Verantwortung übernimmt“, sagt Marko. Dabei gehe es darum, alte und kranken Menschen nicht am Rande von Städten oder Gemeinden unterzubringen. Sie sollen in der Nähe ihrer Angehörigen leben, am besten in der Nähe ihres einstigen Umfelds. Das sei besonders für Menschen mit Demenz wichtig. Sie spricht von einem Pilotprojekt in Kleinmachnow.

Bis zu 30 Wohneinheiten könnten für das Personal entstehen. Auf dem Gelände soll es zudem eine Kita geben, für die Kinder des Personals aber auch für die Anwohner. Ein Baumhaus soll Kindern aus der Umgebung Lust machen, sich auf dem Areal aufzuhalten. Gewünscht ist an diesem Ort Leben – in jedem Alter. Geplant ist auch ein Begegnungscafé, das von Ehrenamtlichen geführt wird. Unterstützt wird das Vorhaben vom Deutsche Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen, das das Projekt wissenschaftlich begleiten will. Für Patienten planen die Projektenwickler in Kleinmachnow eine Tages-, Nacht- und Kurzzeitpflege, auch eine mobile Pflege sowie ambulante Wohngemeinschaften und einen Rückzugsort für das Endstadium der Krankheit mit einer intensiveren pflegerischen Betreuung sind geplant.

Enormer Pflegenotstand bis 2030

Wie hoch der Bedarf an einer solchen Einrichtung ist, zeigen aktuelle Zahlen: So soll laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung die Versorgungslücke mit Pflegepersonal in Potsdam-Mittelmark im Jahr 2030 über 80 Prozent betragen. „Besonders starke Versorgungslücken werden bundesweit rund um die Großstädte erwartet, so auch im Berliner Speckgürtel“, sagt Gérard. Gleichzeitig wächst laut dem aktuellsten Demografiebericht des Landkreises von 2016 in Kleinmachnow die Gruppe der über 65-Jährigen bis 2030 um das Doppelte.

Betroffene sollen in Kleinmachnow nicht nur unter Bedingungen leben, wie es sich jeder von uns Gesunden wünschen würde, sondern das Ganze solle auch zu erschwinglichen Preisen möglich sein, verspricht Gérard. Wenn man nicht wohlhabend sei, hätte man bei der Unterbringung von Angehörigen derzeit das Nachsehen. „Da wir das Land besitzen, können wir für das Projekt die Investitionskosten geringer halten.“ Ein Flächentausch kommt für Gérard – wie von manchen Kommunalpolitikern vorgeschlagen – nicht in Frage, damit würden die Kosten steigen. Zudem habe Bürgermeister Grubert signalisiert, dass es auch keine Flächen zum Tausch gebe. Gérard indes bietet der Gemeinde an Flächen zu verschenken – sollte er grünes Licht bekommen. 3,7 Hektar, fast die Hälfte der Fläche des geschützten Buschgrabengebiets, das der Erbengemeinschaft gehört, könnte an die Gemeinde übergehen. „Öffentlich genutzte Fläche sollen auch in öffentliche Hand.“

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