Aus dem Corona-Krisenstab : „Wir stellen uns auf Wochen und Monate ein“

Christian Stein ist Vizelandrat von Potsdam-Mittelmark und leitet den Katastrophenschutz. Im PNN-Interview spricht er über die Auswirkungen des Coronavirus in der Mittelmark.

Coronakrise in Potsdam-Mittelmark. Das Feuerwehrtechnische Zentrum in Beelitz-Heilstätten beherbergt zur Zeit die Kriseneinsatzleitung für den Landkreis Mittelmark.
Coronakrise in Potsdam-Mittelmark. Das Feuerwehrtechnische Zentrum in Beelitz-Heilstätten beherbergt zur Zeit die...Foto: Andreas Klaer

Herr Stein, Sie sind Leiter des Katastrophenstabs des Kreises. Was sind derzeit die Herausforderungen in der Mittelmark?

Die bestätigten Infektionsfälle steigen an, jetzt ändert sich auch die Verteilung. Bisher gab es eine Konzentration entlang der Bahnstrecke des RE7 beziehungsweise der A9. Jetzt betrifft es auch Wusterwitz oder Teltow und Stahnsdorf. Die Schulen sind bis auf Sonderschulen und die Notbetreuung geschlossen, ebenso die Läden bis auf Lebensmittelgeschäfte. Versammlungen von mehr als 50 Menschen sind verboten, bei anderen muss eine Liste über die anwesenden Personen geführt werden.

Wie geht man damit um, wenn sich Menschen nicht daran halten?In der Nacht gab es mehrere Coronapartys im Kreis.

Private Feiern unter 50 Personen sind im Moment noch nicht untersagt. Die Daten, wer da war, müssen aber aufgenommen werden, um Infektionsketten nachverfolgen zu können. Ich möchte aber ganz klar an den Verstand unserer Bürger appellieren: Wir müssen die sozialen Kontakte so weit wie möglich reduzieren und auch Abstand halten, um Tröpfcheninfektionen soweit wie möglich auszuschließen. Das ist bei Veranstaltungen wie Coronapartys nicht mehr gegeben.

Vizelandrat Christian Stein
Vizelandrat Christian SteinFoto: Enrico Bellin

Gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen der Krise im städtischen und im ländlichen Bereich?

Sicher sind die Schließung von Verkaufsstellen und abnehmender Verkehr im städtischen Bereich sichtbarer. Aber ich kann das schwer beurteilen, ich bin bisher kaum aus dem Feuerwehrtechnischen Zentrum in den Heilstätten herausgekommen.

Sie haben auch 2018 schon den Katastrophenstab bei den Großbränden der Region geleitet. Ist Krise gleich Krise?

Die Situationen unterscheiden sich grundlegend. Wir haben jetzt mit einer Situation zu tun, die man nicht greifen kann. Man weiß nicht wie beim Waldbrand, wo es denn gerade brennt. Wir können erst reagieren, wenn Ärzte oder das Gesundheitsamt Fälle melden. Wir sind jetzt im Krisenstab, in dem zehn Mitarbeiter der Kreisverwaltung sitzen, dabei, alle Fragen zu klären und zusammen mit Bürgermeistern die Lage zu meistern. Um beim Vergleich zu bleiben: Es gibt jetzt keine Einheiten wie die Feuerwehr, die man zum Löschen irgendwohin schicken kann.

Auf welchen Zeitraum der jetzigen Ausnahmesituation stellt sich der Landkreis ein?

Wir stellen uns auf Wochen und Monate ein. Wir wissen nicht, wie langsam die Infektionswelle jetzt kommt, wir sind ja erst am Anfang. Und wir wissen auch nicht, wie lange es dauert, bis die Zahl der Infektionsfälle wieder sinkt. So lange die Fälle ansteigen, kann man eine Dauer der Krise schwer voraussagen.

Gehen Sie davon aus, dass nach Ostern Schulen und Geschäfte wieder öffnen?

Das ist schwer zu prognostizieren. Wenn die Infektionswelle allumfassend den Landkreis befallen hat, ist die Notwendigkeit nicht mehr gegeben, Infektionsketten zu unterbrechen. Es kann aber auch sein, dass man noch schärfere Maßnahmen ergreift, um den Kontakt weiter einzudämmen. Ich will keine schlechten Nachrichten verbreiten, aber es kann sein, dass Ausgangssperren wie in anderen Ländern kommen werden.

Die Geschäfte sind zu, die Kinderbetreuung eingeschränkt. Menschen geraten in finanzielle Notlagen. Der Kreis wiederum hat Millionen an Rücklagen. Denkt die Verwaltung über eigene Hilfspakete nach?

Im Moment noch nicht. Jetzt sind wir erst einmal dabei, die Krise zu managen. Das Land hat gerade angekündigt, 500 Millionen Euro zur Verfügung zu stellen. Die Arbeitsagentur hat auch Kurzarbeitergeld unbürokratisch zugesichert. Das sind Faktoren, die Geschäfte nutzen können.

Wann finden die nächsten Beratungen mit den Bürgermeistern statt?

Anfang nächster Woche werde ich wieder zu einer Konferenz einladen. Wir müssen jetzt erst einmal schauen, wie die Maßnahmen greifen und wo noch Probleme liegen.


ZUR PERSON: Christian Stein (CDU), 62, ist stellvertretender Landrat des Landkreises Potsdam-Mittelmark. Er leitet den Katastrophenstab in den Beelitzer Heilstätten. 


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