Potsdam-Mittelmark : Alles genehmigt

Architektin Cornelia Thömmes hat die Siedlungsgeschichte der Kolonie Zern dokumentiert

Henry Klix

Werder (Havel) - Besteht die Kolonie Zern aus Schwarzbauten, sind die Wohn- und Wochenendhäuser städtebaulicher Wildwuchs? Die Werderaner Architektin Cornelia Thömmes kann die Frage nach umfangreichen Recherchen verneinen. „Anhand vieler stadtplanerischer Entwürfe und anderer ergänzender Dokumente hat sich herausgestellt, dass es sich um eine planmäßig angelegte Siedlung handelt, die seit den 1930er-Jahren bis in die kleinsten Details kontinuierlich von den zuständigen Fachbehörden begleitet wurde“, so Thömmes gegenüber den PNN.

Seit Jahren beschäftige sie sich beruflich als Architektin und Stadtplanerin immer wieder mit der Kolonie am Zernseeufer, vor allem mit der seit einigen Jahren komplizierten planungsrechtlichen Situation. Jetzt hat sie eine 64 Seiten dicke Broschüre über ihre Forschungen veröffentlicht, Titel: „Die Kolonie Zern – Ein Beitrag zur Geschichte dieser Siedlung.“ Reich bebildert mit historischen Aufnahmen und Dokumenten wird die Siedlungsentwicklung der Kolonie dokumentiert.

Die Publikation hat einen aktuellen Anlass: Die Stadt hatte das 15 Hektar große Areal mit Wohn- und Wochenendhäusern vor vier Jahren im neuen Flächennutzungsplan zur Grünzone erklärt, womit für die Wohn- und Wochenendhäuser nur noch ein Bestandsschutz gilt. Indirekt wurde unterstellt, dass es sich um illegale Bauten handelt. Thömmes: „Damit wurde die Zukunft der Kolonie Zern festgelegt – sie soll verschwinden.“

Sie geht in ihrer Dokumentation davon aus, dass die Kolonie im Mittelalter aufgegeben worden war, schon bald aber wieder als Siedlungsplatz genutzt wurde. So weise die Bezeichnung „Alte Dorfstelle“ auf eine Dorflage direkt am Havelufer hin. 1917 wurde der Name „Kolonie Zern“ amtlich. In den Jahren zuvor war hier die Elkawerft entstanden, auf der Motorboote gebaut wurden.

Als 1934 der Fliegerhorst zwischen dem Bahnhof Werder und der Kolonie Zern gebaut wurde, wurden Laubenbesitzer vom Gelände verdrängt und bauten neue Wochenendhäuser in der Kolonie Zern, nach Thömmes Recherchen genehmigt vom Potsdamer Regierungspräsidenten und vom Generalbauinspektor. In den 1960er-Jahren ging es so weiter: Ein stadtplanerischer Entwurf für neue Wochenendhäuser vom Kreisbauamt Potsdam genehmigt. In den 1970er-Jahren entstand nach einem Bebauungsplan ein weiteres Erholungsgebiet und 1973 ein Erholungsheim und Erntehelferlager. 1978 gab es erste Genehmigungen zum Bau von Wohnhäusern, in den Jahren darauf für vier Wohnblöcke. Thömmes: „Es war eine kleine, abgeschlossene Wohnsiedlung entstanden.“

An der Westseite des Siedlungsgebietes wuchs mit der Zeit ein Gewerbestandort mit Gärtnerei, Lehrlingswohnheim, Fruchtsaft- und Pektinfabrik heran. Im Kern besteht diese Struktur bis heute, die Pektinfabrik gehört heute der Firma Herbstreith & Fox und ist einer der wichtigsten Arbeitgeber in Werder. Deren Erweiterungspläne auf der einen und die Herabstufung der Kolonie zur Grünzone auf der anderen Seite sorgen heute für Zündstoff unter Anwohnern. Das Ergebnis einer Mediation wurde bislang nicht umgesetzt.

Thömmes möchte mit der Dokumentation an der Siedlungsgeschichte interessierte Bürger anregen, unter „einem fundierteren Blickwinkel den Ort kennenzulernen und vielleicht neu zu entdecken“. Carola Bußmann, die mit ihrer Familie in der Kolonie wohnt, dankte schriftlich für diese Arbeit: Thömmes habe durch ihre Dokumentation „Grundlagen geschaffen, um in Zukunft, auch mithilfe der Bürgerinitiative, die Ungerechtigkeit, die den Eigentümern und Bewohnern widerfährt, einer breiten Öffentlichkeit nahe zu bringen“. Henry Klix

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