"Äußerst aggressiv" : Wildschweine attackieren Familie in Stahnsdorf

Ein erneuter Vorfall mit einer Rotte Wildschweine bestärkt Stahnsdorfs Bürgermeister Bernd Albers in seiner Absicht, die Tiere mit Pfeil und Bogen zu jagen.

Wildschweine in Stahnsdorf: Bürgermeister Bernd Albers fordert eine Bogenjagd auf das Schwarzwild.
Wildschweine in Stahnsdorf: Bürgermeister Bernd Albers fordert eine Bogenjagd auf das Schwarzwild.Foto: Ralf Hirschberger/dpa (Symbolbild)

Stahnsdorf - Eine Rotte von Wildschweinen hat am vergangenen Donnerstagmorgen auf dem Privatgrundstück einer Familie in der Vogelsiedlung in Stahnsdorf gewütet und soll dabei sehr aggressiv auf die Familie reagiert haben. Der betroffene Familienvater hatte sich mit einer E-Mail an Bürgermeister Bernd Albers (Bürger für Bürger) gewandt und von einem gezielten Angriff der Tiere berichtet. Das bestätigte Gemeindesprecher Stephan Reitzig auf Anfrage gegenüber den PNN. Verletzt wurde dabei niemand. Zuerst hatte die „Märkische Allgemeine“ im Internet über den Vorfall berichtet.

Unmittelbarer Angriff

Wenige Sekunden, bevor die neunjährige Tochter des Stahnsdorfers die Haustür öffnete, habe eine Rotte Wildschweine die Zäune des Grundstücks durchbrochen. Die Tiere hätten „äußerst aggressiv und sehr zielgerichtet jede Person angegriffen, die von innen die Haustür öffnete“, schilderte der Vater in der Mail an Albers. „Meinen Versuch, das Haus zu verlassen um der panischen Rotte die Zaunpforte zu öffnen und ein Entweichen zu ermöglichen, musste ich mehrfach abbrechen, da die zwei größten Tiere unmittelbar angriffen.“

Nachbargrundstück nicht ausreichend gesichert

Man habe sich bereits ein Bild vor Ort gemacht, sagte Reitzig. Es läge die Vermutung nahe, dass die Rotte über ein Nachbargrundstück eingedrungen sei, auf dem der Zaun nicht ausreichend gesichert worden wäre. Dabei sei die Rotte wohl von der Familie überrascht worden und habe reflexartig fliehen wollen und den Ausgang gesucht. Bei ihrem Rückzug durchbrachen die Tiere erneut die Zäune. Er könne verstehen, wenn sich die Familie angegriffen fühlte, sagte Reitzig. Man gehe anhand der Schilderungen jedoch davon aus, dass die Tiere in Panik gerieten und unkoordiniert umherliefen, um einen Ausgang zu finden. Die Gemeinde hat sich mit dem Jagdpächter Peter Hemmderden in Kontakt gesetzt, der mit der Familie das Gespräch suchen werde. Außerdem gebe es bereits Überlegungen, die Umzäunung des Nachbargrundstücks zu ändern.

Wiederholt Zwischenfälle

Solche Vorfälle sind keine Ausnahmen in der Region. Erst in der vergangenen Woche hatten Wildschweine für Aufregung gesorgt: Am Mittwoch lief eine Rotte, offenbar eine Bache mit ihren fünf Frischlingen, im Berufsverkehr über die Kreuzung von Potsdamer Straße, Iserstraße und Warthestraße in Teltow. Einen Tag zuvor war ein Mopedfahrer in Teltow mit einem Wildschwein zusammengeprallt und leicht verletzt worden. Im Dezember hatte eine Bache zusammen mit sechs bis acht weiteren Wildschweinen die Hündin einer Stahnsdorfer Familie auf einem Privatgrundstück angegriffen und tödlich verletzt.

Bürgermeister befürwortet Bogenjagd

Angesichts des aktuellen Vorfalls hat Bürgermeister Albers in einem Statement erneut seine Forderung nach der Bogenjagd bekräftigt. Nun seien sogar Frauen und Kinder auf ihren eigenen eingezäunten Grundstücken nicht mehr sicher. „Wann genehmigen Sie endlich auch die Bogenjagd, Herr Minister Vogel?“, fragt Albers den brandenburgischen Umweltminister Axel Vogel (Grüne). Die Jäger würden für eine Reduzierung der Schwarzwildpopulation alle zur Verfügung stehenden Jagdmethoden benötigen. „Hierzu gehört neben dem Einsatz energiereduzierter Munition und Lebendfallen auch die Jagdmethode der Bogenjagd“, so Albers.

Auch die FDP-Ortsverbände Teltow und Stahnsdorf haben sich in einer gemeinsamen Presseerklärung dafür ausgesprochen, dass Wildschweine in Wohngebieten geschossen werden dürfen. Die beiden Ortsverbände fordern mehr Personal beim Ordnungsamt sowie eine enge Zusammenarbeit mit den zuständigen Jagdgenossenschaften. „Ziel muss es sein, dass mehr Jäger als bisher die in den Wohngebieten umherstreunenden Wildschweine jagen und schießen, um so die Anzahl der Wildtiere in den Wohngebieten merklich zu reduzieren“, heißt es in der Pressemitteilung. Die FDP unterstützt zudem den Einsatz von sogenannter energiereduzierter Munition im Stadtgebiet – sie soll mit verringerter Kraft fliegen und dadurch im Tier verbleiben. Jedoch ist sie bislang nicht zur Wildschweinjagd zugelassen. Aktuell lässt das Umweltministerium ein Gutachten zu der Munition erstellen. Wie berichtet hatte sich Umweltminister Vogel gegen die Bogenjagd ausgesprochen.

Hintergrund

Umweltminister Axel Vogel (Grüne) hatte sich wie berichtet gegen einen Test der Bogenjagd ausgesprochen. Diese sei aus guten Gründen seit vielen Jahren in Deutschland verboten, daran wolle auch Vogel nichts ändern.


Im Frühjahr soll ein Gutachten über die Wirkung von energiereduzierter Munition fertig sein und in der Region vorgestellt werden. Die Munition tritt nicht wieder aus dem Tier aus und kann deshalb auch innerorts verwendet werden. Allerdings muss noch geprüft werden, ob sie das getroffene Tier zuverlässig tötet. Daneben setzt das Ministerium auf einen verstärkten Fang der Tiere mit Fallen, die sicherere Einzäunung von Grundstücken und Aufklärung der Bevölkerung, um das Füttern der Tiere zu verhindern.

Außerdem solle über „alternative Verfahren zur Wildschweinregulierung“ gesprochen werden, wie das Ministerium auf PNN-Anfrage sagte. Dazu werde Kontakt zum Leibniz-Institut für Zoo- und Wildtierforschung aufgenommen. Details nannte das Ministerium nicht.

Der Deutsche Bogenjagdverband hat in einer Pressemitteilung sein Bedauern darüber geäußert, dass der Umweltminister den Verband bei dem Thema nicht mitangehört habe. Der Vorstand erklärte in seiner Mitteilung die Vorteile der Bogenjagd.

Ein Pfeil durchdringe demnach den Tierkörper komplett, wirke sekundenschnell und waidgerecht. Außerdem würden dank der leisen Jagdmethode keine weiteren Tiere aufgeschreckt werden.

Eine von politischer Seite beauftragte Untersuchung könne die Vorteile belegen, so der Verband. Er verwies auf die positiven Erfahrungen mit der Jagdmethode in Madrid und anderen spanischen Großstädten. Der Verband ist der Ansicht, dass sich für die wissenschaftliche Begleitung der Bogenjagd keine Einrichtung beworben hatte, weil sie Repressalien von Tierschützern fürchteten. Wie berichtet war das 2019 von Bernd Albers angestoßene Projekt gescheitert, da keine Einrichtung gefunden werden konnte.


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