Abgesagtes Baumblütenfest : Stadt Werder (Havel) verbietet Ersatzfestmeile

Werder macht Schluss mit lustig: Das Blütenfest ist auch für 2021 abgesagt – oder vielleicht noch länger. Doch die Werderaner wollen feiern. Eine Ersatzfestmeile in der Stadt wird es aber nicht geben.

Nach 140 Jahren ist Schluss: Das Baumblütenfest, wie man es von jeher kennt fällt aus – und das gleich zwei Jahre.
Nach 140 Jahren ist Schluss: Das Baumblütenfest, wie man es von jeher kennt fällt aus – und das gleich zwei Jahre.Foto: Sammlung Erhard Schulz

Werder (Havel) - Nach der überraschenden Absage des Werderaner Baumblütenfestim Jahr 2020 ist am Mittwoch bekannt geworden, dass Ostdeutschlands größtes Volksfest gleich zwei Jahre ausfällt, also auch 2021. Der Grund: Die Stadt Werder (Havel) hat keinen passenden Betreiber für das Baumblütenfest gefunden, der Vertrag mit dem bisherigen Partner ist ausgelaufen.

Die Stadtspitze um Bürgermeisterin Manuela Saß (CDU) kündigte am Mittwoch an, ein „umfassendes und fachlich begleitetes Einwohnerbeteiligungsverfahren“ für die Neuausrichtung des Festes zu starten. Über die Zukunft des Werderaner Baumblütenfestes sollen nicht nur die Stadtpolitiker, sondern auch die Bürger mitentscheiden dürfen. Dafür ist am 27. November um 18 Uhr auf der Bismarckhöhe eine Einwohnerversammlung geplant, im Frühjahr könnte dann eine Einwohnerbefragung stattfinden, sagte Saß in einer Mitteilung. Im Frühsommer soll die Diskussion mit Politik und Verwaltung in mehreren Workshops fortgesetzt werden, so die Planung.

Vielelicht 2022 wieder ein Fest

Bis Herbst nächsten Jahres sollen in Arbeitsgruppen mehrere Varianten für eine Neuausrichtung des Baumblütenfestes erarbeitet werden. Nach einem erneuten Feedback der Einwohner sollen die Stadtverordneten dann im Winter 2020/2021 entscheiden, welche der Varianten Grundlage für eine Neuausschreibung sein soll. Mit der Neuausschreibung rechnet die Stadtverwaltung im Sommer 2021 – läuft alles gut, findet das Baumblütenfest dann wieder im Jahr 2022 statt. Ob der Zeitplan tatsächlich eingehalten wird, ist jedoch fraglich. „Beteiligungsprozesse sind komplex. Ein Verfahren muss sich dem Gesamtprozess immer wieder anpassen“, sagte Linus Strohmann am Mittwoch. Strohmann arbeitet seit Juli in der Werderaner Stadtverwaltung als Referent für Einwohnerbeteiligung, er soll das Beteiligungsverfahren maßgeblich begleiten.

Zwischen Verständnis, Wut und Enttäuschung

Unterdessen hat sich eine rege Diskussion in der Stadt entwickelt, wie es trotz der Absage mit dem Baumblütenfest nun weitergehen soll. In den sozialen Netzwerken, vor allem auf der Social-Media-Plattform Facebook, haben etliche Werderaner Verständnis für das Vorgehen der Stadt gezeigt und hoffen darauf, dass ein neu gestaltetes Fest weniger Radau, Aggressivität und stark Betrunkene mit sich bringen wird. Viele Nutzer auf Facebook zeigten sich aber auch enttäuscht und wütend über die Absage. Sie nahmen Bezug auf das Oktoberfest in München, das auch nicht einfach so abgesagt werden könne. Verärgert waren viele Nutzer auch darüber, dass die Stadt schon länger wusste, dass die Vergabe platzen könne und dennoch keine Alternative gesucht habe. Überlegt wurde bereits, eine Unterschriftenaktion zu starten, um gegen die Absage zu demonstrieren.

Unterstützung auch aus Potsdam

Eine Demonstration vor dem Schützenhaus, in dem die Stadtverordneten am 19. September zu ihrer Sitzung zusammenkommen, hat Obstbauer Michael Schultz angekündigt. Er will um 18 Uhr zusammen mit weiteren Werderanern den Stadtpolitikern und der Verwaltung zeigen, wie wütend er über die misslungene Kommunikation ist. „Alle am Fest Beteiligten hätte man unter dem Titel Problem Baumblüte frühzeitig zusammenbringen und gemeinsam über eine Lösung nachdenken sollen“, so Schultz. Die Obstbauern und die vielen Unternehmen, die von dem Fest profitieren, vor vollendete Tatsachen zu stellen, sei ein „Frevel an den Bürgern“. Der Obstbauverein, zu dem Schultz nicht gehört, wird sich an dem Protest nicht beteiligen. Schultz betonte, dass das Fest nicht nur für Obstbauern finanziell wichtig sei. „Januar, Februar, März sind schlechte Monate auch in der Gastronomie und Hotellerie in Werder (Havel), da ist die Zeit vor, während und nach der Baumblüte enorm wichtig.“

Sie kamen in Scharen, die Besucher des zehntägigen Baumblütenfestes. Jetzt will sich die Stadt sortieren, zusammen mit den Einwohnern über die Neuausrichtung sprechen. Viele fordern ein Zurück zu den Anfängen, also das Feiern auf den Plantagen und den Gärten und weniger Remmidemmi.
Sie kamen in Scharen, die Besucher des zehntägigen Baumblütenfestes. Jetzt will sich die Stadt sortieren, zusammen mit den...Foto: Sebastian Gabsch

Auch der Chef der Weißen Flotte, Jan Lehmann, zeigte sich am Mittwoch überrascht, dass das Baumblütenfest voraussichtlich für zwei Jahre nicht stattfinden wird. Sein Fahrgastschiffbetrieb startet mit den Touren nach Werder in die Saison, an den zehn Tagen beförderte er rund 15.000 Gäste. „Da reden wir von richtig viel Geld.“ Lehmann betonte, dass er vorbereitet sei mit den Schiffen nach Werder (Havel) zu fahren, auch wenn das Fest offiziell abgesagt ist. Er wolle jetzt den Kontakt zu Werderanern suchen, die dennoch die Blüte feiern wollen.

Privater Festumzug geplant

Und das scheinen tatsächlich doch einige Bewohner zu sein. So hat der Präsident des Werderaner Karnevalvereins „Freunde des Frohsinns“, Christian Zube, auf Facebook bereits eine Veranstaltung unter dem Motto „140 Jahre sind uns nicht genug“ erstellt. Er plant einen kleinen Festumzug von der Kemnitzer Straße zu Fischer Mai auf die Insel. Zube ruft andere Vereine und Interessensgemeinschaften dazu auf, sich daran zu beteiligen. Die Kultgarage in Werder hat bereits Unterstützung zugesagt. Für die Idee, das Baumblütenfest selbst im kleinen Rahmen zu organisieren, erhielt Zube viel Lob in den sozialen Netzwerken. Die Stadt indes erklärte am Mittwoch auf Nachfrage: Es wird keine Unterstützung und auch keine Erlaubnis für eine Ersatzfestmeile im Stadtgebiet geben. Zube plant, den Festumzug als Demonstration anzumelden.

Am Mittwoch kündigten auch etliche Obstbauern erneut an, ihren bereits angesetzten Obstwein auf den Obsthöfen und Gärten weiterhin verkaufen zu wollen. Unverständnis für eine weitere Absage kam von Obstbauer Stefan Lindicke: „Die Verwaltung muss doch in der Lage sein, innerhalb von anderthalb Jahren ein Konzept und einen Betreiber zu finden.“

Immerhin signalisierte Regiobuschef Hans-Jürgen Hennig, dass er trotz offizieller Absage bereit sei, die bei vielen Gästen beliebten Blütenrundfahrten weiterzuführen – jedoch „können die rechtlichen wie finanziellen Voraussetzungen nur in der Zusammenarbeit von Landkreis, als unserem Aufgabenträger, der Stadt Werder und dem Obstbauverein geschaffen werden“.

Vermutlich der erste Ausfall

Ob das Baumblütenfest schon einmal ausgefallen ist, lässt sich historisch nicht mehr genau rekonstruieren, da das Fest nicht durchgängig dokumentiert sei, sagt Werders Ortschronist Baldur Martin. Zu Zeiten der Nationalsozialisten soll das Fest 1935 und 1936 in ein Kirschenfest umgemünzt worden sein. 1978 wurde infolge der größten Randale in der Geschichte des Festes ein sozialistisches Volksfest gefeiert. Dafür wurde das Zentrum der Feier auf die Insel verlegt, um durch den einzigen Zugang über die Inselbrücke die Besucher besser kontrollieren zu können. Nach der politischen Wende versuchte erst die Stadt das Fest selbst auf die Beine zu stellen, kam aber schnell an ihre Grenzen und ließ es Anfang der 1990er-Jahre professionell betreiben.