20-jähriger Flüchtling vor die Tür gesetzt : Streit in Teltow wegen Wohnungs-Rausschmiss

Ein 20-jähriger Flüchtling ist in Teltow kurz vor Weihnachten aus seiner Wohnung verwiesen worden. Berechtigt? Unklar. Es steht Aussage gegen Aussage.

Er sei davon ausgegangen, dass er in dem Asylheim in der Potsdamer Straße eine eigene Wohnung beziehen könnte, sagt Anas Jarmal Jarmal.
Er sei davon ausgegangen, dass er in dem Asylheim in der Potsdamer Straße eine eigene Wohnung beziehen könnte, sagt Anas...Foto: Andreas Klaer

Teltow - Die Taschen standen auf dem Flur, das Schloss zur Wohnung wurde ausgetauscht, vor der Eingangstür hing ein Zettel: „Deine neue Wohnmöglichkeit ist das Heim in Stahnsdorf. Hier kannst du nicht wohnen.“ Der Fall des 20-jährigen Anas Jarmal aus Äthiopien, der drei Tage vor Weihnachten aus einem Wohnverbund für junge Geflüchtete in Teltow verwiesen worden ist, sorgt aktuell für Kritik.

Der Äthiopier beklagt, plötzlich vor die Tür gesetzt worden zu sein

Der Kleinmachnower Rechtsanwalt Andreas Schramm, Chef der mittelmärkischen Piraten, hatte den Fall publik gemacht. Es ist ein Streit, bei dem Aussage gegen Aussage steht. Der junge Äthiopier beklagt, dass er von einem Tag auf den anderen vor die Tür gesetzt worden sei – für ihn ohne Grund. Der Träger des Wohnverbundes, Job e.V., der mit dem Jugendamt des Landkreises zusammenarbeitet, betont, dass seit September ein Auszug bevorstünde.

Was genau ist passiert? Im Oktober 2018 hatte der für stationäre Hilfen zuständige Leiter des Sozialträgers Job e.V., Hans Hansen, das Betreuungsverhältnis mit Jarmal beenden wollen. Der Grund: Er hätte sich häufig nicht an Abmachungen gehalten, hätte Besuch empfangen und mit diesem auf dem Zimmer Alkohol getrunken, was gegen die Hausregeln verstößt. Auch gegenüber einer Mitarbeiterin soll er einmal handgreiflich geworden sein. Daraufhin schickte das zuständige Jugendamt im Oktober Jarmal ein Schreiben, in dem er aufgefordert wurde, die Stadt zu wechseln und in eine Flüchtlingsunterkunft nach Bad Belzig zu ziehen.

Der Umzug nach Bad Belzig wurde verhindert

Das Netzwerk Tolerantes Teltow schaltete sich ein, eines der Mitglieder, der Teltower Roni Jacobowitz, der den Äthiopier ehrenamtlich betreut, reichte damals beim Potsdamer Verwaltungsgericht Widerspruch ein, um den Umzug nach Bad Belzig zu verhindern.

Der Landkreis lenkte ein, ebenso der Träger. „Wir einigten uns auf einen Kompromiss“, sagt Job-e.V.-Leiter Hansen gegenüber den PNN. Vereinbart wurde laut Hansen, dass sich Jarmal künftig an die Regeln halten solle – sonst drohe der Rausschmiss. Und dass er umziehe, sobald ein Platz in einem Flüchtlingsheim in der Region Teltow frei werde.

In den Unterlagen steht nichts von einem Aus- oder Umzug

Doch von Letzterem will Jarmal nichts wissen. Das sei so nicht besprochen worden. Er sei davon ausgegangen, dass er in dem ehemaligen Männerwohnheim in der Potsdamer Straße in Teltow eine eigene Wohnung beziehen könnte, sagte er den PNN. Der junge Mann blättert durch einen Stapel Unterlagen. Darin die Vereinbarung von Oktober: von einem Aus- oder Umzug steht darin nichts.

Umso mehr ist Jarmals ehrenamtlicher Betreuer über das Vorgehen der Behörden empört: Am 18. Dezember, fünf Tage vor Weihnachten, kam der Bescheid, dass der Geflüchtete noch am nächsten Tag, dem 19. Dezember, in das Stahnsdorfer Heim am Ende der Ruhlsdorfer Straße ziehen sollte. „Dass so verfahren wird, geht in einem Rechtsstaat nicht“, sagt Jacobowitz. Noch am 20. Dezember ging er persönlich zum Potsdamer Verwaltungsgericht und reichte wieder einen Eilantrag ein. Jarmal ist derzeit bei Jacobowitz untergekommen.

Seit Oktober gab es keine Probleme mehr mit Jarmal

Auf die Frage, warum ein Platz in Stahnsdorf keine Alternative sei, erklärt Jarmal, dass die Einrichtung am Ende der Ruhlsdorfer Straße schlecht angebunden sei. So habe er Schwierigkeiten, seinen Deutschkurs zu besuchen. Zudem würde er unter gesundheitlichen Problemen leiden, die in größeren Gemeinschaftseinrichtungen verstärkt würden. „Das wissen die von Job e.V.“ Auf seiner Flucht nach Deutschland saß der Äthiopier in Gefängnissen in Syrien und Libyen – da war er ein Teenager. Mit 17 Jahren kam er als unbegleiteter, minderjähriger Flüchtling nach Deutschland. Seit einem Jahr lebt er in Teltow, er spricht mittlerweile gut Deutsch und will eine Lehre als Automechaniker machen.

Gegenüber den PNN erklärt er, dass er zwar „manchmal Mist gebaut“, aber sich dafür entschuldigt habe und nun alles mache, was von ihm gefordert werde. Auch der Einrichtungsleiter von Job e.V. bestätigt, dass es nach dem Gespräch im Oktober keine Probleme mehr gab.

Trotzdem eskalierte der Konflikt

Aber warum ist die Situation dennoch eskaliert? Für Hansen von Job e.V. ist die Sache klar: Seit Oktober gebe es den Kompromiss, dass Jarmal, der eigentlich schon früher gehen sollte, solange bleiben darf, bis für ihn ein neuer Platz in einem Heim in der Region gefunden ist – auf seinen eigenen Wunsch hin, betont Hansen. Als es jetzt so weit war, hätten Hansens Mitarbeiter ihn drei Mal versucht, telefonisch und persönlich zu erreichen, um ihn über den Umzug zu informieren, ihm Hilfe anzubieten. Vergeblich: Jarmal soll nicht darauf reagiert haben. „Daher habe ich schließlich von meinem Hausrecht Gebrauch gemacht.“ Der Äthiopier hingegen bestreitet, dass er mehrmals benachrichtigt wurde. Er habe lediglich den Bescheid unter der Türe durchgeschoben bekommen. Als er von einem zweitägigen Besuch bei einem Freund am 20. Dezember nach Teltow zurückkam, lagen seine persönlichen Gegenstände im Flur.

Bei einem letzten Gespräch zwischen Jarmal, seinem Betreuer Jacobowitz und dem Einrichtungsleiter Hansen war auch der Teltower Stadtverordnete Eberhard Adenstedt (Grüne) mit dabei. Adenstedt steht dem Netzwerk Tolerantes Teltow nahe. „Es ist unverantwortlich, einen traumatisierten jungen Mann, der mühsam in Teltow erste Kontakte geknüpft hat, auf diese Art und Weise rauszuschmeißen.“ Zurück in den Wohnverbund will Jarmal aber nun auch nicht mehr – jetzt hofft er, ein neues Zuhause zu finden.

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