140-jähriges Jubiläum : Die bewegte Geschichte des Werderaner Baumblütenfestes

Vor 140 Jahren wurde in Werder erstmals das Baumblütenfest gefeiert. Schon früh gab es dabei Beschwerden über schlechten Obstwein, auch Randale von Jugendlichen blieben nicht aus.

Schon früh gut besucht. Zum 30. Baumblütenfest im Jahre 1909 strömten die Besucher bereits zum Werderaner Plantagenplatz.
Schon früh gut besucht. Zum 30. Baumblütenfest im Jahre 1909 strömten die Besucher bereits zum Werderaner Plantagenplatz.Repro: Sammlung Erhard Schulz

Werder (Havel) - Frauen, die sich vor der Arbeit nicht die Hände waschen und Kinder mit an den Arbeitsplatz nehmen, sowie Schlafzimmer, die als Lagerräume für Obst benutzt werden: Es sind viele Missstände in den Saft- und Obstweinfabriken, die Werders damaliger Bürgermeister Franz Dümichen in seinem „Bericht über die Verwaltung und den Stand der Gemeindeangelegenheiten der Stadt Werder im Jahre 1903 – 1908“ festhält. „Die Herstellung von Obstwein zum Verkauf ist schon in rein äußerlicher Beziehung mehrfach nicht ganz einwandfrei“, fasst Dümichen zusammen. „Sodann enthält der Obstwein zu viel Alkohol.“ Schon 1900 schreibt der Bürgermeister: „Leider werden häufig Klagen über die schlechte Beschaffenheit der Obstweine gehört, die hier während der Baumblüte verabfolgt worden sind“. Damals gab es das Fest, das in diesem Jahr 140. Jubiläum hat und vom 27. April bis zum 5. Mai gefeiert wird, seit 21 Jahren.

Mitten im Ersten Weltkrieg waren 27.000 Menschen in der Stadt

Am 13. März 1879 haben die Mitglieder des Werderaner Obst- und Gartenbauvereines den Entschluss gefasst, den Höhepunkt der Baumblüte in Berliner Zeitungen bekanntzugeben und Sonderzüge aus der Hauptstadt nach Werder fahren zu lassen. „Damit war das Baumblütenfest geboren. Es fanden sich auch elf Obstbauern, die den Berlinern als Fremdenführer ihre Stadt gezeigt haben“, erklärt Werders Ortschronist Baldur Martin. Die Besucherzahlen seien rasant gestiegen: Allein am ersten Festsonntag 1914 kamen 40 000 Besucher. „Auch am 13. April 1916, also mitten im Ersten Weltkrieg, waren 27 000 Menschen in der Stadt“, so Martin.

Die Ankunft eines Extra-Zuges am Werderaner Bahnhof um 1902.
Die Ankunft eines Extra-Zuges am Werderaner Bahnhof um 1902.Repro: Sammlung Erhard Schulz

Die Bauern waren auf die zusätzlichen Einnahmen angewiesen: „Die Obsterträge gingen damals zurück“, sagt der Gartenbauingenieur Sigmar Wilhelm. Die Bauern hatten zu lange das gleiche Obst an gleicher Stelle angebaut, der Boden war ausgelaugt, so der 71-Jährige. Wilhelm war bis zu deren Auflösung 1990 Vorsitzender der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft in Glindow. Der Verkauf von Obstwein bot den Bauern eine neue Einnahmequelle. „Zudem gab es Synergieeffekte: Mit der steigenden Besucherzahl rechnete sich die Gastronomie“, so Wilhelm. Um die Wende zum 20. Jahrhundert entstanden gleich fünf Höhengaststätten: die Gerlachshöhe, der Rauenstein, die Wachtelburg, die Bismarck- und die Friedrichshöhe. Der Obstbau jedoch, der für die namensgebende Blütenpracht in Werder sorgte, profitierte erst deutlich später vom neuen Geldsegen in der Stadt: 1938 wurde das Brauchwasserwerk nach jahrelanger Planung eröffnet, das warmes und nährstoffreiches Wasser aus dem Glindower See auf die nahen Felder pumpte.

Der Werderaner Obstbauer Sigmar Wilhelm (links) und Ortschronist Baldur Martin.
Der Werderaner Obstbauer Sigmar Wilhelm (links) und Ortschronist Baldur Martin.Foto: PNN / Ottmar Winter

In der DDR wurde die Obst-Anbaufläche vervielfacht

Zu DDR-Zeiten wurde das Leitungsnetz erweitert, die Anbaufläche vervielfacht: „In den 70ern gab es in Werder etwa 3000 Hektar Anbaufläche, Ende der 80er waren wir dann bei 10 000 Hektar“, so Wilhelm. Nach Regierungsplan sollte die Region um Werder das damalige Ostberlin und die umliegenden Gebiete ganzjährig mit Obst versorgen können, weshalb hauptsächlich gut lagerfähige Äpfel angebaut wurden. „Teilweise wurden Fichtenwälder gerodet. Auf dem kargen Boden wurde dann Seeschlamm aus der Havel verteilt und eine Bewässerung angelegt, damit dort Apfelbäume wachsen können“, so Baldur Martin.

Dementsprechend stieg auch der Ertrag: Während im Jahr 1900 laut Aufzeichnungen von Bürgermeister Dümichen umgerechnet 3000 Tonnen Obst mit 115 Dampferfahrten nach Berlin gebracht wurden und in den 70ern im Werderaner Obstanbaugebiet etwa 33 000 Tonnen geerntet wurden, waren es Ende der 80er-Jahre durchschnittlich 116 000 Tonnen. Zum Vergleich: Laut dem Landesamt für Statistik wurden im vergangenen Jahr in ganz Brandenburg 32 000 Tonnen Obst geerntet, die meisten Anbauflächen wurden in den 90er-Jahren aufgegeben.

1977 gab es die größte Randale der Baumblüte

Mit dem Aufschwung zu DDR-Zeiten kamen auch außerhalb des Baumblütenfestes mehr Menschen in die Stadt: Allein die Glindower LPG beschäftigte neben 630 Angestellten Sigmar Wilhelm zufolge jedes Jahr 1000 Erntehelfer. Der Stolz auf den Obstbau zeigte sich auch während des Blütenfestes: An der Friedrichshöhe gab es Ausstellungen unter dem Namen „Meister von Morgen“, auf der neue landwirtschaftliche Geräte präsentiert wurden.

Frühe Werbung. Um 1902 entstand diese Postkarte der Friedrichshöhe.
Frühe Werbung. Um 1902 entstand diese Postkarte der Friedrichshöhe.Repro: Sammlung Erhard Schulz
Die Friedrichshöhe um 1910.
Die Friedrichshöhe um 1910.Repro: Sammlung Erhard Schulz

Bei einem Konzert im Rahmen dieser Ausstellung gab es jedoch auch die größte Randale, die das Baumblütenfest in seiner 140-jährigen Geschichte gesehen hat: 1977 haben betrunkene Jugendliche alle Glasscheiben im Saal der Friedrichshöhe zerschmettert. Baldur Martin war damals in seinem wenige Hundert Meter entfernten Garten. „Das waren 200 bis 250 Menschen, die vorher aus Berlin angereist waren“, so der 79-Jährige. Die Polizei habe die Jugendlichen zunächst in den nahen Hohen Weg getrieben. Als sie dort auf das Auto eines Funktionärs Flaschen warfen, habe die Bereitschaftspolizei „die ganze Truppe die lange Treppe zum Bahnhof hinuntergejagt“. Dort hat sie auch Sigmar Wilhelm gesehen, der gerade Bekannte, die zum Fest angereist waren, vom Zug abholte. „Noch in der Nacht wurden dann die Glaser der Gegend zusammengerufen. Am nächsten Morgen war in allen Fenstern wieder Glas.“

Aufgrund des Tumultes wurde das Zentrum des Baumblütenfestes im Folgejahr aber auf die Insel verlegt: Durch den einzigen Zugang über die Inselbrücke hatten die Verantwortlichen gehofft, die Besucher besser kontrollieren zu können. Inzwischen hat die Verwaltung das Festgeschehen aber wieder über die ganze Stadt verteilt, um einen Stau der Massen auf der Inselbrücke zu verhindern.