Lesermeinung : Was sich die DDR unter den Nagel gerissen hat, daran halten unsere Regierungen fest

„Das Ende ist der Anfang“, Position zur Enquete-Kommission und Aufarbeitung der Zwangskollektivierung, 2. 4. 2014.

 

Es ist gut, dass sich ein Historiker zu diesem Thema äußert. Es muss doch etwas von diesem Unrecht in Erinnerung bleiben, was den Bauern zwischen 1945 und 1961 in der DDR zugefügt wurde. Immerhin sind 2,7 Millionen Menschen, darunter Zehntausende Bauern, bis zum Bau der Mauer aus der DDR geflohen und mussten alles zurücklassen. Ich möchte daran erinnern, dass sich am 13. April 2014 zum 54. Mal die Regierungserklärung der Regierung Adenauer jährte, in der mit Unterstützung aller Parteien gegen die Zwangskollektivierung der selbstständigen Bauern in der DDR in donnernden Worten protestiert wurde. Über diese faktische Enteignung hat die damalige Bundesregierung ein Weißbuch gefertigt, mit dem Titel „Die Zwangskollektivierung des selbständigen Bauernstandes in Mitteldeutschland“. Darin wird auf über 140 Seiten dokumentiert, mit welchen verbrecherischen Mitteln die Bauern erpresst und eingeschüchtert wurden, damit sie dem Staat ihren Besitz ausliefern. Nichts wollte man von diesem Unrecht anerkennen, alles würde man bei einer Wiedervereinigung rückgängig machen! Den betroffenen Bauern wurde in ihren Flüchtlingsaufnahmeverfahren bescheinigt, „dass es ihnen nicht zuzumuten war, unter dem kommunistischen System, dem man zuvor alles aushändigen musste, zu arbeiten“. Nach der Wiedervereinigung wollten unsere Regierungen nichts mehr von diesen Bekenntnissen wissen. Das, was die DDR sich von den geflüchteten Bauern buchstäblich unter den Nagel gerissen hat, halten unsere Regierungen bis heute als „Erbe“ mit allen Mitteln fest. Das geht so weit, dass sich das Land Brandenburg von höchstrichterlicher Stelle ein sittenwidriges Verhalten vorhalten lassen musste. Hier setzt jetzt offenbar ein Nachdenken ein – oder doch nicht? Es ist zu hoffen, dass die anderen Bundesländer und auch unsere Bundesregierungen sich dem anschließen, damit der betroffene, mittlerweile sehr alte Personenkreis noch etwas davon hat. Die Krone von allem ist aber, dass gerade die Personengruppe (zum Beispiel ehemalige Kader der SED), die seinerzeit maßgeblich an der Verfolgung der Bauern beteiligt waren, sich nach der Wende an der „Beute“ bereichert hat. Diese Gruppe zählt heute zu den größten Landbesitzern in den neuen Ländern, sie zieht noch immer in leitenden Stellen ihre Strippen und wird zum Teil auch noch mit Subventionen bedacht.

Ulrich Münch, Wörthsee (Oberbayern)