Lesermeinung : Unverständnis

Zum Weggang von Theater-Intendant

Tobias Wellemeyer

Mit Unverständnis und auch großem Bedauern habe ich lesen müssen, dass Oberbürgermeister Jann Jakobs den Vertrag des Intendanten am Hans Otto Theater, Tobias Wellemeyer, nicht über die kommende Spielzeit hinaus verlängern will. Dies erstaunt mich vor allem, weil er sich noch vor wenigen Monaten anlässlich der Feierstunde zum zehnjährigen Bestehen des Neuen Theaters sehr positiv zu dessen Arbeit geäußert hat – zu einer Zeit, in der Herr Wellemeyer stark in die Kritik geraten war.

Obwohl in Berlin lebend, sind viele meiner Bekannten und ich selbst seit mehreren Jahren regelmäßige Besucher des Hans Otto Theaters. Mittlerweile halte ich das HOT für eine der besten kleineren Bühnen in Deutschland. Vor allem weil die langjährige Arbeit Herrn Wellemeyers und seines hervorragenden Ensembles gerade jetzt Früchte trägt. Im vergangenen Jahr habe ich dort Inszenierungen gesehen, die mich sehr bewegt und fasziniert haben und die Begeisterung darüber teile ich mit vielen meiner Bekannten: „Kruso“, „Schöne Neue Welt“, „Peer Gynt“ und nicht zuletzt „Die Wiedervereinigung der beiden Koreas“ (Standing Ovations!) sind nur einige der Höhepunkte. In der Begründung für die Nicht-Verlängerung von Wellemeyers Vertrag merkt Herr Jakobs an, dass es an der Zeit ist, „neue Impulse“ zu setzen. Ich frage mich, wie diese Impulse aussehen sollen und bin mir sicher, dass sie in den kommenden Spielzeiten auch unter der Intendanz Wellemeyer weiter gesetzt würden. Ich befürchte aber nun eine Wende hin zum „ergebnisorientierten“ Theater, in dem es nur noch um Auslastung geht und die Qualität der Inszenierungen keine Rolle mehr spielt. Hauptsache mehr „Klassisch-Traditionelles“, wie es sich Herr Krämer von der Linken wünscht, und, was die AfD freuen wird, keine kritischen Inszenierungen wie „Illegale Helfer“ mehr im Spielplan.

Für mich stellen sich mehrere Fragen: Was wird aus dem mit hohem Engagement und großer Spielfreude agierenden Ensemble? Ich vermute, dass viele der Verträge an den des Intendanten gebunden sind und somit keine Chance besteht, die über viele Jahre gewachsene hervorragende Zusammenarbeit der Schauspielerinnen und Schauspieler, die den zweifelsohne größten Eckpfeiler des HOT bildet, fortzusetzen. Auch die Tatsache, dass das Ensemble nicht schon – wie üblich – zwei Spielzeiten zuvor informiert wird, ist nicht besonders fair und kann für die Schauspieler fatale Folgen haben. Dabei redet Herr Jakobs von „Planungssicherheit“ . Was wird aus der engagierten Arbeit mit und für geflüchtete Menschen, die in den vergangenen zwei Jahren auch überregional als beispielhaft gewürdigt wurde? Was wird aus einer theaterpädagogischen Arbeit, die in der Region ihresgleichen sucht und selbstverständlich nicht kostendeckend gestaltet werden kann? Fällt sie dem Rotstift zum Opfer? Ich bin der festen Überzeugung, dass Herr Jakobs eine Fortsetzung der Intendanz Wellemeyer mit dem momentanen Ensemble unterstützen sollte. Ich fordere, die Entscheidung im Interesse aller wirklich kulturinteressierten Menschen in der Region zurückzunehmen.

Peter Unger-Wolff, Berlin