• „Offenbar gelingt es der Bürgerinitiative, die festgefahrene Debatte um die Garnisonkirche vielstimmiger zu machen“

Lesermeinung : „Offenbar gelingt es der Bürgerinitiative, die festgefahrene Debatte um die Garnisonkirche vielstimmiger zu machen“

„Reiche kritisiert Bürgerbegehren“

vom 9. Juli.

Liebe Frau Reiche, Sie wollen also 16 042 Menschen, darunter auch mir, ihre Urteilskraft absprechen, für das, was sie unterschreiben? Sie möchten sagen, diese Menschen sind so naiv, sich „mutwillig in die Irre führen zu lassen“? Danke, dass Sie uns die Wahrheit sagen! Wahrscheinlich sind diese Menschen noch so benebelt von den „blühenden Landschaften“, die ihnen einst von sogenannten christlichen Demokraten versprochen wurden. Warum hat die Partei Die Linke etwas mit Diktaturen, Enteignungen und Machtmitteln zu tun? War diese Partei schon mal an der Macht? Ist dies nicht so absurd, als wenn ich die CDU mit Hexenverfolgung und Ausbeutung der Bauern im Mittelalter durch die christliche Kirche in Verbindung bringen würde? Wie tief muss das Niveau noch sinken nach den Entgleisungen des Herren Burkhart Franck? Ich befürchte, ich werde nie eine Antwort auf meine Fragen bekommen.

Rico Franke, Potsdam

„Neuer Streit um Garnisonkirche“

vom 3. Juli

Herr Franck (Burkhart Franck, Vorsitzender der Garnisonkirchen-Fördergesellschaft, Anm. d. Red.) hat doch vollkommen recht, auch wenn man über seine Wortwahl streiten kann. Der linken Subkultur wird in Potsdam und anderswo Geld in den Rachen geschmissen, was an anderer Stelle dringender gebraucht würde, zum Beispiel in Bau und Ausstattung unserer Schulen. Und welche Kultur wird im Archiv gepflegt? Die Feinde der Garnisonkirche haben doch längst den Boden der demokratischen Streitkultur verlassen, wenn alle Befürworter in die Nazi-Ecke gestellt werden. Wobei wir beim Thema „Nazi“ wären, eine verniedlichende Umschreibung des Wortes „Nationalsozialisten“! Aber dieser Terminus passt eben so

gar nicht in die Gedankenwelt der Linken.

Jörg Manteuffel, Groß Glienicke

Auf der Internetseite der Garnisonkirchengesellschaft kann man nachlesen, wer dort Mitglied ist. Freundlicherweise steht auch der Wohnsitz dabei. Die „Von und Zu“ sind zahlreich vertreten. Zwei von drei der Mitglieder wohnen nicht in Potsdam, sondern überwiegend in den alten Bundesländern. Nun frage ich mich, wie es die Bürger in Eschborn, Bienenbüttel oder Erkrath finden würden, wenn wir Vereine gründen würden, die sich für den Aufbau nicht mehr existierender Gebäude in ihren Städten einsetzen. Ich glaube, die Empörung wäre sicher groß. Bisher hat dieses Vorhaben in Potsdam nur zu Streit geführt und von Versöhnung kann keine Rede sein. Da auch das Spendengeld seit vielen Jahren nicht zusammengekommen ist, soll der Aufbau nun endlich abgesagt werden. Wir haben andere Sorgen und Probleme.

Karsten Westphal, Potsdam

Gleich zwei Seiten schießen jetzt gegen den Wiederaufbau der Garnisonkirche. 1. Die Bürgerinitiative „Potsdam ohne Garnisonkirche“: Das Bürgerbegehren haben sie geschafft. Und ist Potsdam nicht willig, so folgt ein Bürgerentscheid. Und falls die Mehrheit der wählenden Potsdamer zustimmt, muss die Stadt handeln. Wie? Mit einer gegen elf Stimmen das Kuratorium der Stiftung Garnisonkirche zwingen, den Wiederaufbau zu stoppen. Ein wenig schwierig, nicht wahr? Und das bei einem, so die Bundesregierung, „Projekt von nationaler Bedeutung“. Wieso stimmen dann eigentlich nur die Potsdamer ab? Auch ich möchte mitstimmen. Desgleichen wohl viele andere Deutsche, die zufällig nicht in Potsdam wohnen. Als Wahlbürger sind doch alle Deutschen gleich. Oder sind die Potsdamer gleicher?

2. Die Gesetzestreue Jüdische Gemeinde in Potsdam: Es handele sich um eine „Kirche der Schande“, ein „Symbol der schrecklichen Zeit der deutschen Geschichte“. Gewiss, eine schreckliche Zeit, das „Dritte Reich“. Aber sollten es die Gesetzestreuen als Juden nicht ein wenig besser wissen? Könnte es nicht vielleicht sein, dass diese Kirche eher für das Gegenteil steht? Für das Land Preußen nämlich? Dieses stand für die allmähliche Emanzipation der Juden als eines der ersten in Europa. Mit anderen Worten: Beißt da jemand die Hand, die ihn gefüttert hat?

Ernst-Manfred von Livonius, Geltow

Nicht ganz erst gemeint, aber zur Verdeutlichung sicherlich geeignet: Beinahe hätte es nämlich kein Public Viewing zur Fußball-WM in Berlin gegeben. Aber hat es doch, weil im weltoffenen Berlin keiner ein Problem damit hat, dort fröhlich und gemeinsam zu feiern, wo einstmals Hitlers symbolträchtige Fackelaufzüge stattfanden.

In Potsdam dagegen klammern sich einige an den Handschlag von Hindenburg und Hitler – sie selbst sind anscheinend nicht bereit, diese Kirche vom nationalistischen Ballast, der ihr angehängt wurde und wird, zu trennen. Ist das das Verständnis von moderner Demokratie?

Solche und ähnliche Argumente zeigen, dass das Klima sehr aufgeheizt ist und so, wie man nicht demagogisch klassifizieren sollte: Wer gegen die Garnisonkirche ist, ist gegen Potsdam. Genauso wenig sollte man sagen: Wer für den Wiederaufbau ist, ist für die Vergangenheit. Nun, ohne Vergangenheit gibt es keine Zukunft, jedenfalls nicht die, die uns davor bewahren kann, dass sich Schlimmes wiederholt.

Fakt ist, dass Potsdam mit den Bomben von 1945 schwere Wunden zugefügt wurden, und Fakt ist, dass genauso hart wie jetzt Gegner auch den Wiederaufbau des Stadtschlosses als Landtag bekämpften – während sich heute jedoch überwältigend viele über das Stadtschloss freuen. Fakt ist auch, dass es eine demokratisch gefasste Willenserklärung der Stadtverordneten zum Wiederaufbau der Garnisonkirche gibt, weil man bereit war, Verantwortung zu übernehmen für die Genesung des Stadtbildes, obwohl man selbst nicht dafür verantwortlich war! Parallel war zu erkennen, wie sehr die freie Meinungsäußerung ein hohes Gut ist, besonders wenn sie sich mit Verantwortung paart.

Zur Versachlichung der Diskussion sei konstatiert, dass es nicht um das Verständnis für die Gegner oder Befürworter geht. Nein, es geht um Potsdam! Und darum ist dringend Schwarz oder Weiß abzulehnen, aber auch abzulehnen, dass da keine Verantwortung für das Stadtbild, so wie es sich im Gedächtnis Europas befindet, übernommen wird, damit auch die Veduten Potsdams als Gerüst für das Gesamtdenkmal erkannt werden – die Silhouette der Stadtansicht nämlich, die von drei Kirchentürmen geprägt wurde. Potsdam partizipiert zu allererst noch immer vom kulturellen Ruf des 18. und 19. Jahrhundert, besonders von der gebauten Kultur in ihrer Einheit von Architektur und Landschaft.

Und als Gegenargument die Kopie aufzuführen ist nun wirklich schon etwas abgegriffen, zumal Potsdam eine einzige Kopie europäischer Architektur- und Gestaltungsideen ist, aber dennoch darin einzigartig daherkommt.

„Niemand braucht die Garnisonkirche“ – nun, wer solches äußert, der braucht sie anscheinend wirklich nicht und das sei ihm auch zugestanden. Nicht aber, auf diese Weise für das Gesamtdenkmal Potsdam zu sprechen. Denn auf der Welterbeliste zu stehen heißt, Verantwortung für den Rahmen dessen zu übernehmen, was Potsdam ausmacht. Und wenn nun mit dem Wiederaufbau der Garnisonkirche auch noch ein Ort der Versöhnung gefunden wird, ist beiden geholfen, dem Gesamtdenkmal und den Einwohnern, die so mit ihrer Geschichte unverkrampft umgehen können – ein gutes Signal!

Horst Prietz, ehemaliger Vorsitzender des Kulturausschusses

„Nur den Turm als Original“ vom 27. Juni.

Seit Jahren beobachte ich die Diskussion um die Garnisonkirche. Nun votiert der brandenburgische Landeskonservator Thomas Drachenberg für eine zeitgenössische Architektur des Kirchenschiffs, in der die historischen Brüche an diesem Ort von nationaler und internationaler Bedeutung sichtbar sind. Auch wenn ich einen Kirchenneubau an dieser Stelle für fragwürdig halte – der Landeskonservator spricht mir als Bildhauerin und Bürgerin aus dem Herzen. Bedenkenswert ist auch, dass sich jüdische Mitbürger einbringen. Gerade hat die Gesetzestreue Jüdische Landesgemeinde erklärt, allein der Wiederaufplan schade dem internationalen Ansehen der Stadt.

Offenbar gelingt es der Bürgerinitiative „Für ein Potsdam ohne Garnisonkirche“, die mehr als 16 000 Unterschriften gegen den Wiederaufbau gesammelt hat, die festgefahrene Debatte zu öffnen, sie vielstimmiger und vielseitiger zu machen.

Mir ist aufgefallen, dass über die Argumente der Wiederaufbaugegner nur verkürzt berichtet wird, so, als beschränke sich ihre Kritik auf den Handschlag von Hindenburg und Hitler am berüchtigten Tag von Potsdam. Tatsächlich führen sie andere wichtigere Argumente ins Feld, die ich mir zu eigen gemacht habe: Die Spendensammlung für den Wiederaufbau ist nach über 20 Jahren gescheitert, die Finanzierung vollkommen unsicher, es droht eine kostenträchtige Bauruine. Wie vom Landtag und von der Stadtverordnetenversammlung beschlossen soll der Wiederaufbau nicht mit Steuergeldern finanziert werden; das sollte auch für den Bund gelten. Die 100 Millionen Euro, die der Wiederaufbau kosten soll, sollten für sinnvollere, soziale Zwecke verwendet werden. Potsdam braucht keine weitere Kirche. Es gibt genügend Erinnerungsorte für Friedens- und Versöhnungsarbeit. Und last but not least: Das Bild der Potsdamer Altstadt ist mit dem Bau einer Barockkirchenkopie nicht zu heilen; es ist einschließlich des wunderbaren Drei-Kirchenblicks unwiederbringlich verloren gegangen, da bin ich mit dem Landeskonservator einig.

Die Stimmen gegen den Wiederaufbau sollten von der Stadt und vom Land als demokratisches Votum und Aufforderung ernst genommen werden, den Ort Garnisonkirche endlich neu zu denken. Potsdam, als Stadt des Potsdamer Abkommens und des Potsdamer Edikts, Deutschland und der Evangelischen Kirche stünde es gut an, wenn dort ein zeitgemäßes zukunftweisendes Zeichen des Friedens und der Toleranz entstünde! Es wäre an der Zeit, dafür einen internationalen Wettbewerb auszuschreiben.

Andrea Zaumseil, Professorin für Bildhauerei an der Kunsthochschule Burg Giebichenstein, Halle