Lesermeinung : Neue Event-Meile

„24 Runden durch die Berliner Vorstadt“ vom 11. August

Nun hat Potsdam endlich auch eine Event-Meile: die Schwanenallee, bisher ein beschaulicher Ort für Spaziergänger und Fahrradfahrer, für Natur- und Geschichtsinteressierte, Spielstraße im Unesco-Weltkulturerbe, ist nun die Top-Location für Top-Events. Den Einstieg in das Mega-Event-Geschäft macht Kai Desinger, Besitzer der „Garage Du Pont“ in der Berliner Straße. Er hat sich eine feine Veranstaltung einfallen lassen, ein Autorennen im Dreieck Berliner Straße, Menzelstraße und Schwanenallee. Schon im letzten Jahr sorgten „grollende Motoren, quietschende Reifen und der Geruch von Öl und Benzin“ (so die Eigenwerbung des Veranstalters) für Action und Abgase am Ufer des Jungfernsees. Dieses Jahr ist alles größer: mehr Buden, mehr Dixi-Klos, mehr Autos! Noch im Mai war in den PNN das Bekenntnis unseres OB Jakobs zu lesen: „Potsdam wird keine autogerechte Stadt.“ Zumindest in Bezug auf die Schwanenallee gibt er sich größte Mühe, das zu ändern. „Die Faszination der Mobilität aufleben lassen“, das wollen Veranstalter und Stadtführung ausgerechnet an diesem besonderen Ort, den man schützen und bewahren muss für alle, die kommen. Ruhe statt Lärm, Wiese statt Parkplatz, Picknick statt Snack-Points, Gedenken statt Konsumieren – wo bleibt das Sensorium für Natur und Geschichte, für Nachhaltigkeit und Umweltschutz, wo die Verantwortung für jetzt und morgen? Sind Auto-Kolonnen, zugeparkte Wiesen, Dixi-Klos und Currywurst-Buden die Zukunft der Allee? Und wollen wir Potsdamer das – gleichgültig ob wir in der Nähe oder am anderen Ende der Stadt wohnen? Was verlieren wir, wenn wir dieses noch einigermaßen freie Ufer den Geschäfte-Machern überlassen? Ein Event wie die „24 Tours du Pont“ gehört nicht in die Menzelstraße und Schwanenallee, nicht in das Weltkulturerbe, nicht in eine Spielstraße und ein Wohngebiet (ja, da leben tatsächlich Menschen, die den Blick in die Natur einem Blick auf alte Autos vorziehen und die nicht verblendet sind vom Glanz der alten Karossen). Es ist das vollkommen falsche Signal und leider wohl auch erst der Anfang des Business am Jungfernsee. Wenn das Ausflugslokal mit Biergarten an der Matrosenstation fertig ist, dürfte es endgültig vorbei sein mit der Beschaulichkeit. Dann erst werden viele merken, was früher so schön war und verloren gegangen ist. Armes reiches Potsdam. Darüber sollte man sich Gedanken machen.

Isolde Krupok, Potsdam