Lesermeinung : Künstlerische Freiheit

Zu „Krach wegen Chorfinanzierung“ vom 6. Mai, „Position: Chorförderung nie infrage gestellt“ vom 12. Mai und „Feiern mit Bach und Pulcinella“ vom 2. Juni

Am Donnerstag, dem 2. Juni, begaben sich Oberbürgermeister Jakobs und Stadtkämmerer Exner in die Erlöserkirche. Sie brachten das Goldene Buch der Stadt Potsdam mit, in das sich Christian Seidel, der langjährige Vorstand des Neuen Kammerorchesters Potsdam, eintragen durfte. In der Laudatio des Bürgermeisters heißt es: „Besonderes Kennzeichen des Neuen Kammerorchesters ist seine Zusammenarbeit mit den Potsdamer Chören, was es zu einem wichtigen Bündnispartner innerhalb des Potsdamer Musiklebens macht …“

Dieses Ereignis steht in merkwürdigem Gegensatz zur Pressemitteilung der Stadtverwaltung vom Montag derselben Woche, in der diese die neuen Bedingungen für die Förderung der Chorsinfonik erläutert. Die Stadtverwaltung erteilt darin den Potsdamer Chören die Auflage, für ihre Konzerte stets zunächst das Staatsorchester Frankfurt/Oder oder die Kammerakademie „anzufragen“.

Abgesehen von diesem ironischen Zusammentreffen: Das Schmieden von künstlerischen Zwangspartnerschaften gehört nicht zu den Aufgaben des städtischen Kulturamtes. Möchte die Stadtverwaltung womöglich auch aussuchen, welche Werke wir zur Aufführung bringen? Dem Lindenpark vorschreiben, welche Bands einzuladen sind? Eine solche Anmaßung widerspricht allen Grundsätzen von der Achtung künstlerischer Freiheit. Gegen Kammerakademie und Staatsorchester ist musikalisch gewiss nichts einzuwenden, jedoch gestaltet sich die Zusammenarbeit in Hinblick auf Proben- und Konzerttermine nicht einfach.

Die Stadtverordneten haben in der Vergangenheit beschlossen, dass die Fördermittel ohne Auflagen für die künstlerische Zusammenarbeit auszuteilen sind. Die Stadtverwaltung wäre gut beraten, sich daran zu halten.

Dr. Andreas Tanner, Potsdamer Kantorei