Lesermeinung : Kriegsende 1945 in Glindow: „Etliche Einwohner nahmen sich das Leben“

Zu: „Offene Fragen zu den letzten Kriegstagen. Werderaner nähern sich den Geschehnissen“, 4.01. 2011

Ich wohnte damals in Glindow, in der Luisestraße. Gearbeitet habe ich in Werder. Wir hörten ständig die Kanone schießen, die wohl auf dem Caputher Krähenberg stand. Als dann ein Geschoss einen Fliederbaum vor dem Glindower Krankenhaus traf, packten wir jeden Abend unser nötigstes Zeug in einen Kinderwagen, setzten meinen dreijährigen Neffen oben drauf und marschierten in Richtung der still gelegten Ziegelei. Dort übernachteten wir in einem Ringofen. Wenn es zu kalt wurde, gingen wir eine Weile in den Pferdestall.

Auf der Glindower Hauptstraße wurde noch ein Panzergraben gebaut, was völlig unsinnig war, weil die Russen von hinten in den Ort kamen. In Glindow waren die Russen schon am 24. April 1945, in Werder war die „offizielle Übergabe“ eine Woche später. In Glindow übernahmen der stellvertretende Bürgermeister, Zahnarzt Weiß, und jemand aus der Verwaltung die Übergabe. Wir wagten uns nicht aus dem Haus. Etliche Einwohner nahmen sich das Leben. Ein Kaufmann verlor die Nerven, als ein russischer Soldat an seiner Haustür klingelte. Der Kaufmann schoss durch die Tür. Daraufhin wurde er, im Beisein seiner Familie, im Innenhof standrechtlich erschossen. Der Juwelier sprang, vom Verfolgungswahn getrieben, vom Balkon seines Hauses.

Nahe am Glindower See war ein Gefangenenlager, in dem Franzosen interniert waren. Die mussten morgens zur Arbeit bei den Obstbauern und in anderen Betrieben ausrücken. Als der Krieg beendet wurde, mussten sie sich eine andere Unterkunft suchen, die fanden sie bei Stellmacher Puppke.

Wir hatten auf der Rückseite des Postamtes eine Bank, auf der wir bei schönem Wetter oft saßen – auch mit den russischen Soldaten. Einmal nahm ein Soldat meinen kleinen Neffen auf den Arm und ging mit ihm aufs Nachbargrundstück. Sie kehrten sofort wieder zurück und der Soldat hielt ein Beutelchen mit Grieß in der Hand. „Für kleine Kinder“, sagte er.

Dass die Baumgartenbrücke gesprengt worden war, erwies sich als unsinnig. In kurzer Zeit hatten die Russen aus Holz eine Notbrücke gebaut und der Verkehr konnte wieder fließen.

Einmal kamen russische Soldaten in unser Haus. Sie gingen ins Wohnzimmer und meine Mutter musste Teller und Besteck hinstellen. Ich holte meinen Vater. Der musste sich dazu setzen und mitessen. Die Russen hatten Fleischbüchsen, dazu Brot. Wir hatten sie gut verstanden: Sie wollten mal wie zivilisierte Menschen am Tisch essen.

Einmal fragte mich meine Freundin: „Hilli, kommst Du mit Fische fangen?“ Also, da war ein Kahn und ein schnauzbärtiger Unteroffizier. Mitten auf dem Glindower See zündete er eine Ladung Dynamit. Rumms, krachte es von unten ans Boot und nach einer Weile kamen die Fische hoch. Wir hatten insgesamt drei Wassereimer voll, die wurden durch drei geteilt. Das war Pfingsten 1945. Es waren für lange Zeit die letzten Fische, die wir zu essen bekamen.

Halb kaputt habe ich mich gelacht, als eine Russin das Radfahren erlernte. Iwan half der Russin aufs Rad, die konnte aber nicht alleine wieder absteigen. Sie fuhr gegen ein Pferd, dessen Vorderbeine gefesselt waren, damit es nicht weglief, und fiel vom Rad.

Wir mussten immer wieder bei den Russen einen Pflichttag absolvieren. Da wohnten wir schon in der Bliesendorfstraße, in drei Tagen hatten wir unser Haus räumen müssen. Für den Pflichttag ging ich mit meiner Nachbarin zum Saubermachen in die Gaststätte „Glindower Alpen“, beim Schuster putzten wir danach. Dafür bekamen wir von ihm ein ganzes Brot (!). Die Familie freute sich.

Noch kann ich mich an Manches erinnern, aber in meinem Alter – ich bin Jahrgang 1924 – ist das nicht mehr so einfach.

Brunhilde Zech, Golm