Heimatdebatte Potsdam : Nur die halbe Wahrheit

Was ist in Potsdam in den vergangenen 30 Jahren verloren gegangen? Was hat die Stadt gewonnen? Und wem gehört die Stadt heute? Die von Peter Effenberg mit seinem PNN-Gastbeitrag angestoßene Heimatdebatte beschäftigt weiterhin viele Leser.

Am Donnerstag hat ein Bagger das letzte Stück der alten Fachhochschule in Potsdam abgerissen.
Am Donnerstag hat ein Bagger das letzte Stück der alten Fachhochschule in Potsdam abgerissen.Foto: R. Hirschberger/dpa

Zu „Wie Potsdamer ihre Heimat verlieren“, Gastbeitrag von Peter Effenberg vom 7. August


DDR-Architektur hat im Zentrum nichts mehr zu suchen

Ich war als Kind dabei, als die Garnisonkirche weggesprengt wurde. Das hat bei den damals Umherstehenden nur Kopfschütteln ausgelöst. Ich glaube später gelesen zu haben, dass es wegen des Abrisses sogar aus der Sowjetunion Proteste hagelte. Die DDR ist mit dem Bauerbe aus dem 18. und 19. Jahrhundert absolut liederlich umgegangen. Die Gutenbergstraße war 1989 praktisch abrissreif und in Babelsberg sah es auch nicht viel besser aus. Man hat die Bausubstanz einfach verkommen lassen. Zum Glück kam die Wende gerade noch rechtzeitig, da ein paar Jahre später etliche Häuser einfach zusammengefallen wären. Und wie sah es im Holländerviertel und in Potsdam-West aus? Auch nicht viel besser. Zum Glück fehlte das Geld zum großzügigen Abriss.

Das, was teilweise in der Innenstadt in den sechziger und siebziger Jahren in Potsdam hochgezogen wurde, war genauso hässlich wie in vielen westdeutschen Städten. Beispiele in Potsdam: Interhotel, Fachhochschule, Schuhhaus am Platz der Einheit, Staudenhof (großzügige Wohnungen für die guten Genossen), das Bürogebäude der Wasserbetriebe sowie das DDR-Reisebüro.

Potsdam hat doch trotzdem noch viele Bauten aus der DDR vorzuweisen. Neubaugebiet Zentrum Ost, am Stern, Kiewitt und dem Schlaatz. Die sind auch nicht viel besser oder schlechter als die Plattenbauten im Westen. Nach der Sanierung sind diese jedoch recht „nett“ beziehungsweise ansehnlicher geworden. Das heißt, es gibt noch genug Bauerbe aus der DDR-Zeit zu besichtigen. Die sozialistische Notdurftarchitektur (O-Ton Günter Jauch) hat im Potsdamer Zentrum jedenfalls nichts mehr zu suchen, so meine Einschätzung.

Michael Winkelmann, Potsdam

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Nur die halbe Wahrheit

In diesem Artikel finde ich mich gut wieder, wenn ich auch erst 1980 nach Potsdam kam und von 1987 bis 1999 dort wohnte, bis ich dann in eine Gemeinde außerhalb zog. Die dazu danach stattfindende Diskussion in Form von Leserbriefen vermag es nur, den Eindruck des Verfassers und auch des meinen zu verstärken. Wenn ich höre, dass so viele Menschen nach Potsdam kamen, um beim Aufbau zu helfen, so ist das nur die halbe Wahrheit. In erster Linie kamen die Menschen, weil es Beschäftigung und mögliche Karriere gab. Und diese Möglichkeiten waren Altbundesrepublikanern weit deutlicher gegeben als verbliebenen Ostdeutschen. Also sollten mal alle auf dem Teppich bleiben.

Dass zu DDR-Zeiten schwerste architektonische Fehler begangen wurden, bleibt unstrittig. Die Methode, jegliche DDR-Geschichte in der Neufünflandzeit in Form von tatsächlicher Zerstörung und teilweise sinnlosem Neubau von der Stadt zu nehmen und eine absolute Renaissance der Kaiserzeit aufleben zu lassen, erscheint ähnlich idiotisch.

Potsdam hat sicherlich eine Menge geschafft und darf und durfte sich als schöne Stadt bezeichnen. Hinzu kommt aber die fast unglückliche Besetzung mit Bürgermeistern, was die DDR- wie Neuzeit gleichermaßen betrifft. Völlig verkannt wird auch, dass auch die „Helfer“, die heute alle maßgeblichen Posten besetzen, es nicht vermochten, das Hauptproblem der Stadt, das Verkehrsproblem, zu lösen – nicht einmal, dieses vernünftig zu diskutieren. Und das hat, wenn man die Stadtpolitik betrachtet, relativ einfache Gründe. Das Hauptaugenmerk in der Politik der Stadt scheint mehr auf das eigene Ich als auf die Belange der Gesellschaft ausgerichtet zu sein.

Frank Dohrmann, Lillestrøm, Norwegen

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Was mich seit der Wende quält

Ich danke für jede Zeile. Sie haben das formuliert, was ich seit dieser Wende fühle und das mich quält. Aber damit bin ich ja nicht allein. AfD ist die Pest. Es gab und gibt nicht einen einzigen Grund, diese Schrecklichkeit in Erwägung zu ziehen.

Juana Wirsig, Uhldingen-Mühlhofen

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Wem gehört diese Stadt?

Es gibt in meiner Lesart des Textes von Herrn Effenberg drei wesentliche Aussagen. Die erste ist: Wir Kinder hatten in der DDR durchaus Freiräume – auch im wörtlichen Sinne des Begriffs Raum. Dieser Platz geht für die Kinder heute zunehmend verloren. Ein Grund mag sein, dass eine Stadt, die seinerzeit gute 100 000 Einwohner hatte, in naher Zukunft auf die 200 000 zugeht.

Dennoch sind wir Potsdamer durchaus privilegiert mit vier großen Parks und vielen kleinen grünen Ecken. Aber wenn schon über eine Nutzung der Lennéschen Feldfluren als Bauland nachgedacht wird, der Volkspark nach und nach verkleinert wird, Schrebergärten zu Bauland umgewidmet werden oder zum Beispiel das Freibad im Babelsberger Park einem historischem Weg weichen soll, dann stellt sich mir schon die Frage: Wessen ist dieses Potsdam? Und das ist für mich die zweite wichtige Aussage des Textes: Das Geld hat solch eine Dominanz in unserem Leben erlangt, wie wir es vorher nicht kannten.

Daran mussten wir uns vielleicht erst einmal oder immer noch gewöhnen. Gestaltet wird jetzt in hohem Maße von denen, die das Geld mitbringen. Umso mehr Geld, umso größer der Einfluss. Das wird nirgendwo in Potsdam besser sichtbar als bei der Architektur.

Dieser dritte – für mich wesentliche Punkt – ist es, wo ich einen Zwiespalt empfinde. Was hier teilweise aus „Ruinen auferstanden“ ist oder teilweise gar nicht mehr vorhanden war und wieder aufgebaut wurde, ist unbestritten wunderschön. Doch sollten wir nicht auch Sorge tragen, dass in unserer beliebten, lebenswerten Stadt(mitte), auch noch die Menschen mit kleinem Geldbeutel leben können? Dass auch einmal ein Investor zum Zuge kommt, der nicht das höchste Angebot abgibt, dafür aber ein gutes, sozial verträgliches Konzept hat oder auch mal ein Minsk erhalten möchte? Oder ist es so, dass der Verdacht wahr ist: Dass unsere Politiker gar keine Spielräume mehr haben, der Macht des Kapitals irgendetwas entgegenzusetzen?

Wenn letztlich so viel Geld für altes Gemäuer verfügbar ist, warum fehlen oft kleine Beträge für soziale Projekte für die Kinder? Die Frage ist doch: Könnten wir etwas weniger in Betongold investieren, was wir dann den bedürftigen Kindern zugute kommen lassen könnten?

Ulf Heinrich, Potsdam

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Geht's noch?

Wie in den Medien immer wieder nachzulesen, sorgt der bauliche Wandel der Stadt bei vielen alteingesessen Potsdamern für einen schmerzlichen „Abschied von der Vergangenheit“, bis zum „Verlust der geliebten Heimat“. Insbesondere der Abschied vom Restaurant Minsk oder dem Gebäude der Fachhochschule sind Anlass, die architektonisch tollen Gebäude, die sogar mit dem Stil Bauhaus oder Mies van der Rohe verglichen werden, öffentlich zu beweinen. Klar, denn die Gebäude haben einen Symbolwert, so wurde die ehemalige Fachhochschule seinerzeit von Margot Honecker, der langjährigen Vordenkerin für die sozialistische Erziehung der Kinder des Arbeiter- und Bauernstaates, im Kreise von Pionieren und Politfunktionären feierlich eingeweiht. Viele der heutigen Lehrer werden sich mit Tränen in den Augen noch daran erinnern. Tolle Zeiten und nun ist seit der Wende und dem Abriss der symbolträchtigen wundervollen Gebäude alles verschwunden. Nein, das darf nicht sein, denn schließlich wurden viele Potsdamer schon zu DDR-Zeiten zu kritischen und weltaufgeschlossenen Menschen erzogen, Protest macht sich breit.

Egal wohin man schaut, überall haben kapitalistische Investoren ihren städtebaulichen Einfluss hinterlassen, mit Ausnahme in den schönen Stadtgebieten am Schlaatz und dort, wo das Heimatgefühl in den ehemaligen DDR-Plattenbauten noch ausgelebt werden kann. Hier herrscht noch Brüderlichkeit und Nachbarschaftshilfe, so wie einst vereint. Heutzutage belagern täglich Touristen aus dem kapitalistischen westlichen Ausland die Stadt und Bürger der ehemaligen selbstständigen politischen Einheit aus West-Berlin haben durch Zuzug nach Potsdam maßgeblich zum Verfall der alten Bezirkshauptstadt beigetragen.

Der Aufbau des alten Stadtschlosses, das Museum Barberini und der Umbau des Alten Marktes haben zusätzlich dem Heimatgefühl geschadet. Relikte aus der verhassten Bourgeoisie wurden von Kapitalisten kofinanziert, um die Vorstellungen von ihrem Stadtbild umzusetzen. Dies alles hat der Stadt fürchterlich geschadet und ist im Grunde überflüssig, wie Vieles, was nach der Wende verändert wurde.

Frage an die Alteingesessenen und die Redaktion: Geht’s noch?

Reinhard Peterson, Potsdam

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Endlich wieder eine Stadt, in der man sich wohlfühlt

In manchem mögen Sie ja recht haben. Aber einem Gebäude wie der Fachhochschule nachzutrauern, ist wohl ein bisschen zu viel des Guten. Potsdam wird endlich wieder zu einer Stadt, in der man sich immer mehr wohlfühlt. Das Mercure kann man auf halbe Höhe zurückbauen und schon ist die Mitte der Stadt geschlossen.

Klaus-Dieter Brendler, Potsdam

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Zu Barbara Kusters Erwiderung „Potsdam ist kein barockes Disneyland“ vom 14. August


Mit dem FH-Abriss ist der Bogen überspannt

Nein – Ihr Eindruck, der den Bereich um das „Schloss“ betrifft, ist Ihre eigene Meinung, die sicherlich auf persönlichen Eindrücken oder Empfindungen fußen. Diese decken sich jedoch nicht mit meinen. Ich war zur Eröffnung des ehemaligen Gebäudes des Instituts für Lehrerbildung Potsdam. Sicherlich sind dies Erinnerungen, die mit meiner Studienzeit zusammenhängen. Ich bin aber bisher immer gern nach Potsdam gekommen, habe am Schlösserlauf teilgenommen oder den Weihnachtsmarkt besucht.

Aber mit dem Abriss der jetzigen Fachhochschule ist für mich der Bogen überspannt. Erst lässt man das Gebäude zerfallen und dann tut man so, als wenn es dort nicht hinpasst. Auch eine Sanierung wäre bei gutem Willen finanziell möglich gewesen. Wenn die Abgeordneten an der einen oder andern Stelle vielleicht das Geld anders eingesetzt hätten. Diese ganze Chose erinnert aus meiner Sicht zu sehr an den Blödsinn, in Berlin unbedingt ein Schloss bauen zu müssen. Ja – es sieht für mich wie Siegerjustiz aus. Ich bin auch nicht dafür, das ICC abzureißen. Jede Zeit hat schöne Bauten hervorgebracht, die man auch würdigen sollte. Wenn ich mir die Bauten am Brauhausberg anschaue, wird mir ganz schlecht. Aber ein neues Bad war den Stadtoberen das Geld seiner Bürger wert.

Allmut Gottstein, Berlin


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