Lesermeinung : Fantasielos ist zu kurz gesprungen

„Staufrust im Norden“ vom 22. Mai

Hier ein paar Kommentare und Vorschläge zum Stau-Gau in Potsdam – übrigens bin ich keiner, der sein Auto verteidigt, sondern ein vehementer radfahrender ÖPNV-Benutzer und -Verteidiger. Aber auch die trifft es derzeit hart. Als Pendler zwischen Bornim und Ludwigsfelde bin ich derzeit mehrfach gestraft. Im „Normalfall“ benutze ich das Rad zum Bahnhof Golm und den RB 21/22 nach Ludwigsfelde-Struveshof, plus Fußweg zur Arbeitsstelle etwa 45 Minuten.

Das war einmal … der Zug fällt aufgrund der Baumaßnahmen an der Brücke Pirschheide bis Oktober aus! Die von der Deutschen Bahn angebotene Ersatzstrecke RB23 über Seddin ist derzeit auch tot, da die Brücke in Michendorf gebaut wird. Da könnte dann noch das Auto und/oder der Bus über den Hauptbahnhof funktionieren … denkste, die stehen ja im Stau auf der Potsdamer Straße. Fahrzeit Minimum zwei Stunden pro Weg.

Und jetzt kommt’s: Für die 28 Kilometer Weg bin ich derzeit am schnellsten mit dem Rad unterwegs, 1 Stunde 20 Minuten, unglaublich. Dafür dann auch gleich als Luftfilter für die Autoabgase. Manchmal kommt man sich als Bornimer schon so vor, als wenn wir in den Außenbezirken für die verkehrsplanerische Unvollkommenheit in Potsdam zahlen. Damit die EU-Norm eingehalten und der Zentrums-Potsdamer gut leben kann, stauen wir mal schnell mit einer Pförtnerampel die Außenbezirke zu. Fantasielos ist zu kurz gesprungen.

Warum fristen eigentlich Vorschläge für eine Straßenbahn nach Bornim so ein Schattendasein? Die Idee ist alt und vielleicht sogar einfacher umsetzbar als nach Golm. Am besten und am zukunftsträchtigsten wäre eh eine Schleife über Golm und Bornim. Die Hausbauaktivität ist in beiden Orten auf absehbare Zeit ungebrochen. Für die noch nicht einmal im Bau befindliche Krampnitz-Siedlung wird schon mal die Jakobs-SAP-Bahn gebaut und der bereits bebaute Bornimer Norden hat Pech.

Folgendes könnte helfen: Eine Straßenbahn bis vor die Tore der Stadt,beispielsweise bis ans Ortsausgangsschild Richtung Potsdam Nord/Autobahn, in 15-Minuten-Taktung; ein großer Park-and- ride-Platz auf dem Acker am Ortsausgang an der B273; Anreiz zur Nutzung der Straßenbahn durch Einfahrtsgebühren in die Stadt, die Straßenbahn muss billiger und schneller sein!

Selbst wenn wir alle Verbrennungsmotoren gegen E-Mobile tauschen, bleiben bei zunehmender Anzahl der Stau und teilweise die Partikelbelastung, der Feinstaub über den Reifen und Bremsenabrieb. Vielleicht habe ich Konzepte aus dem Rathaus, die sich wirklich nach Zukunft und Gesamtkonzept anhören, ja bisher verschlafen und nicht gefunden – das Stadtentwicklungskonzept oder der neue Verkehrswegeplan halten sich da jedenfalls sehr zurück.

Heiko Krehl, Potsdam

Bisher wurde schwerpunktmäßig über die genervten Autofahrer und die Anwohner in den zugestauten Anliegerstraßen in Potsdams Norden berichtet. Als Anlieger im betonierten Teil der Amundsenstraße ist die Umleitung ebenso belastend. Viermal so viele Autos, Lkw und dröhnende Motorräder erzeugen Abgase und vor allem Lärm, wenn nicht gerade die Straße zugestaut ist. Da hat der Stau auch mal was Positives – es ist deutlich leiser. Im Jahr 2015 hatten die Anwohner der Amundsenstraße einen Vorort-Termin mit der Stadtverwaltung Potsdam. Da ging es um den Lärm, den der Schwerlastverkehr über zwei Jahre erzeugt hat, als die neue Brücke über den Sacrow-Paretzer Kanal gebaut wurde. Die Vertreter der Stadtverwaltung hatten schon damals keine Lösung zur Lärmvermeidung. Eine Tempo-30-Zone im bewohnten Teil der betonierten Amundsenstraße wurde genauso abgelehnt wie eine Oberflächensanierung. Der lapidare Kommentar der Stadtverwaltung war: „Hier möchte ich nicht wohnen!“

Vielleicht kann jetzt endlich kurzfristig nachgebessert werden. Das kann doch nicht so schwer sein, auf der Beton-Polterpiste eine Tempo-30-Zone einzurichten. Das gäbe mehr Ruhe für die Anwohner, besonders in den staufreien Zeiten! Und mehr Sicherheit für die Schulkinder, die ohne Fußgängerampel auf den östlichen Teil der Amundsenstraße wechseln müssen, weil da der Fußweg bis zur Potsdamer Straße durchgängig nutzbar ist.

Wolfram Näser, Potsdam

Vielen Dank für die informative Berichterstattung. Leider haben auch Sie so wenig wie die Stadt die Tragweite dieser Baumaßnahmen erkannt. Hier geht es um schlichte Existenz – und nicht die Frage, ob wir unsere Einkäufe in einem anderen Supermarkt erledigen können. Die Kinder können wir leider nicht mal eben in eine andere Kita bringen! Uns, wie vielen anderen Betroffenen, wird der Weg komplett abgeschnitten. Durch den „kleinen akzeptablen Umweg“ kommen wir je eine Stunde später zur Arbeit und müssen eine Stunde früher los! Die Betreuungszeiten der Kita aber sind fix. Die Stadt hat doch den Schuss nicht gehört, hier alle Baumaßnahmen gleichzeitig umzusetzen. Zwei Bundesstraßen über eine zu führen, das ist schon krank! Die Nebenstraßen abzuriegeln und gleich mit zu sanieren, grenzt an Wahnsinn und absolute Unzurechnungsfähigkeit. Eine Baustelle mit allen verfügbaren Ressourcen gleichzeitig im Schichtbetrieb 24/7 zu betreiben und schnell abzuschließen, das macht Sinn. Bitte berichten Sie weiter über diesen Wahnsinn der Stadt. Familie Simon, Potsdam