Lesermeinung : „Das eigentliche Opfer steht auf einmal da als Störenfried“

Umstritten. Auch dieses Jahr waren die „Zwarten Pieten“ in Potsdam.
Umstritten. Auch dieses Jahr waren die „Zwarten Pieten“ in Potsdam.Foto: Thomas

Zu „Schwarze Weihnachten“ vom 15.12., „Kulturkampf um den ,Zwarten Piet’“ vom 28.11. und „Wer den schwarzen Peter hat“ vom 14.11.

Offenbar werden erscheckend viele Kinder in den Niederlanden darauf konditioniert, „Negerfratzen“ mit Geschenken und Süßigkeiten zu verbinden. Anders ist der heftige pawlowsche Reflex im Erwachsenenalter kaum erklärlich, die nach 1850 erfundene „Zwarte-Piet-Tradition“ als elementaren Bestandteil holländischer Identität und Kultur zu verteidigen. Ohne die rassistische Darstellung grotesker Gestalten mit schwarzem Kraushaar, schwulstigen roten Lippen und goldenen Ohrringen aus einer Zeit, in der afrikanische Menschen in europäischen Zoos ausgestellt wurden, soll Holland untergehen? Fast noch beschämender ist es, wenn solche rassistischen Praktiken aus Kolonialzeiten hierzulande als angeblich jahrhundertealte, schützenswerte Folkore aufgegriffen werden – die langjährigen Proteste in den Niederlanden selbst ignorierend. Das eigentliche Opfer steht dann auf einmal da als der Störenfried, der uns die Feier verderben möchte.

Dabei drückt sich gerade in der Debatte um den „Zwarten Piet“ die Fortsetzung historischen Unrechts aus, solange wir nicht einmal dazu bereit sind, den Betroffenen zuzuhören und unsere eigenen europäischen „Traditionen“ zu hinterfragen. Wir tun aber gern so, als ob diese zusammenhangslos im Raum stünden und – vor allem wenn es sich um „Weihnachtstraditionen“ handelt – unmöglich Böses bedeuten können. Geschichts- und gegenwartsvergessen machen wir es uns unter dem Tannenbaum gemütlich, und wollen genauso wenig daran erinnert werden, dass zum Beispiel auch unsere billige Nikolausschokolade weiterhin von den Nachfahren eben jener Menschen produziert wird, die von unseren Vorfahren entrechtet, versklavt, entwürdigt wurden.

Wir sollten uns endlich erinnern, dass weder unsere Schokolade noch unsere „Traditionen“ vom Himmel fallen. Heutzutage versuchen wir die vielfältigsten Arten der Ausbeutung aus unseren Köpfen zu verdrängen, vor gar nicht langer Zeit haben wir sie mit großem Aufwand gerechtfertigt. Damals haben unsere Dichter und Denker ganze Rassentheorien entwickelt, in denen der kolonialwarenfressende Herrenmensch und der blutschwitzende Sklave zur „rassisch“ bedingten Naturordnung gehörten, genauso wie der weiße Bischof, der lachend auf dem Buckel des Schwarzen ritt. Die Folklore hat sich daraus dann ihre eigenen Bilder gemacht, aus denen wir heute unsere „Traditionen“ schöpfen. Manchmal verniedlichend („Negerkuss“), oft als Schreckgeschichten („Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?“).

Wenn heute Europäer entgegen aller Vernunft an solchen „Traditionen“ verbissen festhalten, verbirgt sich dahinter sicherlich selten bewusster Rassismus, sondern schlimmer noch, ein verinnerlichter. Dann interessiert es einfach nicht, dass die Betroffenen selbst – etwa die Einwanderer aus den alten Kolonien – sich in ihrer Würde verletzt fühlen. Im schlimmeren Fall richtet sich sogar geballter Zorn gegen den Überbringer der Nachricht selbst und der Kreis des Rassismus, der keiner zu sein vorgibt, schließt sich.

Angesichts der neu aufflackernden Pogromstimmung im Land erscheint vielen eine Demonstration gegen das Potsdamer Sinterklaasfest mit dem „Zwarten Piet“ als nebensächliche Angelegenheit oder sogar als hysterische Übertreibung. Auch neben der hierzulande tagtäglich spürbaren Fremdenfeindlichkeit, der behördlichen Ausgrenzung und polizeilichen Misshandlung von Migranten, dem „racial profiling“ von Menschen, dem tausendfachen Tod an unseren zynischen „Außengrenzen“, die – um im Bild zu bleiben – durchlässig für die Kolonialwaren und dicht für deren Erzeuger sind, erscheinen die Proteste als Luxusproblem. Sie sind es aber nicht. Denn wir sollten nicht vergessen, dass die rassistische Politik der Institutionen, die Brandstifter von Nürnberg, die Folterer der Flüchtlinge im Siegerland oder „Pegida“ und Co., die ihre Volksverhetzung nur halbherzig als „Islamkritik“ tarnen, alle eins gemein haben: die Verachtung des Anderen. Und die drückt sich bereits in der Figur des treudoofen Piets aus, einer keineswegs lustigen Karrikatur der durch Europäer Entrechteten und Entwürdigten.

Joachim Jachnow, Berlin

Ich komme aus dem Rheinland, wohne seit fünf Jahren in Potsdam und empfinde das Sinterklaas-Fest im Holländischen Viertel als einzigartig. Bisher dachte ich, Potsdam freut sich wieder auf das Sinterklaas-Fest und auf die Zwarten Pieten genau so, wie es die Mehrzahl der Holländer tut. Kaum jemand hat dabei bisher erkannt, dass diese lustigen und sympatischen Kerle eine weltpolitische Dimension haben. Nach 17 Jahren Zwarte Pieten in Potsdam haben die Antidiskriminierungsstelle Brandenburgs, der Verein Opferperspektive und ein Studierenden-Arbeitskreis die Potsdamer über den potenziellen Rassismus des Sinterklaas-Festes und seiner Veranstalter aufgeklärt.

Aus einer Gegend kommend, die ganz enge Beziehungen zu den Niederlanden hat und mit engen familiären Kontakten nach Maastricht stellt sich mir die Frage: Haben Potsdams Migranten oder deren institutionelle Sprecher keine anderen Sorgen und gibt es hier keine wirkungsvolleren Ideen, Menschen bei der Integration zu helfen, als in der selbst ernannten Stadt der Toleranz holländisches Brauchtum zu verzerren oder verbieten zu wollen? Ich halte es für anmaßend, wenn wir von Potsdam aus unseren holländischen Freunden vorschreiben wollen, wie sie ihre traditionellen Feste gestalten sollen. Nicht zuletzt wäre es an der Zeit, dass sich die oben genannten Vereine für die beleidigenden Vorwürfe gegenüber dem Förderverein zur Pflege niederländischer Kultur entschuldigen.

Wilfried Bongard, Potsdam