Kolumne | PYAnissimo : Herr Havener, bitte helfen Sie uns

In der Corona-Vorweihnachtszeit könnte PNN-Mitarbeiterin Steffi Pyanoe ein bisschen mentale Unterstützung gebrauchen, wie sie findet. 

Wie weihnachtlich wird es in der Corona-Zeit?
Wie weihnachtlich wird es in der Corona-Zeit?Foto: picture alliance / Michael Reich

Vor gut vier Jahren telefonierte ich mit Thorsten Havener. Der berühmte Mentalist hatte im Nikolaisaal einen Auftritt. Seitdem kriege ich regelmäßig Post von Herrn Havener. Zuletzt eine Einladung zum Onlineworkshop, um die Körpersprache meiner Mitmenschen zu entschlüsseln und zu deuten, um dann wiederum „angemessen handeln zu können“.

Mein Gott, wir haben Corona, dachte ich, wer hat denn jetzt Nerven für sowas! Dann wurde es Herbst. Und jedes Mal, wenn ich jetzt zum Wochenmarkt gehe und befürchte, an Nachbarn und besten Freunden stumm vorbeizulaufen oder einen Fremden (unangemessen!) zu umarmen, schwöre ich, dass ich mich bei Haveners Kurs anmelde. Je kälter es wird, um so dringlicher wird das. Unter Mützen, Schals und Maske entdeckte ich neulich erst mit großer Mühe meine Freundin. Mal rechnen, dachte ich panisch, sie hat im Sommer ein Kind bekommen, und in der Tat, die kleine Mumie im mitgeführten Kinderwagen könnte vom Alter passen.

Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.
Steffi Pyanoe ist freie Mitarbeiterin der PNN. Sie lebt in Babelsberg.Foto: Sebastian Gabsch

Aber was ist mit dem eigenen Kind? Söhne mit Bart, Undercut, schwarzen Klamotten und Schuhen gibt es viele. Die Tochter würde ich vermutlich an ihrer Handtasche erkennen. Oder ich simse sie an. „Fährst du grad Straßenbahn? Schüttel mal deinen linken Arm. Ok, du bist es!“ Herr Havener, ich bitte Sie, helfen Sie uns Eltern, ich mache mir da wirklich Sorgen. Vor allem was Ihren und meinen Anspruch an „das angemessene Handeln“ (siehe oben) betrifft.

Beunruhigende Gedanken

Das Problem geht noch weiter, bester Mentalist, denn wenn ich lernen kann, die anderen zu erkennen und zu deuten, dann gibt es Mitmenschen, die mich durchschauen können. Das beunruhigt mich durchaus. Ich weiß ja noch nicht mal selber, wie ich ticke! Wie bitte löse ich das jetzt wieder?

Außerdem finde ich, Sie sollten endlich prophezeien, wie lange diese Corona-Phase dauern wird. Und wo sich noch ein bisschen vorweihnachtliche Stimmung finden lässt. Also wirklich Stimmung! Dieses Jahr erleben wir zum ersten Mal richtig das volle Besinnlichkeitsprogramm - wer soll das aushalten? Ja, wir haben immer über den nervigen Weihnachtsmarkt gemeckert - aber ganz ohne ist auch blöd.

Traumata aus der Kindheit

Ich habe mich kürzlich an ein Kindheitstrauma erinnert: Ich bin grippig und darf nicht mit auf den Weihnachtsmarkt. Ich werde nach Wechseldusche, Dampfbad und Rotlicht (meine Eltern waren Anhänger der Methode ,Was dich nicht umbringt, macht dich stark‘) zur Schwitzkur auf die Couch verfrachtet. Die Familie geht fröhlich zum Budenzauber. Und bringt mir Stunden später einen kleinen traurigen Schokotannenzapfen mit. DDR Schokolade, ungefüllt! Keine bunten klebrigen Kringel, keinen knallroten glasierten Apfel, kein Gewinn von der Schießbude, keine rosa Zuckerwatte, keine fettigen Puffer.

Was für eine Enttäuschung. Das kommt jetzt alles wieder hoch. Herr Havener, haben Sie nicht auch dafür einen passenden Workshop? Weihnachtstrauma im Corona-Jahr: Analyse, Konfrontation, Strategieentwicklung und Ausblick. Würde ich sofort buchen.