Position | Uni-Professor Johann Hafner : Den Garnisonkirchturm unvollendet lassen

Der wiederaufgebaute Turm der Garnisonkirche könnte als Fragment stehen bleiben, und so die Situation angemessen ausdrücken. Eine Position von dem Potsdamer Uni-Professor Johann Hafner. 

Johann Hafner
Die Baustelle des Garnisonkirchturms. 
Die Baustelle des Garnisonkirchturms. Foto: Ottmar Winter PNN

Potsdam - Seit Februar steht im Raum, ob der Garnisonkirchenturm fertig gebaut werden kann: Der Bericht des Bundesrechnungshofs stellt in Frage, dass zugesagte 4,5 Millionen Euro ausgezahlt werden. Zudem muss noch Geld für Turmhaube, Glockenspiel, Läuteglocken und Bauschmuck gesammelt werden. Jedoch hat die Spendenbereitschaft wider Erwarten abgenommen. Wie die Betriebskosten nach Fertigstellung aufgebracht werden, bleibt unsicher. Die vorhandenen Eigenmittel der Stiftung sind zweckgebunden. Die Stadt hat sich verpflichtet, kein städtisches Geld für das Projekt aufzuwenden. Selbst wenn die restlichen 4,5 Millionen Euro fließen, besteht die Gefahr einer „Förderruine“. An den Gedanken des Unfertigen haben sich die Stiftung und die Stadtgesellschaft bereits gewöhnt. Denn die Errichtung des Turmes allein, ohne das dazugehörige Kirchenschiff ist in gewissem Sinne eine Ruine: Kirchen sind ohne Türme noch Kirchen, aber ein Turm ohne Kirche ist kein Kirchturm.

Die bauliche Verstümmelung gehört zur Geschichte

Jedoch, im Falle der Garnisonkirche hätte ein einzeln stehender Turm durchaus einen historischen Sinn: Nach der Beschädigung durch Artilleriebeschuss im II. Weltkrieg blieb nur der Turm stehen. Darin versammelte sich eine kleine Zivilgemeinde zum Gottesdienst. Sie wurde 1968 von der Staatsmacht der DDR gezwungen, in eine ehemalige Freimaurerloge zu ziehen, weil der Turm vollends gesprengt werden sollte. Genaugenommen war nicht der Turm, sondern nur dessen Stumpf die Heimat für die Garnisonkirchengemeinde nach 1945. Die bauliche Verstümmelung des Gebäudes gehört ebenso zu seiner Geschichte wie die liturgischen Verwundungen durch preußische Königsverehrung, kaiserlichen Kriegstrophäenkult und nationalsozialistische Andachten.

Johann Hafner ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. 
Johann Hafner ist Professor für Religionswissenschaft an der Universität Potsdam. Foto: Privat

Nun ist es das erklärte Ziel der Stiftung, Potsdam einen Bau zu schenken „in einer Form, in der nichts von seiner Geschichte beschönigt und verharmlost wird“, wie Kuratoriumsvorsitzender Wolfgang Huber sagte. Wie lässt sich das am besten verwirklichen? Vielleicht sind die Hindernisse in dieser letzten Bauphase nicht nur zufällige Faktoren, sondern eine Lektion der Geschichte oder ein Hinweis von demjenigen, zu dessen Ehre jede Kirche gebaut wird. „Wenn der Herr nicht das Haus baut, so arbeiten umsonst, die daran bauen.“ (Psalm 127,1) 

Ein Äquivalent zur Gedächtniskirche

Wäre es so schlimm, den Garnisonkirchenturm unvollendet stehen zu lassen? Wäre es nicht ein ehrliches Eingeständnis, dass man eine spätbarocke Militärkirche nicht heil wiederaufbauen darf, als hätte sie nicht diese Verwundungen erlitten? Wäre ein Fragment nicht der angemessene Ausdruck der Situation, dass die Stadtgesellschaft trotz vielfacher Bemühungen nie zu einem Konsens über dieses Projekt gelangt ist und wohl nie gelangen wird? Wäre das nicht ein passendes Äquivalent zur Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, deren Ruine klarer spricht, als es eine Rekonstruktion je vermocht hätte? Oder zur Dresdener Frauenkirche, der man von weitem ansieht, dass sie Steine der Zerstörung enthält? 

Zudem: Dem ersten Konzept von 2001 zufolge sollte ein Nagelkreuz auf die Spitze gesetzt werden. Es steht für die Versöhnungsarbeit europäischer Gemeinden, deren Städte und Kirchen im II. Weltkrieg beschädigt wurden. Viele Jahre war es als Zeichen des geplanten Baus über dem leeren Baufeld angebracht. Unter diesem Zeichen habe ich mehrere Vorträge dort gehalten. Nun aber soll mit dem Restgeld die alte Prunkspitze mit Adler, Sonne und Monogramm des Soldatenkönigs aufgesetzt werden. Das Nagelkreuz hingegen wird nicht auf, nicht in, nicht vor das Gebäude, sondern ebenerdig neben den Eingang platziert. Baulich wird dann nichts mehr an die Wunden dieser Kirche und Potsdams erinnern. 

Im Selbstverständnis der Kirchen sind Kirchtürme Fingerzeige auf eine höhere Geschichtsmacht jenseits der irdischen Gewalten. Ein nicht fertiggestellter Turm mit Nagelkreuz wäre keine „Ruine“, sondern eine lehrreiche Provokation für Touristen, ein Gedächtnis der Opfer von Kriegen und ein religiöses Zeichen für Demut vor dem Herrn der Geschichte.

Johann Hafner ist Professor für Religionswissenschaft an der Uni Potsdam