Gastbeitrag | Coronavirus : Es gibt nur einen Weg zur Krisenbewältigung

Es ist nicht absehbar, wie die Coronakrise die Gesellschaft verändert. Doch die Krise hat uns schon gelehrt, was wir schon immer wussten, aber vielleicht nicht wahrhaben wollen.

Werner Jann
Foto: Kateøina Šulová/ dpa

Offensichtlich ist es viel zu früh, um bereits grundsätzliche Lehren aus der aktuellen Coronakrise zu ziehen - auch wenn das natürlich gerade jetzt gern versucht wird. Wir befinden uns mitten im Prozess (vielleicht sogar noch am Anfang) der Bewältigung immenser Herausforderungen für Wirtschaft, Politik und Gesellschaft, und valide Schlussfolgerungen und Erkenntnisse erfordern Zeit. Keine Therapie ohne zuverlässige Diagnose, diese banale Basis der Medizin sollte auch für die Politik gelten. Sie wird allerdings gern ignoriert. Allerdings wird schon jetzt deutlich, dass die Bewältigung der Krise, und die dabei auftretenden Probleme, zunächst vor allem bekannte Erkenntnisse bestätigen, die vielen Beobachtern aber offenbar nicht immer geläufig sind, oder ihnen jetzt erst allmählich wieder deutlich werden. 

Die Schwierigkeit Entscheidungen zu treffen

Der erste Punkt betrifft Entscheidungen unter Unsicherheit. In der Politik, aber nicht nur dort, müssen Entscheidungen in aller Regel unter Zeitdruck und mit unvollständigen Informationen getroffen werden. Das ist die zentrale Erkenntnis der 'begrenzten Rationalität' aller Entscheidungen, für die Herbert Simon 1978 den Nobelpreis für Ökonomie bekam. In der Politik geht es nicht darum, irgendwelche 'richtigen' Entscheidungen zu finden und umzusetzen, sondern Politik ist ein ewiger Prozess, in dem wir lernen was wir überhaupt wollen und was wir können. In dem wir uns also auf vorläufige Ziele einigen, die sich kontinuierlich ändern können, und diese umsetzen, mit Maßnahmen, die sich auch jederzeit als unzureichend und verbesserungsfähig erweisen können. Politik ist ein ewiger Lernprozess, der nie abgeschlossen ist. Die dauernde Forderung nach klaren, langfristigen Entscheidungen, die dann konsequent umgesetzt werden, ist zumindest naiv, eigentlich versteckt sich dahinter aber der ewige Wunsch nach dem 'starken Führer', der uns alle Entscheidungen abnimmt und uns sagt, was wir tun sollen. Die Forderung nach 'Ende der Debatte' ist nicht nur undemokratisch sondern auch gefährlich. 

Werner Jann ist emeritierter Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität Potsdam
Werner Jann ist emeritierter Professor für Politik- und Verwaltungswissenschaft an der Universität PotsdamFoto: promo

Keine ewigen Wahrheiten

Allerdings, und das ist der zweite Punkt, verkennt dieser Wunsch nach klaren, unumstößlichen Wahrheiten nicht nur die Rolle der Politik, sondern auch die der Wissenschaft. Gerade auch in der Wissenschaft gibt es keine ewigen Wahrheiten, und dass sich Experten über Daten und Interpretationen streiten, und dass sie ihre Einschätzungen andauernd revidieren, ist kein Manko der Wissenschaft, sondern die Grundlage wissenschaftlichen Fortschritts. Dies bedeutet aber auch, dass weder die Politik einfach das tun kann und soll, was 'die Wissenschaft' vorschlägt (die sog. technokratische Illusion), noch einfach nach eigenen Kriterien entscheiden kann (die sog. dezisionistische Lösung). Wissenschaft und Politik können nur gemeinsam lernen, auch diese Erkenntnis ist alt und schon vor über 50 Jahren von Jürgen Habermas formuliert worden. Wissenschaftler können sich allerdings auf ihr unsicheres Wissen berufen und klare Ratschläge verweigern, die Politik kann das nicht, sie muss fortwährend entscheiden. Genau daher ist Politik so unbeliebt. Sie muss entscheiden in Situationen, in denen es weder einen Konsens über Ziele noch über Mittel gibt. Und daher ist es ja auch so schön einfach, sich besserwisserisch über die Politik und die Politiker zu ereifern. 

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Durchwurschteln in der Politik

Die dritte uralte Erkenntnis ist, dass Politik unter Unsicherheit in aller Regel eine Politik der kleinen Schritte ist. Man spricht vom Durchwurschteln, und genau dieses 'muddling through' ist bereits 1959 von Charles Lindblom als Merkmal rationaler Politik definiert worden. Die Politik der kleinen Schritte, dezentraler Entscheidungen und gegenseitigen Anpassung, ermöglicht 'trial and error', Irrtümer können so schneller korrigiert werden. Dies bedeutet allerdings auch, dass Ziele immer wieder an vorhandene Mittel angepasst werden müssen, und dass Probleme in aller Regel nicht einfach endgültig gelöst werden, sondern sequentiell kleingearbeitet werden. 

Aus alt mach neu

Der vierte Punkt betrifft schließlich das ewige recyceln alter Forderungen. Auch diese Erkenntnis ist alt und läuft in der Sozialwissenschaft unter der Überschrift 'garbage can'. In Entscheidungssituationen mit kontroversen Zielen und Maßnahmen bietet es sich an, das, was man schon immer wollte, aber bisher nie durchsetzen konnte, aus dem Papierkorb abgelehnter Vorschläge wieder herauszufischen und als Lösung aktueller Probleme zu verkaufen. Genau daher haben wir jetzt Diskussionen über Corona-Bonds, eine allgemeine Vermögensabgabe, reduzierte Mehrwertsteuer für Gastronomie, mehr Geld für Pflegekräfte, einen Rechtsanspruch für Home Office, alle möglichen Steuersenkungen usw. usf.. Alles im Prinzip uralte Ladenhüter, die man jetzt mit neuen Argumenten begründen kann. 

Was die Coronakrise daher bisher vor allem gezeigt hat, ist 'business as usual'. Und das ist keineswegs irrational, sondern hochgradig rational. Akteure handeln auch in der Krisenbewältigung im Rahmen bekannter Mechanismen und Rationalitäten, alles andere wäre beunruhigend. Politik wie Wissenschaft sind ewige Prozesse von Versuch und Irrtum. Es ist nicht immer leicht, dies zu akzeptieren, insbesondere wenn es, wie in der aktuellen Krise, tatsächlich um Leben und Tod gehen kann. Aber im Prinzip ist dies der einzige Weg, um Probleme zu lösen, oder, wie es der dänische Architekt Piet Hein in einem berühmten Gruk ausgedrückt hat: To err, and err, and err again/but less, and less, and less.

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