Anschlag in Paris : Unsere Werte

Nach dem Terrorakt in Paris, bei dem am Mittwoch zwölf Menschen starben, darf nun nicht mit erhobenem Zeigefinger über Integrationsprobleme geredet, die Grenze zwischen Gesellschaft und Gewalt nicht verwischt werden. Im Gegenteil: Es gilt, Gemeinsamkeiten wiederzuentdecken.

Malte Lehming
"Wir sind Charlie" wurde am Mittwoch schnell zum Hashtag und Symbold der Solidarität.
"Wir sind Charlie" wurde am Mittwoch schnell zum Hashtag und Symbold der Solidarität.Foto: dpa

La terreur“ bedeutet „der Schrecken“. Terroristen wollen genau dies – ein Maximum an Schrecken verbreiten. Grausam und spektakulär muss ihre Tat sein, weshalb es so sinnlos wie notwendig ist, diese Taten als „feige, brutal und abscheulich“ zu verurteilen. Wer das Wesen des Terrors beschreibt, bestätigt die Terroristen in ihrem Selbstverständnis. Durch Kritik demaskieren lässt sich da nichts. Der Anschlag in Paris gegen Mitarbeiter des französischen Satiremagazins „Charlie Hebdo“ galt der Meinungsfreiheit in einer offenen Gesellschaft, heißt es. Das freilich ist keine Erkenntnis, die über das Offenkundige hinausgeht. Terror ist Terror. Er zwingt die Erschreckten zur Tautologie. Sie sollen eingekerkert werden in ein Gefühlsgefängnis, dessen Mauern aus Wut und Ohnmacht bestehen.

Durch ein Massaker wurden Menschen ermordet. Die Lebenden darf das nicht mundtot machen. Sie müssen ausbrechen aus dem Gefühlsgefängnis, müssen Wut in Zorn verwandeln und Ohnmacht in Vernunft. Sie müssen der Versuchung widerstehen, in Rechthaberei zu verfallen, den Terror ideologisch oder parteipolitisch zu instrumentalisieren. Die norwegische Gesellschaft wuchs nach dem Massenmord von Anders Breivik zusammen. In ihrer Trauer hielten die Menschen ohne Hysterie an ihren Werten fest. Auch ein Land wie Israel geht bewundernswert zivil mit Terroranschlägen um. Als Erstes lässt man die Normalität des Alltags über die Abnormalität des Blutvergießens triumphieren.

Für Mord und Terror gibt es keine Rechtfertigung. Deshalb verbietet sich jede anklagende Ursachenforschung. Wer jetzt mit erhobenem Zeigefinger über Integrationsprobleme, Diskriminierung, hohe Arbeitslosigkeit, die Rhetorik von Le Pen oder blasphemische Zeichnungen redet, verwischt die Grenze zwischen Gesellschaft und Gewalt. Ebenso grotesk wäre es, zur Erklärung der Taten aus dem Koran zu zitieren, um den Islam als latent gewalttätige Religion zu entlarven, dessen Anhänger das Abendland unterwandern und dessen Werte abschaffen wollen. Leider besteht Gefahr, dass sich genau diese zwei Lager durch den Anschlag radikalisieren.

Was stattdessen nottäte, wäre eine gemeinsame Wiederentdeckung der Meinungsfreiheit und der Religionsfreiheit. Für beide wurde in Kriegen und Revolutionen erbittert gekämpft. Sie sind kostbare Errungenschaften und als solche konstitutiv für den Westen oder, pathetisch gesprochen, das Abendland. Umso beschämender, dass oft die eine gegen die andere in Stellung gebracht wird. Um es auf deutsche Verhältnisse zu übertragen: Wer aus Sarrazins Büchern zitiert, zu „Pegida“-Demos geht, die AfD wählt oder für Verschleierungsverbote wirbt, beruft sich zwar gern auf die Meinungsfreiheit, negiert aber gelegentlich die Religionsfreiheit. Wer Gebetsräume, Beschneidungsriten, Moscheebauten und Kopftücher verteidigt, nimmt zwar gern die Religionsfreiheit in Anspruch, möchte aber mitunter die Meinungsfreiheit der Gegenseite einschränken.

Es sollte selbstverständlich sein – und muss aus traurigem Anlass trotzdem betont werden: Der Prophet Mohammed darf in Wort und Bild ebenso durch den Kakao gezogen werden wie Jesus Christus von Monty Python. Das Recht auf ungestörte Religionsausübung muss nicht nur in Europa verteidigt werden, sondern auch in arabisch-muslimischen Ländern, wo Christen derzeit massiv verfolgt werden. Menschen dürfen ihre Angst vor Islamisierung auf die Straße tragen, aber pauschale Verdächtigungen von Muslimen aufgrund ihres Glaubens sind volksverhetzend. Das Recht darf vor kultureller Andersartigkeit, die in Gesetzesübertretung mündet, niemals kapitulieren. Das schließt prügelnde Eltern ebenso ein wie Zwangsverheiratungen.

Egal ob Inländer, Ausländer, Zuwanderer, Flüchtling, Asylant: Gemeinsam verteidigt werden muss ein Rechtsstaat, der seine Freiheiten schützt, ein Gemeinwesen, das niemanden aufgrund seiner Religion oder seiner Überzeugungen ausschließt. Und auch nicht den, der Sorgen anderer einfach nur ernst nimmt.