Update

Mediziner rufen nach hartem Lockdown : „Erst am Anfang eines massiven Anstiegs von Intensivpatienten“

Die dritte Corona-Welle wird das Land mit voller Wucht treffen, so Experten. Trotzdem soll mancherorts gelockert werden. Mediziner fordern sofortige Maßnahmen.

Sven Lemkemeyer
Die Zahl der Patienten auf Intensivstationen steigt wieder.
Die Zahl der Patienten auf Intensivstationen steigt wieder.Foto: Kay Nietfeld/dpa

Deutsche Ärzte fordern wegen der massiv steigenden Zahl an Neuinfektionen mit dem Coronavirus, alle geplanten Lockerungen der Auflagen auf Eis zu legen – und einen harten, zweiwöchigen Lockdown. „Die Beschlüsse für Modellprojekte nach Ostern sind völlig unpassend und müssen von Bund und Ländern sofort zurückgenommen werden“, sagte Christian Karagiannidis, Präsident der Intensivmediziner-Gesellschaft DGIIN, der „Rheinischen Post“.

„Wenn jetzt keine Maßnahmen für einen bundesweiten harten Lockdown von zwei Wochen ergriffen werden, müssen wir bald wieder mit einer historischen Spitzenbelastung der Intensivstationen mit Covid-19 rechnen“, sagte Karagiannidis. Nur so lasse sich ein Überlaufen der Intensivstationen noch verhindern. Deutschland stehe „erst am Anfang eines massiven Anstiegs von Intensivpatienten“.

[Wenn Sie alle aktuellen Nachrichten live auf Ihr Handy haben wollen, empfehlen wir Ihnen unsere App, die Sie hier für Apple- und Android-Geräte herunterladen können.]

Dem Intensivregister der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (Divi) zufolge waren Stand Freitagmittag von den rund 24.000 als nutzbar gemeldeten Intensivbetten in Deutschland noch 14 Prozent frei. Demnach wurden 3334 Covid-19-Patienten intensivmedizinisch behandelt, 55 Prozent davon mussten invasiv beatmet werden.

Karagiannidis, der auch wissenschaftlicher Leiter des Divi-Registers ist, mahnte: „Ich bitte die Politik, das Krankenhauspersonal nicht im Stich zu lassen.“

Ein erstes klares Signal aus Regierungskreisen gab es am Samstag von Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU), der sich für einen schärferen Lockdown aussprach. „Wenn wir die Zahlen nehmen, auch die Entwicklungen heute, brauchen wir eigentlich noch mal zehn, 14 Tage mindestens richtiges Runterfahren unserer Kontakte, unserer Mobilität“, sagte er in einer Online-Fragestunde mit Bürgerinnen und Bürgern. Danach könne man Öffnungsschritte einleiten.

Bund und Länder hatten zu Beginn der Woche beschlossen, dass in ausgewählten Regionen und „zeitlich befristeten Modellprojekten“ einzelne Bereiche des öffentlichen Lebens testweise öffnen dürfen. Einige Länder haben angekündigt, gleich mehrere Modellregionen zu öffnen.

So will die saarländische Regierung ab dem 6. April mit einer entsprechenden Rechtsverordnung landesweit die Auflagen für Gastronomie, Sport und Kultur sowie private Treffen lockern. Mit einem negativen Test soll auch der Besuch von Theatern, Kinos, Konzerthäusern und Fitnessstudios wieder möglich sein. Wenn sich das Vorgehen als erfolgreich erweist, sollen ab dem 18. April weitere Öffnungsschritte folgen. In von anderen Bundesländern geplanten Modellkommunen sollen vergleichbare regionale Testläufe für eine sichere Öffnung von Einzelhandel, Gastronomie und Veranstaltungsstätten stattfinden.

Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans (CDU) verteidigte sein Vorhaben, ein Öffnungsmodell zu erproben, das beim letzten Gipfel von Bund und Ländern „alle gemeinsam beschlossen“ hätten. „Wir sind ein kleines Land, unsere Testinfrastruktur ist gut aufgestellt, und aktuell das Infektionsgeschehen moderat – also gute Voraussetzungen um dies saarlandweit zu tun“, sagte Hans der „Bild“.

Kontaktbeschränkungen seien zwar „nach wie vor wichtig“, „aber nicht der alleinige Königsweg“. Nach einem Jahr Pandemie „muss uns jetzt mehr einfallen als nur zu schließen und zu beschränken“, forderte Hans. Das Saarland gehe hier „einen vorsichtigen Weg, schrittweise und mit Bedacht – immer abhängig von der Infektionslage - aber mit einer Perspektive für unsere Bürgerinnen und Bürger“. Sollten die Infektionszahlen exponentiell steigen, werde seine Regierung „rechtzeitig die Notbremse ziehen“. Daten des Tagesspiegel zufolge lag die Sieben-Tage-Inzidenz für das Saarland am Samstagmorgen bei rund 76.

Das Robert Koch-Institut (RKI) meldete am Samstagmorgen im bundesweiten Schnitt eine Sieben-Tage-Inzidenz von rund 125. Damit ist der Wert so hoch wie seit dem 19. Januar (rund 132) nicht mehr. Am Freitag hatte das RKI die Inzidenz noch mit etwa 119 angegeben, vor zwei Wochen lag sie bei circa 76. Die Sieben-Tage-Inzidenz gibt die Zahl der Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche an und ist eine wichtige Kennzahl zum Pandemieverlauf wie auch der bundesweite R-Wert. Diesen gab das RKI am Freitagabend mit 1,14 (Vortag 1,08) an.

Der R-Wert zeigt, wie viele weitere Menschen ein Infizierter im Durchschnitt ansteckt. Er dürfe nicht über 1,2 steigen, mahnen Intensivmediziner seit längerem. Durch die ansteckenderen Virusvariante wird aber befürchtet, dass der R-Wert schwerer unter 1 gedrückt werden kann. Erst wenn er längere Zeit darunter liegt, flaut das Infektionsgeschehen ab.

Zudem meldeten die Gesundheitsämter in Deutschland dem RKI im Laufe des Freitags 20.472.neue Corona-Infektionen. Darüber hinaus wurden innerhalb von 24 Stunden 157 neue Todesfälle verzeichnet. Vor genau einer Woche hatte das RKI binnen eines Tages 16.033 Neuinfektionen und 207 neue Todesfälle verzeichnet.

RKI-Präsident Lothar Wieler hatte am Freitag gewarnt: „Wir befinden uns am Anfang der dritten Welle. Es gibt sehr deutliche Signale, dass diese Welle noch schlimmer werden kann als die ersten beiden Wellen. Mit Blick auf die Zahl denkbarer Neuinfektionen sagte er: „Das können dann auch 100.000 pro Tag werden.“ Zudem sprach er sich für deutlich schärfere Auflagen aus: „Wir hatten ein Lockdown, der diesen Namen verdient, letztes Jahr im Frühjahr.“

Der SPD-Gesundheitsexperte und Mediziner Karl Lauterbach hatte dem auf Twitter zugestimmt, gleichzeitig aber geschrieben: „Das können und werden wir aber verhindern. Zunächst müssen Modellprojekte ausgesetzt bleiben.“

Dem Tagesspiegel sagte er, dass Lockerungen insgesamt zu mehr als 100.000 Corona-Toten in Deutschland führen würden, aktuell sind es rund 76.000. Nötig seien jetzt eine Kombination aus Ausgangsbeschränkungen, einer Testpflicht gerade für Unternehmen und schnellere Erstimpfungen. „Sonst schaffen wir das nicht“, sagte Lauterbach, der sich für eine mindestens zweiwöchige bundesweite Ausgangssperre von 20 bis 6 Uhr starkmacht.

[Alle aktuellen Entwicklungen in Folge der Coronavirus-Pandemie finden Sie hier in unserem Newsblog. Über die Entwicklungen speziell in Berlin halten wir Sie an dieser Stelle auf dem Laufenden.]

Auf Twitter schrieb er weiter, es sei „magisches Denken“, man können über Lockerungen Fallzahlen senken. Viele 40- 80-Jährige würden einen Moment der Unachtsamkeit mit Tod oder Invalidität bezahlen. „Junge Männer werden von Sportlern zu Lungenkranken mit Potenzproblemen. Frauen litten oft unter dem chronischen Erschöpfungssyndrom oder Tinnitus. „Das hört niemand gerne, ist aber so“, lautet Lauterbachs drastische Warnung.

Er forderte, die Impfstrategie zu ändern und zwölf Wochen lang nur Erstimpfungen durchzuführen, dann wären im zweiten Quartal 60 Millionen Erstimpfungen möglich. So könnten viele Covid-19-Tote verhindert werden. „Also: Lockdown, Tests, kontrollierte Lockerung, Erstimpfung als Strategie“, so Lauterbach. Auch der Intensivmediziner Karagiannidis hatte am Donnerstagabend im RBB gefordert, darauf zu setzen, so schnell wie möglich so vielen Menschen wie möglich die Erstimpfung zu geben.

Die Bundesbürger sind in punkto Corona-Auflagen insgesamt zwar gespalten. Im am Freitag veröffentlichen aktuellen Politbarometer von ZDF und Tagesspiegel äußerten allerdings 36 Prozent der Befragten die Ansicht, die Schutzmaßnahmen müssten verschärft werden. Dies ein Plus von 18 Prozentpunkten gegenüber dem Vormonat. Allerdings halten auch ganze 26 Prozent (+3) der Befragten die geltenden Regeln für übertrieben, für 31 Prozent sind sie „gerade richtig“ (- 24).

Auch CDU-Vize Thomas Strobl forderte schnelle neue Beschränkungen. „Wir bräuchten in Wahrheit jetzt sofort einen kurzen allumfassenden Lockdown, um die rasante Ausbreitung der Mutante B117 zu stoppen“, sagt der Vorsitzende der baden-württembergischen CDU der „Stuttgarter Zeitung“.

Neue Ko-Vorsitzende der Linkspartei: Janine Wissler.
Neue Ko-Vorsitzende der Linkspartei: Janine Wissler.Foto: Imago Images/Fotostand

Die neue Ko-Vorsitzende der Partei „Die Linke“, Janine Wissler, fordert, auch eine zeitweilige Schließung von Industriebetrieben ins Auge zu fassen. „Ich finde, wenn die Zahlen weiter so in die Höhe gehen, dann muss man auch darüber reden, dass nicht dringend notwendige Produktion ein paar Tage stillgelegt werden muss, um die Infektionsketten zu brechen“, sagte die 39-Jährige dem Deutschlandfunk.

Es herrsche derzeit eine Schieflage, weil die Corona-Beschränkungen im Wesentlichen im privaten Bereich ansetzten. Man müsse bei der Pandemie-Bekämpfung endlich auch die Arbeitswelt einbeziehen, sagte die Vorsitzende der Linksfraktion im hessischen Landtag. Viele Menschen müssten weiter täglich in Großraumbüros, Call-Center oder Fertigungshallen fahren, die Busse und Bahnen seien voll. Die Corona-Infektionen endeten aber nicht am Betriebstor.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche (EKD), Heinrich Bedford-Strohm, äußerte dagegen Verständnis für diejenigen, die wieder mehr Freiheit fordern. „Jetzt muss auch der Erschöpfung der Menschen durch kluge Öffnungen Rechnung getragen werden“, sagte er dem Redaktionsnetzwerk Deutschland. Mit den absolvierten Impfungen der alten Menschen, dem Beheben der Impf- und Testprobleme und guter Organisation sollte es klappen, wieder Zusammenkünfte von mehr Menschen als bislang zu ermöglichen. Und Arbeitgeber-Präsident Rainer Dulger sagte der „Heilbronner Stimme“: „Es geht um das verständliche Bedürfnis, dass sich alles wieder etwas normalisiert, hier muss die Politik Perspektiven aufzeigen.“

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), der acht Modellregionen im Freistaat einrichten will, bat die Menschen zugleich, sich Ostern weiter an die Regeln zu halten. „Ziviler Ungehorsam hilft am Ende niemandem - weder dem Einzelnen noch allen. Wir sind eine Schicksalsgemeinschaft. Hilfen, die einige bekommen, gibt es nur, weil andere sie mitfinanzieren. Deswegen ist es wichtig, dass wir die Solidarität hoch halten“, sagte er der „Passauer Neuen Presse“ und dem „Donaukurier“.