Kultur : Zwischenzeit

Irmtraut Gutschke über Eva Strittmatter

Astrid Priebs-Tröger

Versonnen, ja beinahe andächtig lauschten am Dienstagabend die etwa 50 Besucher im Veranstaltungssaal der Stadt- und Landesbibliothek den Gedichten Eva Strittmatters. Die hatte Irmtraut Gutschke, seit 1971 Redakteurin beim „Neuen Deutschland“, zu ihrer Lesung aus dem Gesprächsband „Eva Strittmatter – Leib und Leben“ im Rahmen der diesjährigen Brandenburgischen Frauenwoche als Tonkonserve mitgebracht. Oder sie zitierte aus dem Band, der 2008 entstanden ist.

Gutschke, die Literaturwissenschaft studiert hat und seit den 70er Jahren mit Eva Strittmatter bekannt ist, hat die heute 80-Jährige und inzwischen schwerkranke Lyrikerin vor zwei Jahren erstmals auf dem legendären Schulzenhof besucht. Und mit der Dichterin, die als erfolgreichste deutsche Lyrikerin der vergangenen Jahrhunderthälfte gilt und „Geburt, Tod und Zwischenzeit“ in eindringliche poetische Bilder gefasst hat, intensive und berührende Gespräche geführt.

Bei denen schnell klar wurde, dass Erwin Strittmatter, ihr 1994 verstorbener Mann, stets präsent sein würde. Denn Eva Strittmatter, die 1930 in Neuruppin als Eva Braun geboren wurde, ist ihm seit über 50 Jahren in einer schmerzhaft schönen Symbiose verbunden. Mehr als einmal kamen die Ausbrüche, Eifersuchtsanfälle und Untreuen des 18 Jahre Älteren zur Sprache, mit dem die Dichterin dennoch in tiefer Liebe verwoben und gebunden war. Den Zwiespalt zwischen liebevoller Aufopferung, „ich will nicht schreiben, ich will dich lieber lieb haben“, so Evas Angebot am Anfang der Beziehung, und ihrer eigenen Entfaltung, die er wechselweise beförderte und unterdrückte, hat sie in ihren Gedichten thematisiert.

Die nicht nur vielen Frauen aus der Seele sprechen, sondern ausdrücken, was in anderen Menschen sprachlos lebt, wie es Irmtraut Gutschke beinahe selbst poetisch formulierte. Und wie auch während des anschließenden Publikumsgesprächs deutlich wurde. In dem jedoch schnell die Sprache auf Erwin Strittmatters SS-Zugehörigkeit kam, von der Eva bis zur medialen Enthüllung nichts gewusst, aber vielleicht geahnt hat, wie man es zwischen den Zeilen des vierten Kapitels des überaus lesenswerten Gesprächsbandes nachempfinden kann.

Denn Irmtraut Gutschke ist, wie sie selbst sagte, keine distanzierte Interviewerin, sondern eine Frau, die sich in großer Nähe und Übereinstimmung zu der 20 Jahre älteren, von ihr verehrten Dichterin befindet. Nicht nur das ermöglicht eine starke Öffnung auf beiden Seiten und Eva Strittmatter gibt klarsichtig und sehr lebendig tiefe Einblicke in ihr ganz persönliches Leben und literarisches Schaffen. Das nicht in einer ländlichen Idylle entstand, sondern wie ihr ganzes Leben von starken Kräften und Gegenkräften geprägt war und dem sie oft nur mithilfe der Dichtung beikommen konnte.

Lesenswert ist der Gesprächsband mit den privaten Fotos auch deshalb, weil Eva Strittmatter, die in ihren Gedichten im besten Sinne zeitlos ist, darin über ihre DDR-Erfahrungen, den DDR-Schriftstellerverband, die Biermann-Ausbürgerung, Gorbatschow und den Mauerfall reflektiert und dem Erinnerungspuzzle von Zeitgenossen unverwechselbar eigene Teile und Ansichten aus dieser „Zwischenzeit“ hinzufügt. Astrid Priebs-Tröger

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