Kultur : Zwecklose Schönheit als Prinzip

Rokoko-Roben, ins Unermessliche gesteigert: Die Berliner Künstlerin Tina Cassati zeigt eine Ausstellung im Chinesischen Haus

Freidrehende Lust.
Freidrehende Lust.

Sorgenfrei, ja glückselig wirken die Tee trinkenden, plaudernden und musizierenden Figuren. Vor rund 250 Jahren sind sie um das Chinesische Haus im Park Sanssouci herum postiert worden. Friedrich der Große ließ sich den zu Stein gewordenen Traum von grenzenloser Harmonie in den Jahren 1755 bis 1764 nach eigenen Skizzen von Baumeister Johann Gottfried Büring errichten. Die Chinoiserie, eine Dekorationsform im „Chinageschmack“, war in Europa zur Zeit des Rokoko ein beliebter Ausdruck des spielerischen Lebensgefühls.

In der Gesellschaft von Fantasiechinesen und -chinesinnen ließ es sich gut dinieren und diskutieren. So speiste der König im Gartenpavillon mit seinen Schwestern, wenn sie zum Familientreffen nach Potsdam kamen. Und er empfing hier seinen getreuen Lord George Keith zum Gespräch, dem es wegen seiner Gichtbeschwerden immer schwerer fiel, das Schloss Sanssouci auf dem Weinberg zu besuchen. Von der dekorativen Szenerie des Gartenpavillons hat sich nun die Berliner Künstlerin Tina Cassati, die aus Mecklenburg-Vorpommern stammt und schon in Kindheitstagen das Chinesische Haus besuchte, inspirieren lassen – und ihr ihr eigenes fantasievolles Spiel hinzugesellt: Drei aufwendig gestaltete Roben haben in den Kabinetten, die sich rund um den Saal befinden, Platz gefunden.

Die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Potsdam Sanssouci machte in den vergangenen Jahren immer wieder den textilen Modegeschmack des Rokoko und des Klassizismus zum Thema von Präsentationen. Sie wurden begleitet mit Kommentaren aus heutiger Sicht. So kam etwa 2012 anlässlich der Ausstellung zum 300. Geburtstag Friedrichs des Großen die belgische Künstlerin Isabelle de Borchgrave ins Neue Palais, um das Theaterstück des Königs „Der Modeaffe“ mit aus Drahtgestellen gebauten Figuren, die mit bemalten Papierroben angekleidet wurden, in Szene zu setzen. Das Leben des 18. Jahrhunderts – natürlich nur das der oberen Kreise – wurde oft als Verkleidung, Versteckspiel, Karneval oder Komödie gefeiert. So verschwenderisch an Materialien und Formen wirkte die Garderobe, so lustvoll wurden Pracht und Schönheit jenseits aller Zweckmäßigkeit eingesetzt, dass es bis heute die Fantasie anregt.

Die überdimensionalen Festkleider Tina Cassatis lassen die überhöhten Formen des Rokoko noch weiter ins Unermessliche schwingen. Spitzen, Stickereien, Bänder und Schmuckbesätze sowie viel Flitter schmücken die Organza-, Tüll- und Steppstoffe, die Tina Cassati für ihre Roben ausgewählt hat. Die meisten hat sie aus Resten recycelt und über die Reifrockgestelle gezogen. Der weit ausgestellte Reifrock übrigens hatte immer etwas Gnädiges – er sollte in der Rokokozeit auch manch körperliche Unebenheiten der Frauen elegant verdecken.

Was bei Tina Cassati natürlich und bewegt scheint, sei raffiniert komponiert und aus Stein und Metall fest gefügt, sagt Samuel Wittwer, Direktor der Schlösser und Sammlungen. „Alles ist Kulisse im besten Sinn, eine fantasievolle Hülle, die in ihrem Spiel zwischen Natur und Kultur alle Sinne anregt.“ Die Künstlerin, die in Berlin-Steglitz wohnt und arbeitet, fand für ihre Ausstellung den Titel „Im Garten der Kunst“.

Schon vor sechs Jahren hatte Tina Cassati den Gedanken, so prachtvolle Roben zu schaffen. Nachdem Samuel Wittwer zugestimmt hatte, begann sie die Kleider in unendlicher Fitzelarbeit zu nähen. Nun nehmen sie die Kabinette fast voll in Beschlag, treten in einen wunderbaren Dialog mit den dekorativen Wandverkleidungen. Auch der große Kronleuchter in der Mitte des Speisesaals ist mit einer duftig wirkenden Blütenpracht aus Oraganzastoffen teilweise verkleidet. Die von Thomas Huber gemalten Chinesen beobachten von der Decke herab wohlwollend das Geschehen im Saal. Die Affen und die Papageien springen dazwischen, als ob sie dem Besucher sagen wollen: Solch ähnlichen Kleider haben wir hier schon einmal gesehen – vor 250 Jahren. Aber damals gab es bereits auch viel Schein und Sein. Klaus Büstrin

Die Ausstellung ist im Chinesischen Haus im Park Sanssouci noch bis zum 30. Oktober zu sehen – Di bis So, 10 bis 18 Uhr