• Zum Tod von Roland Dressel: Der Unnachgiebige

Zum Tod von Roland Dressel : Der Unnachgiebige

Der Defa-Kameramann Roland Dressel ist tot. Mit dem Regisseur Rainer Simon holte er in den 1980er Jahren den einzigen Goldenen Bären für die Defa - und schuf den letzten Verbotsfilm. 

Der Kameramann Roland Dressel (1932-2021). 
Der Kameramann Roland Dressel (1932-2021). Foto: "Coco" Hartwig

Potsdam - Roland Dressels filmisches Lieblingskind war ein verlorenes. So hat er es selbst genannt. „Jadup und Boel“, gedreht 1980, wurde erst 1988 uraufgeführt. Der Film von Rainer Simon, die Adaption eines Romans von Paul Kanut Schäfer, war der letzte, der in der DDR verboten wurde. Dass es vielleicht so kommen würde, ahnten die Macher schon während des Drehs, Muster führten zu Wutausbrüchen beim Defa-Generaldirektor. 

„Das müssen wir machen“

Es hielt Regisseur und Kameramann nicht davon ab, die Geschichte dennoch zu verfilmen: die mutmaßliche Vergewaltigung in der Nachkriegszeit und deren Nachbeben in den 1970er-Jahren in einem kleinen Städtchen der Altmark, DDR. Hauptdarsteller Kurt Böwe sagte dafür Verpflichtungen für einen Fernsehmehrteiler ab. Er spielt einen Bürgermeister, in dessen Eröffnungsrede für eine neue HO-Kaufhalle ein unsaniertes Gebäude zusammenkracht.

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„Das müssen wir machen“, soll der Kameramann Roland Dressel zu Rainer Simon gesagt haben, als er das Drehbuch von „Jadup und Boel“ sah. Das erzählte Simon vor Kurzem in einem Interview anlässlich der Auszeichnung für dessen Lebenswerk durch die Defa-Stiftung. Wenige Tage später, am 5. Dezember, ist Roland Dressel mit 89 Jahren verstorben, wie nun bekannt wurde. Mit Rainer Simon verband Dressel die engste Arbeitsverbindung: Sieben seiner insgesamt rund 30 Defa-Filme entstanden zusammen mit Simon.

Der einzige Goldene Bär für die Defa

Roland Dressel, geboren 1932 im sächsischen Meerane, kam 1954 nach einer Fotografen-Lehre ins Babelsberger Spielfilmstudio. Bis 1967 war er Kamera-Assistent, die Grundlagen für die eigene Kameraarbeit erarbeitete er sich im Abendstudium. Es folgten Fernsehfilme und 1973 das Spielfilmdebüt: „Das zweite Leben des Friedrich Wilhelm Georg Platow“ in der Regie von Siegfried Kühn. 

Die 1980er wurden Dressels große Zeit. Die begann mit Evelyn Schmidts „Das Fahrrad“ (1981), ging weiter mit Ulrich Weiß‘ „Olle Henry“ (1983), mit Michael Gwisdek in der Hauptrolle, und kulminierte in dem einzigen Goldenen Bären für die Defa auf der Berlinale 1985 für „Die Frau und der Fremde“. 

Radikal und schonungslos

Der Film von Rainer Simon ist eine stilistisch eindrückliche Mischung aus Kammerspiel und wilder, karger Landschaft – Ort der Kriegsgefangenschaft zweier Soldaten während es Ersten Weltkriegs. Radikal und schonungslos sind die ausgemergelten Körper der Hauptdarsteller abgefilmt, mal in Farbe, mal in Sepia, ausgezehrt von Hunger und von Sehnsucht.

Radikal und schonungslos war auch Dressels letzter Defa-Film, gedreht kurz vor der Wende mit Rainer Simon an Originalschauplätzen in Ecuador: „Die Besteigung des Chimborazo“ (1988). Jan Josef Liefers spielte hier Alexander von Humboldt. Die brutalen Naturgewalten, die atemberaubend weite Landschaft, das Mitwirken indigener Menschen: All das sah nicht nach DDR aus, sondern wies weit über sie hinaus. 

In Sichtweite des ehemaligen Spielfilmstudios

Mit der Wende und der Auflösung der Defa in 1990er-Jahren fand auch Dressels Arbeit als Kameramann ein Ende. Nach 1992 entstanden noch sechs Filme, im Jahr 2000 war endgültig Schluss. Auch wenn er keine Filme mehr machte und ihn das ehemalige Defa-Gelände wehmütig stimmte: Er behielt das Geschehen im Blick. Mehr als 50 Jahre lang wohnte Roland Dressel in Sichtweite des ehemaligen Spielfilmstudios.

„Zum Filmemachen gehören Unnachgiebigkeit und der Wille zum Besonderen“, sagte Roland Dressel einmal. „Und bei jeder Arbeit steht am Anfang die entscheidende Frage: Wie machen wir einen Film, der unverwechselbar ist?“ Seine Filme geben die Antwort darauf.

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