Kultur : Zum Abschied keine Tränen

Marc-Uwe Klings letzte „PotShow“

Andrea Schneider

Zuerst einmal gab es ein boxendes Känguru auf unglaublich lecker aussehender Torte. Schließlich stand ein Abschied an. Poetry-Slamer und Lesebühnenautor Marc-Uwe Kling, bekannt geworden durch seine beim Ullstein-Verlag erschienenen „Känguru-Chroniken“ sowie das „Känguru-Manifest“ – beide Zeugnisse endloser Dialoge zwischen dem Autor und seinem kommunistischen Känguru –, beendete aus privaten Gründen nach mehr als fünf Jahren sein Potsdamer Projekt „PotShow“. Im Spartacus hatte es seinen Anfang genommen, war dann ins „KuZe“ gezogen und ist nun seit einem Jahr auf dem Gelände vom Freiland wieder im Spartacus zu erleben. Von Anfang an zog die als „Slam“, also Wettbewerb um die besten Texter startende und als Lesebühne mit wechselnden Gästen endende „PotShow“ viele Fans der Kunst des „Spoken Word“ an. Der Mittwochabend aber, der letzte mit Marc-Uwe Kling, sollte noch einmal den Rahmen sprengen.

Mehr als 150 belegte Stühle umstellten die Bühne im Saal, auf der neben der Hauptperson des Abends auch Mitgestalter Sebastian Lehmann, Marc-Uwe Klings Nachfolger Maik Martschinkowski sowie Micha Ebeling, Gast und Wegbegleiter der ersten Stunde und das Berliner Elektro-Lyrik-Duo Broca Areal auf ihren Einsatz warteten. Es sollten zwei Stunden folgen, in denen mit forschem Gerangel um die eigenen Kompetenzen und die der anderen Texter Themen auf den Tisch kamen, die in ihrer Bandbreite vom Leergutproblem in Wohngemeinschaften und illegal eingewanderten Spinnen, von der Biene Willi und der Problematik des Alters, der Berufung oder der Philosophie über die Aufreger von Alltäglichkeiten bis hin zum Wahnsinn des Überwachungsstaates reichten. So war Marc-Uwe Klings Geschichte über den Marquis de Camembert, der, bei Hofe eingeladen, aus der Verlegenheit heraus inmitten der Feierlichkeiten nicht das Örtchen aufsuchen möchte und schließlich an unterdrücktem Harndrang stirbt.

Klings Texte, zweideutig, spitzfindig und immer wieder auch politisch, standen in starkem Kontrast zu denen des Gastes Micha Ebeling. Denn der war nicht nur körperlich viel präsenter, sondern auch wesentlich direkter. „Fuck for forrest“, mit dem Hinterteil gemalte Kunstwerke oder laszive Transen auf dem Rücksitz seines Taxis, die ihn zur Thematik der Masturbation ausfragen, der wort- und lautstarke Autor nahm kein Blatt vor den Mund. Bei so viel Bühnenpräsenz hatten es die zukünftigen Gastgeber Sebastian Lehmann und Maik Martschinkowski schwer. Aber auch sie produzierten ihre Lacher – „Hip Hop Hydras“, das M&H Imperium und den 30.Geburtstag heraufbeschwörend oder im Angesicht des brennenden Arbeitsamtes leise „Freude schöner Götterfunken“ vor sich hinsummend.

Ging da noch mehr? Oh ja. Das Duo Broca Areal mit Lino Ziegel und Wolf Hogekamp sollte mit einem Ständchen ihrer Version des „Heimlichen Aufmarsch“ von Ernst Busch, euphorisch gesungen vom ganzen Publikum, beinahe das letzte Wort haben. Beinahe nur deshalb, weil der privat mit Potsdam verbundene Marc-Uwe Kling nach nicht enden wollendem Applaus noch ein letztes Mal ans Mikro trat und „Grilling in the name of“ rappte und „meatboxte“. Andrea Schneider

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