• Zum 250. Geburtstag des Komponisten: Beethoven in Potsdam

Zum 250. Geburtstag des Komponisten : Beethoven in Potsdam

Am 17. Dezember 1770 wurde Ludwig van Beethoven getauft. Das Jubiläumsjahr wurde von der Pandemie überschattet. Ein Grund mehr für einen persönlichen Blick auf die Verbindung des Komponisten nach Potsdam. 

Klaus Büstrin
Happy Birthday, Ludwig van! 2020 wurde der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven gefeiert. 
Happy Birthday, Ludwig van! 2020 wurde der 250. Geburtstag von Ludwig van Beethoven gefeiert. Foto: Design © ARTE G.E.I.E./ARTE G.E.I.E./obs

Potsdam - Eineinhalb Stunden Stillsitzen kann für einen Elfjährigen eine halbe Ewigkeit sein. Da wird man schnell hibbelig. Doch dem Jungen schien es nichts auszumachen. Ihm war es vergönnt große Klaviermusik zu hören, gespielt von einem der bedeutendsten Pianisten des 20. Jahrhunderts, von Wilhelm Kempff. Der Name war dem Schüler jedoch nicht bekannt. Eva Foerster bemerkte leise: „Kempff ist einer der ganz Großen in der Musikwelt.“

Das erste Beethoven-Konzert: Aus Strafe wurde ein Gewinn

Der damals Elfjährige schreibt heute diese Zeilen. Die Persönlichkeit des Pianisten ergriff den Schüler damals im Laufe der 90 Minuten immer mehr. Er spürte, dass ihm da im Haus von Eva und Karl Foerster am Bornimer Raubfang erstmals ein großes Musikerlebnis geschenkt wurde. Dabei sollte die Hausmusik nach den Vorstellungen Kempffs eine Strafe sein: Im August 1955 hatten Foerster und Kempff ihn im Garten des Staudenzüchters während einer unerlaubten Mitnahme von farbenprächtigem Phlox erwischt. 

Klaviermusik von Beethoven war nach Ansicht der beiden Herren, die eng befreundet waren, eine gute Möglichkeit, den Missetäter zu bessern. Dazu spielte Wilhelm Kempff auf dem Flügel im ersten Stockwerk die Diabelli-Variationen. Ander als vorgesehen, wurde die Bekanntschaft mit dieser Musik aber ein Gewinn. Der Schüler erlebte sie als eine geheimnisvolle, sich allen Worten entziehende Klanglandschaft. Diese eineinhalb Stunden im Foerster-Haus weckten das Interesse für Beethoven.

Im Haus des Gärtners Karl Foerster ging der Pianist Wilhelm Kempff ein uns aus - und auch Klaus Büstrin, Autor und langjähriger Kulturchef der PNN.
Im Haus des Gärtners Karl Foerster ging der Pianist Wilhelm Kempff ein uns aus - und auch Klaus Büstrin, Autor und langjähriger...Foto: PNN / Ottmar Winter

Ein Glückstreffer und eine Spurensuche am preußischen Hof

Biographische Bücher über Beethoven waren in der DDR ein Glückstreffer. So entdeckte der Schüler im Schrank einer Nachbarin neben den Sammeltassen eine illustrierte Biographie Beethovens. So oft es ging, blätterte der Schüler in dem umfangreichen Werk. Eines Tages sagte die Nachbarin: „Du kannst das Buch mit nach Hause nehmen. Ich schenke es dir.“ 

Der Autor der Biographie berichtete auch vom Aufenthalt des Komponisten am preußischen Hof. Die Informationen fielen für den Musikinteressierten rar aus, sodass er sich selbst auf Recherche begab. Im Mai 1796 kam Beethoven, der mit 25 Jahren ein gefeierter Pianist war, während einer Konzertreise nach Berlin und Potsdam. Der musikliebende König Friedrich Wilhelm II. war bestrebt den Residenzstädten einen künstlerischen Glanz zu verleihen. Er erwog die Berufung Mozarts, aber nun war der junge Beethoven an seinem Hof. 

Im Marmorpalais am Heiligen See spielte Beethoven für Friedrich Wilhelm II. Klavierkompositionen.
Im Marmorpalais am Heiligen See spielte Beethoven für Friedrich Wilhelm II. Klavierkompositionen.Foto: Manfred Thomas Tsp

Ein beeindruckter König im Marmorpalais

Da der König selbst Violoncello spielte, schrieb der Künstler zwei Sonaten in F-Dur und g-Moll op. 5 für Cello und Klavier. Er trug sie im Musiksaal des neu erbauten Marmorpalais im Neuen Garten vor. An seiner Seite der berühmte Cellist Jean-Louis Duport. Die Zuhörer im Marmorpalais waren beeindruckt vom dynamisch-virtuosen Spiel des Pianisten. Auch der König. Doch hin und wieder soll ihn die Angst um das Fortleben des Flügels beschlichen haben, denn der wuchtige Anschlag Beethovens muss überwältigend gewesen sein.

[Was ist los in Potsdam und Brandenburg? Die Potsdamer Neuesten Nachrichten informieren Sie direkt aus der Landeshauptstadt. Mit dem neuen Newsletter Potsdam HEUTE sind Sie besonders nah dran. Hier geht's zur kostenlosen Bestellung.]

Noch einmal suchte Beethoven Kontakt zum preußischen Königshaus. Seine 9. Sinfonie mit der Ode An die Freude wollte er König Friedrich Wilhelm III. widmen. 1826 schrieb er dem Monarchen: „Euer Majestät sind nicht bloß Vater allerhöchst Ihrer Untertanen, sondern auch Beschützer der Künste und Wissenschaften. Ich bitte Euer Majestät, dieses Werk als ein geringes Zeichen der hohen Verehrung allergnädigst anzunehmen, die ich allerhöchst Ihren Tugenden zolle.“ Von der Widmung erhoffte sich Beethoven eine weite Verbreitung des Werks. Der Dank des Königs traf zwei Monate später in Wien ein.

Beethoven und Potsdams Klangkörper von den 1970ern bis heute

Die 9. Sinfonie in d-Moll op. 125 gehört zu den populärsten Kompositionen Beethovens. Während das Werk zumeist zum Jahreswechsel aufgeführt wird, fand es in den 1970er und 1980er Jahren regelmäßig beim Abschluss der damaligen Parkfestspiele Sanssouci ein großes Publikum. Das Orchester des Hans Otto Theaters, verschiedene Chöre, darunter die Singakademie und der Oratorienchor Potsdam, gehörten zu den Mitwirkenden der Konzerte, die vor allem durch die stimmungsvolle Kulisse des Neuen Palais für sich einnahmen.

Für die Klangkörper Potsdams, vor allem die Orchester und manchmal auch Chöre, sind Aufführungen der Sinfonien und Vokalkompositionen eine Selbstverständlichkeit. So hat die Kammerakademie Potsdam vor einigen Jahren alle neun Sinfonien an einem verlängerten Wochenende unter dem Dirigat von Antonello Manacorda zu Gehör gebracht. 

Ein Beethoven-Stream als Hoffnungsstrahl in mageren Kulturzeiten

Das Neue Kammerorchester Potsdam unter Ud Joffe startete 2019 den Sinfonie-Zyklus, doch die Corona-Pandemie unterbrach ein kontinuierliches Musizieren. Zum Beethoven-Jubiläum hat die Kammerakademie ihre Interpretation der Zweiten Sinfonie im Livestream gesendet. Ein Hoffnungsstrahl in mageren Kulturzeiten.

Und noch ein besonderes Erlebnis bringt sich im nun ausklingenden Jubiläumsjahr in Erinnerung: Vor gut zwei Jahren musizierte im Nikolaisaal Potsdam der polnische Pianist Piotr Anderszewski. Auf dem Programm des Klavierabends standen Beethovens Diabelli-Variationen. Anderszewski brachte die Musik mit großer Empathie zum Klingen, so frisch, als ob sie im Moment des Spiel entstand. Als hörte man sie zum ersten Mal.

Mehr lesen? Hier die PNN gratis testen.