• "Ziemlich beste Freunde" in Potsdam: Ink, Ink, Inklusion

"Ziemlich beste Freunde" in Potsdam : Ink, Ink, Inklusion

„Ziemlich beste Freunde“ im Hans Otto Theater ist eine gut geölte Komödie: sehr unterhaltsam, ein bisschen sozialkritisch – und doch zu nett.

L. Schneider
Driss (Frédéric Brossier) züngelt Philippe (Philipp Mauritz) nicht nur am Ohr herum, er stellt auch sein Leben auf den Kopf. Magalie (Meike Finck) schaut zu.
Driss (Frédéric Brossier) züngelt Philippe (Philipp Mauritz) nicht nur am Ohr herum, er stellt auch sein Leben auf den Kopf....Foto: HL Boehme

Potsdam - In dem Kassenschlager „Ziemlich beste Freunde“ von 2012 gibt es eine Szene, die sich Kinogänger, die auch Theaterkritiken wie diese hier lesen, gemerkt haben dürften. Omar Sy sitzt da als zum Krankenpfleger mutierter Proll Driss in der Oper. Philippe, den er pflegen soll, ist ein Fan von klassischer Musik, hört auch zu Hause ständig Mozart, Bach und Schubert, also gehört der Opernbesuch zu Driss’ Pflichten. Das Licht geht aus, der Vorhang auf, gespannte Stille. Ernste Gesichter. Die Musik hebt an. In diese feierliche Konzentration hinein platzt die Stimme von Driss: Da singt ja ein Baum! Da singt ein Baum, auf Deutsch!

Es ist eine sehr komische Szene. Nicht Driss wirkt lächerlich. Sondern der heilige Ernst, mit dem die Opernbesucher im Film dem Sänger im Blätterkostüm folgen – man könnte auch sagen: Leute wie wir. Leute, die an einem Freitagabend Vergnügen daran haben, auf einer Bühne, der in der Reithalle zum Beispiel, anderen dabei zuzusehen, wie sie uns ganz offensichtlich etwas „vormachen“, ohne dass das jemanden stören würde. Im Gegenteil.

In der Bühnenfassung von „Ziemlich beste Freunde“, die am Freitag in der Reithalle zur Premiere kam, war besagte Szene nicht dabei. Schade eigentlich, es wäre doch zu schön gewesen, zu sehen, ob dieses Über-sich-selbst-Lachen auch im Theater funktioniert. Ein bisschen Metaebene hat Regisseurin Annette Pullen dennoch in ihre Inszenierung eingebaut, durch die virtuos jonglierte Rollenvielfalt– und in diesen Momenten, wenn das Theater sich als Theater zeigt, ist dieser Abend am stärksten. Wenn er hingegen versucht, dem Kino in seiner emotionalen Wucht nachzusteigen, wirkt das klein.

Besonders virtuos jongliert Jonas Götzinger seine Rollen, als Prostituierte, Galerist, Familienangehöriger und Pfleger. Als solcher darf er auch den Abend eröffnen, stellt sich dem Publikum als professioneller Sozialarbeiter vor – gleich

dreimal, von leise bis schreihalslaut. Seine Vokabeln kennt er, muss aber die Aussprache noch üben: „Ink, Ink, Inklusion!“ Da probt einer seine Rolle und zeigt uns damit gleich zwei Dinge: Ja, dieses Theater weiß, dass es nur Spiel ist, seine Spieler gewissermaßen die Sänger im Blätterkostüm. Und zweitens verstehen wir sofort, warum der querschnittsgelähmte Philippe (Philipp Mauritz) sich von diesem Streber („Ich mag Behinderte, schon von klein auf!“) nicht betreuen lassen wird.

Stattdessen also Auftritt Driss (Frédéric Brossier). Er will eigentlich nur eine Unterschrift fürs Arbeitsamt, hat keinen Text vorbereitet, offenbar auch keine Ahnung, mit wem er es zu tun hat. Vor allem aber hat Driss keine Berührungsängste. „Haben Sie keine Gewissensbisse, dem Staat auf der Tasche zu liegen?“, fragt der wohlhabende Philippe, als er merkt, dass Driss nur auf die Unterstützung vom Amt aus ist. „Und Sie?“, fragt Driss den Schwerbehinderten da zurück. Eins zu eins.

Driss wird eingestellt, natürlich. Was folgt, ist ein ebenso erwartbarer wie unterhaltsamer Kulturaustausch: Driss holt Philippe aus seinem Elfenbeinturm, bringt ihm die Musik von Eminem bei, den Mut, eine langjährige Brieffreundschaft einfach anzurufen, holt auch mal eine Prostituierte ins Haus. Von Philippe lernt er im Gegenzug, dass man sich auch am Ohr erregen lassen kann, dass Berlioz ein Komponist ist, und auch allerhand über Alexandriner, wie der Schluss zeigt. Und von Magalie (wunderbar wandelbar: Meike Finck in einer von fünf Rollen), Philippes so sanfter wie strenger Sekretärin, lernt Driss, dass nicht alle Frauen sich von einem erzwungenen Kuss verführen lassen – auch das eine höchst aktuelle Erkenntnis.

Philipp Mauritz ist ein melancholischer Philippe, willensstark, dank Driss zunehmend lebensfroh und in der Paragliding- Szene, wenn Philippe sich jesusgleich aus dem Rollstuhl erhebt, geradezu berückend. Frédéric Brossier spielt seinen Driss mit unerschütterlichem Frohsinn und ebensolchem Selbstbewusstsein. Dass er kein Omar Sy ist, dafür kann er nichts, und doch erinnert diese Besetzung daran, dass der Film durch die verschiedenen Hautfarben der Spieler noch eine ganz andere (sozialkritische) Ebene berührte. Die bleibt der Potsdamer Adaption verschlossen – und das Stück daher netter, als es sein müsste. L. Schneider