Kultur : Zerrissen

Abschluss des 17. jüdischen Filmfestivals / Lesung mit Katharina Thalbach verschoben

Astrid Priebs-Tröger

Am letzten Tag des diesjährigen 17. jüdischen Filmfestivals in Potsdam wollten die Veranstalter einen besonderen Höhepunkt setzen. Die Schauspielerin und Regisseurin Katharina Thalbach, die 33 Jahre mit dem Schriftsteller und Filmregisseur Thomas Brasch zusammenlebte, sollte am Sonntagvormittag im Filmmuseum Texte aus dem Nachlass des 2001 verstorbenen charismatischen Dichters lesen.

Doch der „4. Skoda-Velothon Berlin“ durchkreuzte diese Pläne, Thalbach erreichte wegen großräumiger Straßensperrungen das Filmmuseum nicht, sodass die etwa einhundert Besucher „nur“ den letzten Film Braschs „Der Passagier – Welcome to Germany“ von 1988 zu sehen bekamen. In ihm beschäftigte sich Brasch, der aus einer deutsch-jüdischen Emigrantenfamilie stammt, wiederum mit den Hauptthemen seines Lebens und Schaffens: Was ist das Jüdische? Was ist der Faschismus? Was ist das deutsche Volk?

Er lässt im Film den erfolgreichen Hollywood-Regisseur Cornfield (Tony Curtis) in Berlin einen Dokumentarfilm über ein Nazifilmprojekt mit jüdischen Darstellern, die damals dafür aus einem KZ rekrutiert und denen für ihren Einsatz die Freiheit versprochen wurde, drehen. Doch bald wird den Beteiligten klar, dass es Cornfield, der, wie sich herausstellt, selbst einer der jüdischen Darsteller war, nicht um die Dokumentation dieser Ereignisse geht, sondern dass er mithilfe der Dreharbeiten sein ganz persönliches Trauma überwinden will: Er verriet seinen Freund und gelangte selbst in die Freiheit.

Brasch zeichnet mit einer Vielfalt von künstlerischen Mitteln – Dokumentarisches steht neben Surrealem, Puppenspiel neben großem Schauspielertheater – das Psychogramm einer zerrissenen Persönlichkeit. Der Film entwickelt aufgrund seiner großartigen Schauspieler (u.a. George Tabori, Katharina Thalbach, Matthias Habich), der kongenialen Bildsprache und der weitsichtig herausfordernden Fragestellungen auch zwanzig Jahre nach seiner Entstehung einen Sog, dem man sich kaum entziehen konnte.

Die Direktorin des Filmmuseums, Bärbel Dalichow, versprach, die Lesung mit Katharina Thalbach bald nachzuholen und kündigte für das Aktuelle Potsdamer Filmgespräch am 31. Mai einen aktuellen Dokumentarfilm über Thomas Brasch („Brasch – Das Wünschen und das Fürchten“) von dessen Kollegen Christoph Rüter an, der von der Begegnung dieses rastlosen Künstlers mit sich selbst erzählt. Astrid Priebs-Tröger

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