Kultur : Zeit und Zeitlosigkeit

Die indische Aditi Mangaldas Dance Company auch im Dialog mit dem Maler Siegward Sprotte

Astrid Priebs-Tröger
Langjährige Freundschaft mit Siegward Sprotte. Tänzerin Aditi Mangaldas.
Langjährige Freundschaft mit Siegward Sprotte. Tänzerin Aditi Mangaldas.Foto: pr

Sitar– und Tablaklänge, wohltönender Sprechgesang, rhythmisches Klatschen und Stampfen mit Händen und Füßen - so präsentierte sich die Aditi Mangaldas Dance Company von Anfang an bei ihrem Gastspiel am Montagabend auf der großen Bühne des Hans Otto Theaters. Doch wer die Farbenpracht indischer Gewänder erwartete, wurde enttäuscht. Barfuß und in schlichten silbergrauen Seidenhosen und -tops tanzten die vier Männer und drei Frauen in ihrem ersten Stück „Timeless“, das die Companychefin Aditi Mangaldas in der Mitte der Aufführung charmant aus ihrer eigenen Biografie heraus erklärte.

Zumeist im Halbdunkel, jedoch aus dem Vollen indischer und auch orientalischer Tanztraditionen schöpfend näherten sich die sieben Tänzer sieben Fragen, die das Phänomen Zeit betreffen. Das Stück „Timeless“, so stand im Programmheft zu lesen und es war auch vor Ort zu erleben, ist keine Antwort, sondern der Versuch, Zeit und Zeitlosigkeit zu sehen, zu hören, zu fühlen und zu erfahren. Und so war man eingebettet in eine exotische und bezaubernde Melange aus Sprache, Klängen und Bewegungen, die einen, ohne dass man sie bis ins Letzte entschlüsseln konnte, einfach mitnahmen auf eine Reise ins eigene Innere und das der Welt. Und wenn es wegen der sich immer wieder faszinierend kraftvoll drehenden Tänzer nicht zu schade gewesen wäre, einfach die Augen zu schließen, hätte man sich willenlos wegspülen lassen können von diesem emotional gesättigten Sound.

Nach der Pause dann ein ganz anderes Bild. Als Bühnenhintergrund war jetzt ein Triptychon, das aus drei gleich großen weißen Videoleinwänden bestand, zu sehen. Auf diesen war anfangs gleichmäßig eine Melange blau-grüner Farbtöne verteilt, aus der sich im Verlauf der Choreografie das berühmte Bild „panta rhei I“ (1997) des Potsdamer Künstlers Siegward Sprotte konstituierte. Beide Künstler verband, wie die Tänzerin und Choreografin während der Aufführung sagte, eine langjährige Freundschaft. Anlässlich des diesjährigen 100. Geburtstages des Malers hat Aditi Mangaldas ihm ihre 2009 entstandene Choreografie „Now Is“ gewidmet.

Sie selbst trat zusammen mit den Tänzern Dheerendra Tiwari und Piyush Chauhan, jeder angetan mit einer unterschiedlich blaugrün changierenden Seidentunika und –hose, vor diesem sich langsam auf dem Videotryptichon entwickelnden Sprotte-Bild in einen schöpferischen Dialog. Es schien, als würde sich die Energie der Tanzenden auf die Bildentstehung und dieses sich umgekehrt auf jene auswirken. Aus der gesättigten grün und blauen Farbmelange, die allmählich ins Fließen geriet, entstand ganz zuletzt das konzentriert-reduzierte, am ehesten an chinesische oder japanische Tuschemalerei erinnernde Bild Siegward Sprottes. Als Zuschauer wurde man Zeuge der wechselseitigen Beeinflussung unterschiedlicher künstlerischer Prozesse und der höchsten Konzentration auf den gegenwärtigen Moment.

Dabei erfuhren beide Kunstformen, jeweils aus dem Vollen ihrer Kultur und Tradition schöpfend, in diesem wechselseitigen (Tanz-)Prozess beeindruckende Momente der Reduktion. Bei Siegward Sprottes Bildern, die ab 14. April in der Ausstellung „Die Welt farbig sehen“ im Potsdam-Museum zu sehen sind, kann man das im Verlauf ihrer Entstehungs- und seiner Lebensjahre nachverfolgen. Bei Aditi Mangaldas Choreografie „Now Is“ war das in schönem Kontrast zum ersten Stück dieses begeistert aufgenommenen Abends schon innerhalb von zwei Stunden mit allen Sinnen zu erleben.

Astrid Priebs-Tröger

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