Kultur : Zeit für Veränderungen

Two Fish und Nicole Beutler bei den Tanztagen

Astrid Priebs-Tröger
So haarig kommen wir nicht mehr zusammen. Angela Schubot und Martin Clausen vom Berliner Künstlerkollektiv Two Fish.
So haarig kommen wir nicht mehr zusammen. Angela Schubot und Martin Clausen vom Berliner Künstlerkollektiv Two Fish.Foto: Gerhard F Ludwig

Was für ein Kontrast! Da lagen am Montagabend zwei stark behaarte Wesen auf dem schwarzen Boden der Reithalle A und taten erst mal nichts als auf dem Rücken liegen. Bis das eine von ihnen anfing, hochphilosophische Texte abzusondern, nahezu ohne Punkt und Komma, scheinbar zusammenhanglos und extrem kopflastig. Man war irritiert und sofort im Gegensatzpaar Natur versus Kultur gefangen.

Angela Schubot und Martin Clausen, die Gründer des Berliner Künstlerkollektivs Two Fish reflektierten und bewegten in ihrer Produktion „Halt mir meinen Platz frei, bis ich anders wieder da bin“ das Thema Veränderungen, im Kleinen wie im Großen, im Individuellen wie im Gesellschaftlichen. Und was die zwei bewegungstechnisch von der Horizontale bis in die Vertikale durchliefen - von auf dem Trockenen zappelnden Fischen bis hin zu expressiven und ineinander verschlungenen Vierfüßlern – war tänzerisch originell, wurde durch die Befeuerung mit Philosophie besonders spannungsvoll und war immer wieder skurril in seiner Gegensätzlichkeit.

Er und Sie arbeiteten sich intellektuell ab. Vornehmlich an den großen und ewigen Themen. Liebe inklusive. Die fand ihren sinnlichen Ausdruck im nahtlosen und wechselnden Übergang von Katzenjammer- und Orgasmusgeräuschen, im organischen Verwoben- und Ausgestoßensein beider Körper und im Wegtragen des Mannes durch das Weib(liche), was die moderne Frage nach der Gleichberechtigung der Geschlechter mit einem Federstrich ad absurdum zu führen schien. Keine leicht verdauliche Kost, die jedoch immer mit genügend Ironie gewürzt war und den Finger in viele Wunden gleichzeitig legte.

„Am Anfang war nichts, absolut nichts“, beschwor ein schlaksiger Typ im karierten Hemd gleich zu Beginn der Performance „3: The Garden“ der Niederländerin Nicole Beutler das Publikum in der fabrik. Und wer noch wenige Minuten vorher Two Fish erlebt hatte, ahnte sofort, dass es auch hier um die ganz großen Fragen gehen würde. Denn angesichts der ökonomischen und politischen Probleme der Gegenwart suchen Künstlerinnen wie die deutsch-niederländische Choreografin seismografisch nach Antworten auf drängende Fragen der Zeit. Nicole Beutler kreierte in ihrer Performance einen Garten, der sowohl vom sprichwörtlichen Garten Eden als auch von der berühmten Kommune auf dem schweizerischen Monte Verita – Rudolf von Laban gab dort Sommerkurse, die eine Keimzelle für den modernen Ausdruckstanz bildeten - inspiriert zu sein schien.

Auf einem flauschigen hellen Teppich, der von zwei Reihen kleiner blühender Bäume begrenzt wurde, fanden sich nach und nach zwei Frauen (Hillary Blake Firestone und Marjolein Vogels) und vier Männer (Giulio d’Anna, Niels Kuiters, Hendrik Willekens und Javier Vaquero Ollero) ein. Sie taten genau das, was in heutigen Zeiten endloser Debatten das Naheliegende scheint, sie ließen vor allem ihre Körper miteinander in Kontakt treten. In einer kunstvollen Mischung aus Yoga, Tanz und fernöstlichen Entspannungstechniken entwickelten sie Energien, die sie selbst zu heilen schienen und die Gruppe als Ganzes konstituierten. Fast zu schön, um wahr zu sein! Doch leider nur von kurzer Dauer, dann Black und als einziges Geräusch minutenlanges Herzklopfen.

Der Gegensatz von Kultur und Natur, Ordnung versus Chaos, wurde in Beutlers Performance, die in Potsdam Deutschlandpremiere feierte, schnell zerstört. Nachdem die Gruppe den Song „The Garden“ der Einstürzenden Neubauten dargeboten hatte, verwandelte sich die gerade entstandene Oase in ein Schlachtfeld und die Utopie schien verloren. Aber mittels exotischer Körperbemalung erfolgte die Verwandlung der Ausgestoßenen in fantasievolle Mischwesen und diese begannen einen neuen tänzerischen Reigen: mit dem Wunsch, einen neuen Menschen zu kreieren! Erst jetzt fielen die letzten zivilisatorischen Hüllen, etwas spät, um nicht prüde zu wirken. Das am Ende esoterische Auf- und Abgehobensein der Gruppe ließ den Zuschauer gleichzeitig beglückt, aber auch ratlos zurück. Beglückt ob der Schönheit, zweifelnd an dem postulierten Anspruch, einen nahezu bedürfnislosen Menschen zu kreieren.

Andrew Harwood & Benno Voorham mit „Miscellaneous Misunderstandings“ am heutigen Mittwoch, 20 Uhr, im T-Werk, Schiffbauergasse

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