• Zehn Jahre Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse: Auf Umwegen zum Theater

Zehn Jahre Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse : Auf Umwegen zum Theater

Vor zehn Jahren bekam das Hans Otto Theater erstmals ein festes Haus in Potsdam. Es ist ein Hingucker und prägt die Stadt. Ein Resümee zum Zehnjährigen.

Zehn Jahre Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse: Ein Spagat zwischen Kunst und Geschäft, Schmusekurs und Rebellion.Alle Bilder anzeigen
Foto: A. Klaer
22.09.2016 20:20Zehn Jahre Hans Otto Theater in der Schiffbauergasse: Ein Spagat zwischen Kunst und Geschäft, Schmusekurs und Rebellion.

Potsdam - Am 22. September 2006 wurde das Neue Haus am Tiefen See feierlich eröffnet. Es war der erste Theaterneubau in Potsdam nach 211 Jahren und das Ende von über 50 Jahren der Übergangslösungen. Zehn Jahre ist das her, sieben davon unter dem Intendanten Tobias Wellemeyer. Grund genug, einen Blick auf diese letzten zehn Jahre zu werfen und zu fragen: Wo steht das Theater heute?

Aber beginnen wir mit einem Umweg. Stellen wir uns einen Moment lang Folgendes vor: Ein ortsfremder Gast geht Ende der 90er-Jahre zufällig in Potsdam ins Theater. Er hat sich etwas widerwillig Karten für die Blechbüchse gekauft und, eine Überraschung, Nadja Uhl als Gretchen gesehen. Er ist angetan, will wiederkommen. 2005 ist es so weit. An der Kasse der Blechbüchse bekommt er, ein Glückspilz, Karten für „Frau Jenny Treibel“. Er staunt, als man ihm den Weg in eine renovierungsbedürftige Villa weist. Theater, hier? Aber Katharina Thalbach findet er toll. „Wiederkommen!“, sagt er sich. Wieder vergehen Jahre. Als er 2010 über die Lange Brücke spaziert, traut er seinen Augen nicht. Von der Blechbüchse keine Spur. Stattdessen eine Baugrube. Das Theater? „Am See!“, wird ihm jemand gesagt haben.

Endlich ein eigenes Haus. Und was für eins

Überlegen wir lieber nicht, wie der ortsfremde, fahrzeuglose Gast von der Straßenbahnhaltestelle den Fußweg zum Neuen Theater gefunden hat. Beeilen wir uns lieber mit der Pointe: Der Besucher wird aus der Ferne das rote Dach des 26 Millionen Euro teuren Neubaus von Gottfried Böhm gesehen und gestaunt haben. Er wird andächtig näher gekommen sein und sich gesagt haben: Mensch, das Theater hat es geschafft. Endlich ein eigenes Haus. Und was für eins.

Ist es so? Hat das Potsdamer Theater es mit dem Neubau „geschafft“? Aus dem Eröffnungsjahr 2006 wird eine Auslastung von über 90 Prozent berichtet – so hoch war sie seitdem nie wieder. Das war sicherlich vor allem der Neugier auf das neue Haus geschuldet, aber auch dem damaligen Intendanten Uwe Eric Laufenberg. Der wusste Künstlerisches geschickt mit Geschäftlichem zu verbinden, holte wie für „Frau Jenny Treibel“ Staraufgebot her, mit „Staatssicherheiten“ oder den „Satanischen Versen“ auch die überregionale Presse. Laufenberg ging 2009 nach Köln. Seitdem leitet Tobias Wellemeyer das Haus.

Schwerer Anfang in Potsdam

Wenn unser fiktiver Gast bei seinem Besuch 2010 ins Neue Theater ging, dann war der Saal aller Wahrscheinlichkeit nach nicht voll. Vielleicht sogar halb leer. Die Auslastung lag in dem Jahr bei unter 70 Prozent. Wellemeyers Anfang war schwer in Potsdam. Gegen das Prinzip „Solides Ensemble mit Star-Gästen“ setzte er auf „Ensemble pur“. Und er lud jüngere, weniger bekannte Regisseure wie Annette Pullen und Isabel Osthues ein – und Lukas Langhoff. Seinem „Macbeth“, Hommage an die Berliner Volksbühne, liefen die Zuschauer scharenweise davon. Die Wellemeyer-Ära hatte ihren ersten Skandal. Was darüber leicht vergessen wurde: Dieser Anfang war auch von dem deutlichen Versuch geprägt, zeitgenössische Dramatik zu wagen. Botho Strauß, Elfriede Jelinek, David Creig, dazu Neuentdeckungen wie Daniel Karasik und Olivier Kemeid. Rückblickend ein mutiger Auftakt. Das Theater riskierte es, abgelehnt zu werden.

Und die Ablehnung kam. 2010 gingen knapp 7000 weniger als im Vorjahr ins Theater. In der zweiten Spielzeit unter Wellemeyer wurde die Spielplangestaltung glatter, vorsichtiger – weniger Experimente! Stattdessen zog eine gewisse Beliebigkeit ein, die zeigte: Ab jetzt sollte für alle was dabei sein. Das Jahr 2011 versöhnte die Potsdamer mit ihrem Theater. Mit dem Vorwendepanorama „Der Turm“ nach Uwe Tellkamp gab es 2011 den ersten richtigen Publikumserfolg, bis 2015 regelmäßig im Programm. Dazu kam eine neue, unterhaltsam-leichte Note. Mit „My fair Lady“ war auch erstmals ein Musical dabei. Seitdem keine Spielzeit ohne.

Die Lust am künstlerischen Risiko nahm nach 2009 zunächst ab. Stattdessen: vermehrt Klassiker. In der dritten Wellemeyer-Spielzeit gleich zwei Schiller-Stücke, dafür nur noch vier lebende Autoren – wobei, ein interessanter Umschwung, statt Jelinek und Strauß jetzt Lutz Hübner und Uwe Wilhelm gegeben wurden. Hübner, dessen „Frau Müller muss weg“ seit 2012 als Kassenschlager gelten kann und der hier 2017 einen „Abend über Potsdam“ vorstellen wird, steht für unterhaltsame, dialogstarke Sozialkritik. Uwe Wilhelm hingegen ist Drehbuchautor, und warum man gerade ihn das Geburtstagsstück zum 300. von Friedrich II. schrieben ließ, wird immer ein Rätsel bleiben.

Wo sind die Stücke, die das Erbe der Preußen ins Heute weiterdenken?

Das bringt uns zur wohl größten Schwachstelle dieses Neuen Theaters: Der kritische Umgang mit dem Erbe preußischer Geschichte ist hier bisher, wo er überhaupt gewagt wurde, ordentlich schiefgegangen. Das gilt für die brachiale Revue „Fritz!“ unter Tobias Wellemeyer, aber genauso für das antiquierte Versdrama „Katte“, das Thorsten Becker zur Eröffnung des neuen Theaters 2006 geschrieben hatte. Wo sind die Stücke, die das Erbe der Preußen ins Heute weiterdenken? Am Hans Otto Theater sind sie jedenfalls bisher nicht. Die Spielzeit, in die das „Friedrich 300“-Jubiläum fiel, war künstlerisch ein Tiefpunkt.

Und eine zweite Leerstelle fällt ins Auge. Wo sind die Stücke, die Fragen an die jüngste Vergangenheit Potsdams stellen? Die mutig, auch angreifbar, wie Cathomas’ „Lola“ (2010) versuchen, Ostalgie aufzuspüren? Wo ist die Geschichte, die Tellkamps „Turm“ ins Heute weitererzählt? Mit „Kruso“ nach Lutz Seiler ist der Tellkamp-Faden zwar 2015 wieder aufgenommen worden. Aber keine der beiden Inszenierungen eignete sich dazu, wirklich mit der Vergangenheit zu streiten. Insgesamt wenig für eine Intendanz, die sich der Auseinandersetzung mit Geschichte verschrieben haben will. Das Erbe der DDR, das im mal mehr, mal weniger gemütlichen Nebeneinander zwischen Alt-Potsdamern und Zugezogenen immer wieder eine Rolle spielt und hier ein wichtiges Thema bleibt – am Neuen Theater ein erstaunlich blinder Fleck.

Manchmal braucht es Umwege

In der vergangenen sechsten Spielzeit unter Wellemeyer kündigte sich ein Wechsel an. Schon der Auftakt „Das schwarze Wasser“ von Roland Schimmelpfennig (Regie: Elias Perrig) gab eine neue Richtung vor: gesellschaftskritisch, gegenwartsnah. In der jetzt beginnenden Spielzeit stammen neun Textvorlagen von zeitgenössischen Autoren, so viele wie noch nie. Und „Geächtet“, „Terror“, „Gehen und Bleiben“, „Dogville“ sind Stücke, die sich mit der Angst vor Fremdem auseinandersetzen. Und mit der dringlichsten Frage, die sich das Land gerade stellt: Wie viel Anderssein halte ich aus?

Es ist kein schlechter Zwischenstand. Die Wellemeyer-Ära hat sich vom Tiefflug längst erholt, die Auslastungszahlen sind seit 2012 mit etwa 108 000 Zuschauern pro Jahr nicht berauschend, aber stabil. Vor allem: Das Theater, scheint es, hat sich der Gegenwart erinnert – und Tobias Wellemeyer ist dabei wieder bei dem versprechenden Ansatz seiner Intendanz ankommen, bei zeitgenössischen Texten. Manchmal braucht es bekanntlich Umwege. Was Theater hingegen immer braucht und in Potsdam zuletzt zu kurz kam: Mut, anzuecken. Also: Eine Mütze voll davon dem Neuen Haus zum Zehnten! Jetzt, da der Bau so langsam in die Pubertät kommt, wäre ein guter Zeitpunkt, um nach dem Schmuse- nun auch den Rebellenmodus zu entdecken.