• Zackiger Kurs im HOT Potsdam: Auftritt Haifischflosse

Zackiger Kurs im HOT Potsdam : Auftritt Haifischflosse

Offensiv zeitgenössisch, gemäßigt angriffslustig: Die zukünftige Intendantin des Hans Otto Theaters, Bettina Jahnke stellt ihre erste Potsdamer Spielzeit vor – und ein neues Logo.

Potsdam - Aus Blau wird Rot. Bislang steht das Blau des Tiefen Sees für das Hans Otto Theater. Als Maskottchen schwirrte die weiße Möwe über Spielzeithefte, Internetauftritt, Plakate. Künftig geht es marketingtechnisch zackiger zu. Tobias Wellemeyer verlässt das Hans Otto Theater und statt des träumerischen Möwenschattens soll ab Herbst das gezackte Relief des Theaterdaches für den Wiedererkennungseffekt in der Stadt sorgen. Bettina Jahnke, die Frau, die ab September das Haus mit dem gezackten Dach leiten wird, nennt es „die Haifischflosse“.

Am heutigen Mittwoch stellte Jahnke die Pläne für ihre erste Spielzeit in Potsdam vor. Bevor es aber um Inhalte ging, war noch ein bisschen die Außenwirkung in der Stadt Thema. Denn Jahnke versucht, das eine mit dem anderen zu verbinden – und als Klebemasse zwischen Werbung und Inhalten hält der Namenspatron her, Hans Otto. Der Schauspieler (1900 – 1933) gab nicht nur dem Potsdamer Theater seinen Namen, sondern auch der Leipziger Hochschule, an der Jahnke und Chefdramaturgin Bettina Jantzen zusammen studierten. Wegen seiner politischen Gesinnung wurde er von den Nazis ermordet. 85 Jahre ist das in diesem Jahr her, auch daran will Bettina Jahnke erinnern. Wie überhaupt an das, was Hans Otto ausmachte: seine Haltung. Unbeugsam, links, auch angesichts von Gefängnis und Folter. „Haltung“ lautet bekanntlich auch das Motto, das Bettina Jahnke und ihr Team über ihre erste Spielzeit geschrieben haben. „Den Namen Hans Otto Theater tragen wir mit Stolz“, sagt sie.

Das neue Konzept stänkert ein bisschen

Ab dem Herbst nun wird mit Hans Otto das Theater in der Stadt beworben werden, mit Sätzen wie: „Hans Otto will doch nur spielen“ oder „Für Hans Otto breche ich ein Tabu“ oder „Hans Otto macht mich verrückt“. Das spielt die verschiedenen Potenziale von Theater durch, und stänkert auch ein bisschen – etwas, das Bettina Jahnke, siehe Haifischflosse, durchaus entgegenzukommen scheint. 

Inhaltlich wirkt das Ensemble der insgesamt 23 Stücke, die Bettina Jahnke und Team in der ersten Spielzeit stemmen wollen, dann gar nicht so sehr angriffslustig – dafür aber offensiv zeitgenössisch, was die Texte angeht. Zwölf der 23 Premieren basieren auf zeitgenössischen Vorlagen. Wobei gar nicht die (einzige) Uraufführung der größte Hingucker ist („Gehen oder Der zweite April“ von dem bislang unbekannten Jean-Michel Räber), sondern die Tatsache, dass hier in der kommenden Spielzeit drei der interessantesten zeitgenössischen Theaterautoren deutscher Sprache erstmals auf die Potsdamer Bühne kommen werden: der österreichische Kleist-Förderpreis-Träger Thomas Köck (Jahrgang 1986) mit „paradies spielen (abendland). ein abgesang“ wird gleich am ersten Eröffnungswochenende am 22. September gezeigt. Der Regensburger Konstantin Küspert (Jahrgang 1982) stellt mit „europa verteidigen“ die Frage, inwiefern der Kontinent als Gemeinschaft noch funktioniert (25. Oktober). Und die notorisch böszüngige Gegenwartsautorin Sibylle Berg beschreibt in „Viel gut essen“ (8. Dezember) die „Genese eines rechtspopulistischen Wutbürgers“, wie das Programmheft verspricht. Politische Stoffe, zeitgenössische Texte: vielversprechend.

„Die DDR-Geschichten sind keinesfalls auserzählt“

Als geradezu wellemeyeresk könnte man da den (ebenfalls zeitgenössischen) Spielzeitauftakt bezeichnen: Bettina Jahnkes Vorhaben, „In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge auf die Bühne zu heben. Der Erfolgsroman, der vier Generationen DDR umspannt und teilweise in Potsdam spielt, führt die inhaltlich so wichtige Suche nach den Spuren der DDR fort, die auch Wellemeyer mit Romanadaptionen in Angriff nahm. „Die DDR-Geschichten sind ja keinesfalls auserzählt“, sagt Jahnke, zurecht.

Auch Klassiker will sie nach Spielarten von Haltung abklopfen: Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ (Regie: Malte Kreutzfeldt) scheint da fast ein Muss, auch an den Schulstoff „Kabale und Liebe“ wagt sie sich wieder heran – in der Regie von Tobias Rott übrigens, der in Potsdam einst selbst im Ensemble war. 

Ebenfalls keine Unbekannte in Potsdam ist die Regisseurin Annette Pullen, die Falladas düsteren Roman „Jeder stirbt für sich allein“ im April auf die Bühne bringen wird. Pullens Inszenierung des Kinohits „Ziemlich beste Freunde“ rettet Jahnke hinüber in die neue Spielzeit, gemeinsam mit dem Hit „Rio Reiser“. Aus dem Kinder- und Jugendtheater werden ebenfalls drei Stücke übernommen: "In einem tiefen, dunklen Wald" von Paul Maar, "Agent im Spiel" von David S. Craig und "Nadia" von Daniël van Klaveren. Auch die Winteroper wird es bekanntlich weiterhin geben, in diesem Jahr zum letzten Mal in der Friedenskirche, bevor das Schlosstheater wieder geöffnet wird. Auf dem Plan: „Theodora“, ein szenisches Oratorium von Georg Friedrich Händel. Im Mittelpunkt steht auch hier eine, die sich bis zum bitteren Ende in unbeugsamer Haltung übt: Theodora, eine Christin, die für ihren Glauben in den Tod geht.

15 Neuzugänge im Ensemble

Und sonst? Heißt das Neue Theater jetzt Großes Haus, das Forum in der Reithalle Reithalle-Box. Eine weitere neue Spielstätte will Jahnke im Juni 2019 für das Sommerstück auftun, direkt am Wasser, mit Blick über den See. Dort, auf der Sommerbühne am Tiefen See, wird sie ihre zweite Potsdamer Inszenierung vorstellen, die Komödie „The Queen’s Men“ von Peter Jordan nach Shakespeare. Ein Stück, das sie renaissancegemäß ganz von Männern spielen lassen wird – mit einer Ausnahme. 

Apropos: Das neue Ensemble, darunter 15 Neuzugänge, die es zu entdecken gilt, besteht aus 14 Männern und elf Frauen – immerhin eine mehr als zuvor unter der Intendanz von Tobias Wellemeyer. „Die Quote muss stimmen“, hatte Jahnke vorab über ihre Vorhaben als Theaterleiterin gesagt. Unter den 23 Stücken der neuen Spielzeit sind drei von Frauen. Zumindest hier müsste noch ein bisschen was passieren, damit die Haifischflosse im Logo ihrem Ruf gerecht wird. 

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DIE SPIELZEIT 2018/19: Zwei Eröffnungswochenenden, viele Zugaben

Bettina Jahnke, noch Intendantin der Landesbühne in Neuss, feiert ihre erste Spielzeit in Potsdam mit zwei Eröffnungswochenenden. Am 22. September um 17 Uhr öffnet sie symbolisch die Türen des Großen Hauses mit einem „künstlerischen Entrée“. Um 18 Uhr beginnt die erste Premiere, „In Zeiten abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge (Regie Bettina Jahnke), danach stellen sich Schauspieler mit Texten und Liedern vor. Um 21 Uhr beginnt die zweite Premiere „paradies spielen“ von Thomas Köck. Ab 22.30 Uhr spielen die 17 Hippies bei freiem Eintritt für alle im Großen Haus.

Am 6. Oktober um 16.30 Uhr gibt es Kindersekt und Luftballons in der Reithalle, danach beginnt um 17 Uhr das Clownsstück „Haus Blaues Wunder“ von Ingeborg Zadow, das erste von fünf Kinder- und Jugendstücken der ersten Spielzeit. Um 18 Uhr präsentieren sich erneut Ensemblemitglieder, um 19.30 Uhr ist die zweite Premiere des Abends, Bertolt Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ im Großen Haus. Ab 22.30 Uhr spielt die Potsdamer Band Soul Dressing mit Marc Eisenschink. 

Neben dem Schauspielprogramm sind viele „Zugaben“ geplant. Am 8. September von 11 bis 13 Uhr stellt sich das Theater in Schaufenstern in der Brandenburger Straße vor. In einer neuen Reihe diskutiert TV-Moderator Gert Scobel in „Scobel fragt“ über Kunst und Gesellschaft. Die Reihe „Potsdam liest“ wird ab 15. November wiederbelebt und Hans-Jochen Röhrig gratuliert Fontane ab 18. November mit einer Lesereihe zum 200. Die angekündigte Bürgerbühne muss bis zum 27. Januar warten, dann können sich Interessierte erstmals im Glasfoyer treffen. 

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