Kultur : Wunde Zeit

Achim Wannicke las im Literaturladen

Gerold Paul

„Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden/was aber/wenn die Zeit die Wunde ist?“: Seit 20 Jahren lebt Achim Wannicke hier, und Potsdam kennt ihn doch nicht. Dabei ist er ein Lyriker vom Zuschnitt der Zeit, mit einem Tropfen Ewigkeit im Blut. Vor allem einer mit Herz, der Herzen erreicht. Er selbst beschrieb sich in „Großstadtschamane“ als „bäriges Mischblut aus Energie und Schlaf. Übergang zwischen Tier und Mensch. Also Ich“. Also er. Geboren 1950 in Berlin, Studien der Pädagogik in Marburg und Wien, wahrscheinlich auch eine Prise Philosophie. Seine vier Kinder seien aus dem Haus, sagte er in der Lesereihe „Montags immer“ im Literaturladen von Carsten Wist. Seine Frau auch. Gemeinsam mit dem Potsdamer Sitarspieler Matyas Wolter präsentierte er den jüngsten seiner vier Lyrikbände, 2010 unter dem Titel „Zeitenwäscherin“ erschienen. Wernicke weiß oft ganz brillant zu formulieren, falls nicht allzu viele Materieschnipsel nebst zugehörender Begrifflichkeit seine Texte verhageln. 1989 hatte er in Berlin eine „Kinderakademie“ mit dem Ziel gegründet, die Kleinen vor Depression zu schützen. „Mit Kindern zu arbeiten hat immer etwas Poetisches“, so der Dichter.

Achim Wannicke steht für das Hineinbrechen der Pädagogik ins Reich der Lyrik. In einem poetologischen Prolog beklagte er die mangelhafte Vorbildwirkung früherer Elterngenerationen auf deren Kinder, aber auch, dass die heutige Literatur kaum auf die Reflexe der letzten 100 Jahre reagiert habe, aufs Esoterische zum Beispiel. Seine Texte wollen Nähe statt Abstand schaffen. Liebe soll den Zweifel ersetzen, Hinwendung alles Zynisch-Ironische. Ziel ist die „liebevolle Freundschaft zum Leben“, egal ob Tier, Pflanze, Mensch, oder Mineral. Mag bei diesem poetischen Entwurf auch der Esoteriker und Philosoph Rudolf Steiner Pate gestanden haben, so hat das diesen Texten nicht geschadet. Manch einer hat die Kraft, mit Herz das Herz des Gegenüber zu erreichen, auch ohne Sitar. Poetologisch verhält er sich dabei wie Goethe, der sagte, als Mensch sollte man Christ sein, als Dichter eher Polytheist. So ist „Das 11. Gebot“ angelegt, darin er sich im eigenen Quantenvakuum seine Schuld einfach selbst vergibt. Auch ohne Glauben segnet er den Sohn zum 18. Geburtstag, gibt ihn frei aus seinen Träumen, damit jener eigenen folge. Und fügt als Vater hinzu: Dir verdanke ich mein Leben.

In dem Titelgedicht „Zeitenwäscherin“ versucht „der Mann aus Potsdam“ sein persönliches Hohelied zu schaffen, wohl wissend: „Ich und Ich ist noch nicht wir!“ Überhaupt Frauen: Ihnen traut er mehr zu als den Männern, wie man in der Huldigung an die nordische „Freya“ oder im Gesang von der „Todin“ hören konnte. „Mutter unser“ ist seine Antwort aufs bewährte „Vaterunser“. Wehe, wer hier mit Ideologien fuchtelt! Was aber die Schönheit selbst betrifft – die findet der echte Poet wie Wannicke noch in Gestalt einer toten Katze. Als würde dies alles immer noch nicht zur poetischen Korrespondenz mit dem Leser reichen, weisen „Nördliches Orakel“ und „Irminsul“ dezent darauf hin, dass der Hiesigen Herkunft und Heimat weder subalpin noch levantinisch ist. Recht so, aber warum verwendet er dabei ständig das Wir, wie es Unstarke tun?

Von der Sitar mit Traditionellem und Improvisation begleitet, war es ein Abend voller Sprach- und Bildkraft, suchend, bittend und also wenigstens zur Hälfte heilig! Kein Zweifel, der Großstadtschamane mit gibt tatsächlich bärige Impulse für eine Zeit, die Wunde ist, und Wunde sein kann, soll. Gerold Paul

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