Kultur : Würzige Melange

Internationale Kleinkunstnacht im „Charlotte 31“

Astrid Priebs-Tröger

Eines fiel sofort auf: die völlige Abwesenheit von Hexen, Besen oder Maibäumen an diesem Walpurgisnachtfest im al globe und im Potsdamer Kabarett Obelisk. Dafür gab es Türkisches Kabarett, Berliner Puppenspiel, Indische Sitarmusik und Portugiesische Fadoklänge zu sehen und zu hören. Genrereicher, multikultureller und damit weltumspannender konnte ein Kleinkunstprogramm am Vorabend des 1. Mai kaum sein. Und da der beginnende Frühling gemeinhin als Zeichen von Neubeginn und Aussaat verstanden wird, war diese erste gemeinsame Kleinkunstnacht beider Kulturinstitutionen der vielversprechende Versuch, in einen spannenden Verschmelzungsprozess einzutreten.

Die Chefinnen Gretel Schulze und Kathrin Werlich führten abwechselnd durch das fast fünfstündige Programm, anfangs ein wenig verunsichert, da sie im Vorfeld mit einem Vielfachen an Besuchern gerechnet hatten, denen sie ihr gesamtes Haus im Herzen der Potsdamer Innenstadt präsentieren wollten, dann immer lockerer, als sie in der ersten Etage des al globe ihr Konzept aufgehen sahen. Zur Eröffnung präsentierte sich betont lässig der Hamburger Kabarettist Kerim Pamuk, der mit seinen pointierten Szenen aus dem Alltagsleben von türkischen und deutschen Machos, den Seitenhieben auf’s gefühlige Befindlichkeits-TV und gekonnten Publikumsbeschimpfungen dieses schnell auf seiner Seite hatte.

Nach einer ziemlich schrägen Mischung aus hamburgischer Zurückhaltung und türkischem Temperament hinterließ er für Peter Waschinsky, den zum Urgestein der ostdeutschen Puppenspielerszene gehörenden Original in lila Kniebundhose, begeistert mitgehende Zuschauer – nicht nur für dessen sehr faszinierende, mit den blanken Händen gespielten Szenen „Internet“ oder der Geschichte einer gescheiterten Paarbeziehung sondern auch für die Darbietungen seiner musikalischen Begleiter der Berliner Gruppe „Aufwind“. Als Waschinsky dann auch noch rappte und steppte, Wilhelm Busch und Bertolt Brecht originell persiflierte, wusste man, dass man einen Vollblutkomödianten vor sich hatte.

Ob und wie man danach eine Brücke zu indischer Sitarmusik hätte schlagen können, blieb im Verborgenen, die Veranstalterinnen versuchten es jedenfalls erst gar nicht, und auch diese Rechnung ging auf. Der Potsdamer Sitarspieler Sebastian Dreyer wob einen beeindruckenden Klangteppich aus klassischer indischer Ragamusik und folkloristischen Melodien aus Rajasthan, der die Zuhörer nachhaltig in fernöstliche Klangwelten entführte und augenscheinlich auch dafür einnahm.

Zu fortgeschrittener Stunde lockten dann die Musiker des Berliner „Trio Fado“ schon mit ihrem ersten sehnsuchtsvollen Lied zurück in das Herz Europas. Sängerin Maria de Lurdes genoss es im ersten Teil des Programms, mit viel Innigkeit traurig zu sein und Gitarrist António de Brito sang im Anschluss kraftvoll und mit rauchigem Timbre die männliche Version dieser typisch portugiesischen Musik, die meist von unglücklicher Liebe und der Sehnsucht nach besseren Zeiten erzählt. Ein einmaliges Klangerlebnis und vielleicht der ungekrönte Höhepunkt des Abends dann gegen halbzwölf: Die Symbiose aus mongolischem Obertongesang und portugiesischem Fado. Das österreicherische Bandmitglied und Guitarra-portuguesa-Spieler Daniel Pircher gab damit ebenfalls eine Kostprobe seines virtuosen Könnens. Astrid Priebs-Tröger

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