• Wo das deutsche Reich sein Ende hat

Kultur : Wo das deutsche Reich sein Ende hat

Hermann Pölking stellt am kommenden Dienstag in der Urania sein Buch „Ostpreussen – Biographie einer Provinz“ vor

Im ostpreußischen Winter auf der Flucht.
Im ostpreußischen Winter auf der Flucht.Foto: Bildarchiv Preußischer Kulturbesitz

„Im Grunde war sein Wesen ernst. Seine Heimaterde gab ihm Melancholie und Schwerblütigkeit. Aber sie gab ihm auch eine gewaltige Kraft.“ So erinnert sich Charlotte Corinth an ihren Mann, der es als Sohn eines kleinen Gerbermeisters zu einem großen deutschen Maler brachte. Denn auch strotzende Sinneskraft gab ihm die Erde mit. Lovis Corinth wurde wie viele Ostpreußen durch seine Heimat tief geprägt. Doch um Karriere zu machen, reiste er „ins Reich“, wie man damals sagte. „Bei uns war’s schön; Geschichte geschah woanders“, hieß es landläufig. Und so zogen auch Käthe  Kollwitz, Bruno und Max Taut, Hannah Ahrendt oder Siegfried Lenz von dannen, entflohen dem stillen weiten Land, um sich in das anregende Getümmel im Herzen Deutschlands zu stürzen: ,„Weg von Nimmersatt, wo das Deutsche Reich sein Ende hat.“

Hermann Pölkings 900-seitige „Ostpreußen-Biografie“, die er am kommenden Dienstag in der Urania vorstellt, lässt eine untergegangene Provinz noch einmal in all ihren Facetten aufleuchten, ohne die dunklen Kapitel auszublenden. Es wird über Wetter und Gemüt, Trunksucht und Sprachen philosophiert, aber auch von den widerstreitenden Religionen und den ethnischen Konflikten dieses Vielvölkergebildes, das ähnlich Amerika ein Siedlungsland war. Es gab eine Ablehnung alles Polnischen und Litauischen durch eine Bevölkerung, die selbst polnische und litauische Vorfahren hatte. „Eine Selbstverkennung, die das eigene Wesen verleugnete und deformierte und sich gefährlich in antislawische Affekte umsetzte“, wie der Gründer der Humanistischen Union, Gerhard Szeszesny, konstatierte.

Der Autor Hermann Pölking zitiert in seinem dicken Wälzer aus zahlreichen bislang unveröffentlichten Augenzeugenberichten und reichert sie mit Fotos und Landkarten an, so dass auch jüngere Generationen, die kaum noch wissen, wo das untergegangene Ostpreußen zu verorten war, ein Gefühl von Land und Leute bekommen. Die damaligen Ortsnamen, wie Pillupönen oder Perkuhnlauken, lesen sich wie aus dem Märchenbuch. Doch das Leben mutete wohl alles andere als märchenhaft an. Der Kampf ums Dasein war in dieser kargen Gegend, wo es neun Monate Winter und drei Monate keinen Sommer gibt, wie die Menschen über den ostpreußischen Jahresablauf lästerten, viel härter als anderswo. „Gleichgültig und geduldig lebten sie ihre Tage, und wenn sie bei und miteinander sprachen, so erzählten sie von uralten Neuigkeiten, von der Schafschur und vom Torfstechen, vom Vollmond und seinem Einfluss auf neue Kartoffeln, vom Borkenkäfer und von der Liebe. Und doch besaßen sie etwas durchaus Originales – ein Psychiater nannte es einmal die ,unterschwellige Intelligenz’“, schrieb Siegfried Lenz in seinen „Suleyken-Geschichten“.

Viele Ostpreußen machten sich freiwillig auf den Weg in den Westen. Doch mit Ende des Zweiten Weltkrieges wurden Tausende Familien zwangsweise aus- und umgesiedelt. Die Reaktionen auf den Völkermord der Nazis bekamen die Ostpreußen besonders hart zu spüren. Morde, Vergewaltigungen, Plünderungen. Der Schriftsteller Ralph Giordano bezeichnete die Verbrechen der Sowjetarmee an den ostpreußischen Frauen als die „wahrscheinlich größte Massenvergewaltigung aller Zeiten“. Ein junger sowjetischer Offizier schrieb Jahre später über die miterlebten Taten: „Frauen, Mütter und ihre Kinder liegen rechts und links an der Straße und vor jeder Einzelnen stehen graue Mengen von Männern mit heruntergelassenen Hosen ... Die blutenden oder ohnmächtigen Frauen schafft man zur Seite und unsere Männer erschießen all jene, die ihre Kinder zu retten versuchen.“

In die Häuser der Vertriebenen zogen vor allem Ukrainer und Weißrussen ein, die unter dem Krieg besonders gelitten und die eigene Bleibe verloren hatten: häufig ohne Männer, die im Krieg umgekommen waren.

Hermann Pölking, der 1954 in Bremen geboren wurde und in Westberlin Publizistik studierte, hat sich als Autor, Lektor und Herausgeber auf die Geschichte deutscher Länder spezialisiert. Mehr als 600 Bücher aus zahlreichen Bibliotheken hat er für seine Ostpreußen-Biografie in dreijähriger Arbeit ausgewertet.

Heute wird im ehemaligen Ostpreußen – zwischen Weichsel, Nogat, Ostsee, Memel und den Wäldern Masurens – neue Geschichte geschrieben. Menschen anderer Nationalität und Kultur bestimmen das Bild. Nicht alle, die gehen mussten, nehmen die Entwicklung hin. Es gibt durchaus revanchistische Bestrebungen. Der Verein der Landsmannschaft Ostpreußen schrieb in seiner Satzungs-Präambel, dass er Ostpreußen in seiner Gesamtheit und in seinen Stadt- und Landkreisen fortsetze. Im Geist der ewig Gestrigen, die im Beweinen um den Verlust der Heimat die Ursachen „übersehen“, die zum Ende von Ostpreußen führten. Heidi Jäger

Vortrag von Hermann Pölking am Dienstag, den 13. Dezember, 18 Uhr, Urania, Gutenbergstraße 71/72, Eintritt 4/erm. 3 Euro. „Ostpreußen - Biografie einer Provinz“ ist im be.bra Verlag erschienen, 29, 95 Euro