• „Wir waren immer die, die flüsterten“

Kultur : „Wir waren immer die, die flüsterten“

Die Scham der Herkunft: Emilia Smechowski und Ijoma Mangold eröffnen die Lit:potsdam 2018

Eröffnungsgäste.
Eröffnungsgäste.

„Sei froh, dass du so unsichtbar bist.“ Diesen vermeintlich tröstenden Satz hört Emilia oft von ihren türkischen Freunden. Die können ihre Herkunft nicht verleugnen. Emilia ist Polin und fällt nicht auf. Wenn sie nicht spricht. Also wird in der Öffentlichkeit geschwiegen. Das ist eine ausgemachte Sache, an die sich Emilia hält. So wie ihre Eltern es von ihr erwarten. Sie war fünf Jahre, als sie 1988 mit ihren Eltern aus der Nähe von Danzig nach Westberlin kam. „Durch die Sprachlosigkeit wurde aus dem ernsthaften polnischen Kind ein stummes deutsches Kind.“

Das ist einer dieser schwerwiegenden Sätze, die an dem Eröffnungsabend der Lit:potsdam 2018 nachklingen. Emilia Smechowski spricht ihn noch immer bewegt aus, als sie gemeinsam mit ihrem Schriftstellerkollegen Ijoma Mangold und Moderatorin Marion Brasch am Dienstag im Bildungsforum sitzt und über das Thema Scham und Selbstbewusstsein nachdenkt. Sie liest aus ihrem autobiografischen Buch „Wir Strebermigranten“. „Ich redete mir lange ein, dass ich nichts mehr mit meinem Heimatland zu tun habe“, sagt Smechowski. Den Eltern wurden die deutschen Papiere förmlich nachgeworfen. Und sie wollten dem Papier entsprechen. „Die Mutter hat uns das Polnische verboten, weil sie sich schämte, aus einem unterentwickelten Land zu kommen. Selbst mit ihrer polnischen Putzfrau sprach sie deutsch. Wir Polen erkannten uns immer untereinander: Wir waren die, die flüsterten.“

Emilia war noch Emilka, als ihre Eltern mit ihr losfuhren – raus aus dem bitterarmen Polen. Nur ein Jahr später hatte sie einen neuen Namen, ein neues Land, eine neue Sprache. „Aber das Schlimmste war das Sprechverbot. Das hat viel mit mir gemacht“, erinnert sich die Journalistin, die für die „Süddeutsche Zeitung“ und „Die Zeit“ schreibt. Jetzt vor allem aus Polen, wo sie wieder lebt, wo ihre Tochter den Kindergarten besucht und zweisprachig groß wird.

Ijoma Mangold hat ebenfalls Wurzeln im Osten. Seine Großeltern stammen aus Schlesien, bis sie 1945 vertrieben wurden. Doch Ijoma Mangold, der in Heidelberg geboren wurde, hat auch einen nigerianischen Vater. Und obwohl oder gerade weil er ihn nicht kennenlernte, wurde der Vater zum Ballast seiner Kindheit. Von ihm erbte Ijoma Mangold die dunkle Haut, die Locken. Seine exzentrische Mutter verpasste ihm dann auch noch diesen Vornamen, den er viermal wiederholen musste, bis ihn jemand verstand. „Ich hätte das polnische Schicksal vorgezogen“, sagt er im Gespräch mit Emilia Smechowski.

Irgendwie macht dieser Einwurf an diesem Abend betroffen. Kann man die Schwere des Schicksals aufwiegen? In seinem Erzähldebüt „Das deutsche Krokodil“ beschreibt Mangold ohne jede Larmoyanz sein von ständigem Argwohn gepflastertes Großwerden in der „autobiografischen Folklore“. Überall witterte er eine unterschwellige Abwertung. „Die Begeisterung für sein krauses Haar steht in keinem Verhältnis zur tatsächlichen Herablassung gegenüber jenem Kontinent, in dem die Menschen solche Haare haben. Jeder will doch lieber Deutscher sein als Afrikaner, jeder will lieber spenden als Almosen empfangen“, schreibt er über den Jungen, der er war. Und der mit dem Krokodil aus Ebenholz auf dem Fensterbrett hadert. Statt einer weißen Marmorbüste eine schwarze Holzskulptur. „Als wenn man andere noch darauf stoßen muss, dass in diesem Haushalt die Verbindung zu Afrika gepflegt wird.“

Mit der Mutter, der Kinderpsychotherapeutin, fühlte er sich manchmal wie nackt. Sie sprach die Leute an, war offen. Er selbst war eher verdruckst. Wegen der Abwesenheit des Vaters, von dem manche mutmaßten, er sei ein GI, ein Hallodri, der mit einer Deutschen, die ein Flittchen war, ein Kind gezeugt hat. Nein, musste er klarstellen: Mein Vater kommt aus Nigeria und hat in Deutschland Medizin studiert. Wenigstens das.

Erst als Erwachsener lernte er den Vater kennen, die Geschwister in Nigeria. „Wie ich aussehe, wie ich lache, meinen pompös repräsentativen Habitus – all das habe ich vom Vater geerbt“, sagt er. Er habe Deutschland nie als rassistisch empfunden, so Ijoma Mangold. Aber er habe immer schon zu reden begonnen, noch bevor er einem anderen die Hand schüttelte, „um untergründige Schrecksekunden zu besänftigen“. Nein, er hat auch keine Angst vor einem Rechtsruck. „Wir leben jetzt in einer Phase der Enthemmung auf der einen Seite und der Übersensibilisierung auf der anderen.“ Emilia Smechowski hingegen sieht sehr wohl die Gefahr von Rechts.

Es ist kein einvernehmlicher Abend. Jeder lebte seine eigene Scham, jeder entwickelte daraus eigene Lebensstrategien. Ijoma Mangold will die Norm stark machen, findet auch den Lieblingssatz seiner Oma „Was sollen denn die Leute denken?“ durchaus berechtigt. Erst mit Erscheinen des Buches gewinnt der Begriff Afrodeutscher auch für ihn an Bedeutung. Für Emilia Smechowski geht es um die Rückeroberung des Polnischen. „Die Assimilation hat nicht funktioniert. Sie ist ein Märchen. Bei meinen Eltern merkt man bis heute beim Sprechen, dass sie nicht Deutsche sind.“ Für die Tochter stellt sich nicht die Frage: Bist du Deutsche oder Polin. „Es gibt auch etwas dazwischen.“ Heidi Jäger

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