Kultur : Wind und Netze

Die italienische Künstlergruppe Trebisonda zeigt Arbeiten in der Galerie M

Richard Rabensaat
Drahtskulptur. Robert Langs „Experiment“, 2009
Drahtskulptur. Robert Langs „Experiment“, 2009Foto: Andreas Klaer

Der Wind bläst in den glänzend roten Umhang des Mädchens, das auf dem Foto von Alessandra Baldoni über ein staubtrockenes Ackerfeld läuft. „Ich esse Menschen wie die Luft vom Wind,“ ist der rätselhafte Titel des Bildes. Der Gedanke an Rotkäppchen liegt nicht fern und auch um die anderen Fotos der italienischen Künstlerin entspinnt sich ein ganzer Reigen von Geschichten und Assoziationen.

Vier ganz unterschiedliche künstlerische Positionen der italienischen Künstlergruppe Trebisonda aus Perugia zeigt die Produzentengalerie M des Brandenburgischen Verbandes Bildender Künstlerinnen und Künstler (BVBK). Zu ihnen gestoßen ist der Münchener Robert Lang, der in Perugia studiert und die Gruppe dort kennen gelernt hat.

Nach Potsdam gelangen die Italiener im Rahmen eines Austauschprojektes, das die Stadt Potsdam unterstützt. Im vergangen Jahr waren sechs Potsdamer Künstler in die italienische Partnerstadt Perugia gereist und hatten dort ebenfalls ausgestellt. „Potsblitz“ betitelten die Potsdamer ihre Ausstellung, was den Italienern einen veritablen Zungenbrecher bescherte.

Bereits seit 1989 besteht die italienische Gruppe, was angesichts der weit auseinander liegenden Positionen alles andere als selbstverständlich erscheint. Ausgestellt haben die Künstler in zahlreichen Ländern der Welt. Neben Alessandra Baldonis inszenierten Fotografien findet sich altmeisterlich geschichtete Ölmalerei von Danilo Fiorucci, zartgliedrig geschichtete Wachsarrangements von Lucilla Ragni und minimalistisch reduzierte Drahtkonstruktionen von Robert Lang.

Ihre Fotos wären Teil und Ergebnis eines wenigstens in Gedanken entfalteten, gelegentlich auch geschriebenen Drehbuches, erläutert Alessandra Baldoni. Sie wolle eine neue, metaphysische Realität konstruieren, die von den „Plätzen der Seele erzählt“. Wie surreale Filmsets wirken die Szenerien allemal. „Sprechendes Wasser, singender Stein“ benennt sie ein vergilbt erscheinendes Bild, auf dem wiederum ein Kind in rotem Kleid auf einem Steg im Wasser einen kreisrunden Gegenstand präsentiert. Unwillkürlich stellt sich die Frage, ob der Gegenstand eine höhere Weisheit transportiert.

Weniger rätselhaft, dafür aber von einladender Haptik künden die Objekte von Lucilla Ragni. Contatto nennt sie ein weißes, kreisförmig wirbelndes Gebilde, dessen einzelne Wachsblätter sich auf ein rotes Zentrum zubewegen. Das vielgliedrige, sorgsame Arrangement lässt von Ferne noch den Anklang der italienischen Arte Povera erkennen, die es sich zum Programm gemacht hatte, mit einfachsten Mitteln zu einer klaren künstlerischen Aussage zu gelangen. Der Betrachter fühlt sich tatsächlich zu einem Kontakt mit dem Objekt von Lucilla Ragni aufgefordert, so seltsam angenehm erscheint die blättrige Oberfläche auf den ersten Blick.

Den Gegenpol zu den italienischen Positionen, die mit Sinneswahrnehmungen und Narrativem spielen, bildet Robert Lang. Er betitelt seine reduzierten Drahtskulpturen „Falle“ oder „Netz“. Damit benennt er den optischen Eindruck treffend und appelliert vorwiegend an den Intellekt des Betrachters, der eine Linie zu minimalistischen Traditionen oder zur Konzeptkunst ziehen mag. So zeigt die Ausstellung ein ausgesprochen interessantes Spektrum ausgereifter künstlerischer Positionen, die jede für sich schon eine gesonderte Schau tragen würden und doch im knappen Ausstellungsraum zusammenfinden.

Tour Grand; Künstlergruppe Trebisonda; Hermann-Elflein-Straße 18 Öffnungszeiten: Mi – Fr 11-17 Uhr; Sa und So 11-18 Uhr

Mehr lesen? Jetzt E-Paper gratis testen!