Kultur : Wie im Tollhaus

Premiere von „Drei Mal Leben“ am Hans Otto Theater wurde begeistert aufgenommen

Astrid Priebs-Tröger
Überzeichnet. Zwei Paare im Clinch.
Überzeichnet. Zwei Paare im Clinch.Foto: HOT/HL Böhme

Karriere, Beziehung und Kinder sind die Bewährungs- und Schlachtfelder moderner Menschen. Arbeit bestimmt dabei besonders unser Leben. Wie sehr, das konnte man am Freitagabend bei der Premiere von Yasmina Rezas Komödie „Drei Mal Leben“ im Hans Otto Theater miterleben. Bei Sonja und Henri – sie ist Anwältin, er Astrophysiker – prägt sie das Familienleben so stark, dass auch der sechsjährige Arnaud mit den allgegenwärtigen Forderungen von Disziplin und Effizienz konfrontiert wird. Zuerst wirkt es nur komisch, wenn sich die Eltern bei der allabendlichen Kraft- und Zerreißprobe des kindlichen Zubettgehens über ihre Erziehungsgrundsätze in die Haare kriegen. Doch blitzschnell wächst sich dieses verbale Gerangel zur ernsthaften Machtprobe und in Tobias Wellemeyers Inszenierung zum Handgemenge aus.

Denn die Nerven von Sonja und Henri liegen blank. Und ihre Arbeits- und Beziehungssituation ist der wesentliche Grund dafür. Heutzutage geht man oder frau nicht einfach nur arbeiten, um zu leben, nein, es gehört dazu, dabei erfolgreich zu sein und möglichst schnell Karriere zu machen. Ganz besonders in der bürgerlichen Mittelschicht, die die französische Dramatikerin Yasmina Reza in ihren Stücken mit Vorliebe porträtiert.

In „Drei Mal Leben“ ist die Situation noch einmal zugespitzt. Henri braucht für einen Karrieresprung die Unterstützung seines renommierten Kollegen Hubert Finidori. Zusammen mit seiner Frau ist dieser bei ihnen zum Abendessen eingeladen und erscheint überraschend einen Tag zu früh. Und: Was Henri nicht weiß, Finidori will ihm schaden, anstatt ihm zu helfen.

In Teil eins – insgesamt wird die gleiche Situation wie die musikalische Variation eines Themas dreimal durchgespielt – prallen zwei Paare aufeinander, die ähnlicher und unterschiedlicher kaum sein könnten. Sonja (Marianna Linden) ist jung, straight und erfolgshungrig. Sie will Kind, Karriere und Beziehung unter einen Hut bringen. Ihr Mann Henri (Jon-Kaare Koppe) ist zwar ein besessener Forscher und erscheint als liebevoller Vater, hat jedoch kaum wirkliches Interesse am beruflichen Aufstieg, den seine Frau wie selbstverständlich von ihm erwartet. Bei Finidoris herrscht hingegen die klassische (bürgerliche) Rollenverteilung. Ines (Andrea Thelemann) hat ihr Leben der Karriere ihres erfolgreichen Mannes Hubert (Bernd Geiling) und den Kindern untergeordnet und sich im Laufe der Ehe seine Verachtung für diese „Dummheit“ zugezogen.

Beide Paare liegen im offenen und versteckten Clinch miteinander. In den unterschiedlichen Versionen von „Drei Mal Leben“ wird immer wieder wortreich vorgeführt, wie sehr die gesellschaftlichen Normen von Markt und Konkurrenz in das ganz Private hineinspielen. In Teil eins und zwei verletzen und demütigen sich die Protagonisten gegenseitig, was das Zeug hält, und man sieht als Zuschauer in Abgründe von Einsamkeit und Leere. Teil drei findet bereits im Morgengrauen statt und Henri scheint wie alle anderen wie nach einem langen Kampf ermüdet. Während er vorher sächselnd im Selbstmitleid zerfloss und reichlich dem Alkohol zusprach, befindet er sich jetzt in einem Zustand beinahe gelassener Resignation.

Und in dieser Situation – in Tobias Wellemeyers Inszenierung wirkt dieses erschöpfte Loslassen beinahe wie eine Utopie – ist auf einmal alles anders: Konkurrenz weicht Verständnis, Einsamkeit wird erlöst durch Gemeinsamkeit. Selbst der Zyniker Hubert geht in die Knie. Das wirkt an Stellen, wie bei dem körperlichen Zusammenbruch Huberts, überzeichnet, doch der breite Pinselstrich ist wohl dem Genre geschuldet. Die Stimmungs-Amplituden der Figuren schlagen blitzschnell von einem Extrem ins andere. Dazu trägt das gesamte Ensemble mit großer Lust an der Überzeichnung bei. Mit geschlossenen Augen wähnt man sich, wenn die Emotionen eruptiv hervorbrechen, wie im Tollhaus. Und auch wenn man die Augen öffnet, sieht man Erwachsene, die sich ungezügelt aufs Essen, den Alkohol und auch aufeinander stürzen. Mehr Schattierungen gelingen, das ist schon im Stück so angelegt, Jon-Kaare Koppe und Andrea Thelemann. Sie loten ihre Figuren mit viel Fingerspitzengefühl und in großer Bandbreite aus.

Leider lässt sich die Inszenierung selten Zeit für Pausen zwischen dem Gesagten, sodass dessen Untertöne wenig erklingen können und das Ganze nur eine relativ kurze Nachwirkzeit hat. Etwas überrascht von Anfang an: Auf dem Fußboden des repräsentativ kalten Wohnzimmers (Bühne: Matthias Müller) liegen viele bunte Legosteine. Sie passen eigentlich nicht ins Bild. Doch genauso wie Sohn Arnaud sind sie es, die das Zimmer lebendiger machen.

Am Ende gibt es lang anhaltenden Premierenapplaus und in Teil drei der Inszenierung erste Versuche der Erwachsenen, das Kind und das Spiel wieder stärker ins eigene Leben zu integrieren.

Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellungen von „Drei Mal Leben“ am kommenden Wochenende: Samstag, dem 17. November, um 19.30 Uhr und Sonntag, dem 18. November, um 15 Uhr im Neuen Theater, Schiffbauergasse

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