Kultur : Wie ein depressives Lamento

Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld mit „Potsdam brennt ringsherum“ in der Reithalle

Astrid Priebs-Tröger

„Manchmal dachte ich, dass Sie nur mit dementen Leuten gesprochen haben“, sagte eine 87-jährige Besucherin im Zuschauergespräch, das auf die Uraufführung von „Potsdam brennt ringsherum“ am Sonntagabend folgte. Die Schauspieler Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld hatten für ihre Inszenierung mit dem Gemeinschaftschor der Volkssolidarität in der Reithalle mit Zeitzeugen, die 1945 den alliierten Luftangriff auf Potsdam miterlebt hatten, gesprochen und diese Interviewtexte zur Basis ihres knapp einstündigen Theatertextes gemacht.

Aber statt über Bombenhagel und Feuersturm oder Angst und Schrecken sprachen die zumeist weiblichen Zeitzeugen über die früher übliche Ansteherei beim Fleischer, ihre heutigen Beschwerden beim Aussteigen aus der Straßenbahn oder die Entscheidung für Instant-Kakao. Selten blitzte zwischen diesen alltäglichen Banalitäten das Grauen der Kriegs- und Nachkriegszeit auf. Bei dem wie ein Erinnerungsstrom von Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld gesprochenen Collagetext – sieben Interviews bildeten dessen Grundlage – gab es immer wieder Abbrüche, Abschweifungen und auch viel, was im Sande verlief.

Man fragte sich, warum die Passagen über den Potsdamer Bombenhorror im Theatertext nicht auftauchten. Stattdessen wirkte das Ganze wie ein ziemlich depressives Lamento über das unzufrieden machende Heute. Ein ewiger Monolog, wie ihn viele Nachgeborene wahrscheinlich aus der eigenen Familie kennen. Aber es gibt auch die (Groß-)Mütter und -väter, denen es schon immer Bedürfnis war, zu erzählen, was sie erlebt haben. Die 87-jährige Besucherin, die sich in der Diskussion äußerte, zählt wohl zu ihnen. Allerdings haben Haneder und Sommerfeld für ihr Projekt ausschließlich Menschen interviewt, die am Kriegsende Kinder im Alter zwischen fünf und zehn Jahren waren. Diese konnten während dieser Zeit weder mit den Eltern noch in der Nachkriegs- und Wiederaufbauzeit mit anderen über ihre Gefühle und Verletzungen reden.

Was damals allein zählte, war Leistung und der Blick nach vorn. Diese Generation der Kriegskinder, die so viel erlitten hat, hatte über Jahrzehnte auch in der Öffentlichkeit keine Stimme. Erst vor einigen Jahren hat beispielsweise die Journalistin Sabine Bode deren Schweigen aufgebrochen. Doch das scheint nicht wirklich die Absicht von Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld gewesen zu sein. Während er zur Generation der sogenannten „Kriegsenkel“ zählt, ist sie mit ihren 28 Jahren noch weiter als er von der Generation der Kriegskinder entfernt. Und so hat es den Anschein, dass beiden mit ihrem Theatertext nur daran gelegen war, dieses Schweigen zwischen den Generationen zu diagnostizieren.

Dass es sich dabei um doppelte Mauern des Schweigens handelt, bestätigte eine weitere Besucherin, die erzählte, dass wenn sie ihren Enkeln etwas von früher erzählen will, diese kaum Interesse daran zeigen. Insofern ist die Textcollage, die mit den unpassenden Genrebegriffen „Komödie“ und „Satyrspiel“ überschrieben war, doch ein beredtes Zeugnis dafür, dass viel Geduld und Empathie auf beiden Seiten nötig sind. Allerdings reicht es dafür nicht, nur einmal nachzufragen, sondern es sind schon einige Schichten abzutragen, ehe man – sowohl Kriegskinder als auch -enkel – an das lange Verborgene gelangen kann. Und ob die Fragenden bereit und in der Lage sind, wirklich zuzuhören und die Last, die das Gehörte in sich birgt, auch mitzutragen. Katrin Haneder und Sebastian Sommerfeld haben mit „Potsdam brennt ringsherum“ zumindest einen Anfang gemacht. Astrid Priebs-Tröger

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