• Widerständig: Wege und Sichtweisen für die Moderne

Widerständig : Wege und Sichtweisen für die Moderne

Der Kunstwissenschaftler Andreas Hüneke wird 75: Eine Ausstellung im Kunstraum Potsdam würdigt ihn.

Richard Rabensaat
Er hat sich der Kunst der Moderne verschrieben. Und eckte zu DDR-Zeiten damit an. Eine Salonausstellung im Kunstraum Waschhaus erzählt ab heute von der Arbeit des Wissenschaftlers Andreas Hüneke.
Er hat sich der Kunst der Moderne verschrieben. Und eckte zu DDR-Zeiten damit an. Eine Salonausstellung im Kunstraum Waschhaus...Foto: PNN / Ottmar Winter

Potsdam - Es ist die Kunst der Moderne, die ihn begeistert. Zahlreiche Schriften hat Andreas Hüneke darüber verfasst. Was zunächst in der DDR ein Problem war. Denn dort war der sozialistische Realismus gewünscht. Vorlieben für andere Kunstrichtungen galten schnell als Abweichlertum. Das allerdings hat den Kunstwissenschaftler, der am 9. März seinen 75. Geburtstag feiert, nicht daran gehindert, sich für Maler, die von der Staatsdoktrin abwichen, einzusetzen und über sie zu forschen.

Obwohl Hüneke an sich kunstwissenschaftlich arbeitet, widmet ihm der Kunstraum Waschhaus nun ab heute Abend eine Ausstellung. „Dinge, die sich im Laufe der Jahre in der privaten Sammlung angesammelt haben“, seien zu sehen, sagt Hüneke. Die Dinge werden ergänzt um Veröffentlichungslisten, Bücher und Nachdrucke: in Schaukästen präsentiert und kommentiert. Für seine zahlreichen Schriften wurde Hüneke 2012 mit dem Ehrendoktor der Universität Halle geehrt. Gegenwärtig arbeitet der Potsdamer als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Freien Universität Berlin zur entarteten Kunst.

Im Rahmen der Ausstellung im Kunstraum geht es auch um die Frage: „Wie erschloss man sich in der DDR die Moderne?“ Damit ist ein Lebensthema des in Wurzen geborenen Kunstwissenschaftlers benannt. Denn stets war Hüneke darum bemüht, seinen Zeitgenossen Wege und Sichtweisen für die Moderne zu eröffnen. Der wache Geist und das aufgeweckte Interesse auch für in der DDR abseitige Themen und Herangehensweisen weckte allerdings früh den Argwohn der herrschenden Kader. Das Abitur konnte Hüneke nur auf Umwegen auf einer Abendschule ablegen. Dann wollte er studieren, aber auch der Wunsch Kunstgeschichte zu studieren erwies sich als schwierig und war nur in Kombination mit dem Fach Theologie als Hauptfach an der Universität Halle (Saale) möglich. Was den neugierigen Studenten jedoch nicht davon abhielt, sich in der Moderne der Kunst umzusehen. „Verbotenes macht scharf“, kommentiert er sein Interesse an Malern wie Erich Heckel, Franz Marc, Lyonel Feininger und Oscar Kokoschka. Das Werkverzeichnis von Erich Heckel habe er in den vergangenen 15 Jahren neu bearbeitet. Zu sehen sind in der Ausstellung Buchseiten mit Bildern von dem Maler: Frühling in Flandern, Hamburger Hafen, Ackernder Pflüger. Die Veröffentlichungsliste gibt darüber Auskunft, dass Hüneke sich sowohl mit den Aquarellen des Expressionisten, wie auch mit Heckels Verhältnis zum zeitgenössischen Film und einzelnen Gemälden befasst hat.

Potsdam war ein Kulturschock

Einige Zeit arbeitete Hüneke als Theatermaler, was ihn jedoch nicht auf den Beruf oder eine Stadt festlegte. „Ich bin viel in der DDR herumgetrampt“, erinnert sich der Wissenschaftler. Das Theater habe ihn generell interessiert, er wollte Stücke von Dürrenmatt sehen und auch Kunst in anderen Städten anschauen. Mit 26 Jahren erhielt er eine feste Stelle an der staatlichen Galerie Moritzburg Halle, die er allerdings nur von 1970 bis 1977 wahrnahm. „Die Stasi hat mich dann herausmanövriert“, sagt Hüneke. Dennoch forschte er nach der Kündigung der Stelle weiter zur Geschichte des Moritzburgmuseums. „Die Sammlung und der Bestand dort waren noch gar nicht richtig erfasst und gesichtet“. Dies habe ihn zu weiterer Forschung angespornt. Es folgte ein Jahr als Redakteur am allgemeinen Künstlerlexikon in Leipzig. Danach verdiente er sich als freiberuflicher Kunstkritiker, Kurator und Kritiker sein Geld. „Das war nicht immer einfach, so freiberuflich zu arbeiten“, erinnert sich der vierfache Vater an diese Zeit. 1982 verschlug ihn die Liebe nach Potsdam, „als die Kinder noch klein waren“. Das war jedoch nach den Erfahrungen in der lebhaften Leipziger Kunstszene zunächst ein rechter Kulturschock. Schließlich fand in Leipzig 1984 der „Erste Leipziger Herbstsalon“ statt, der mit Werken von Hans-Hendrick Grimmling, Lutz Dammbeck oder Günter Firit Kunst zeigte, die sowohl mit in der DDR unüblichen medialen Formaten, wie auch Inhalten experimentierte. So etwas gab es damals in Potsdam nicht. Also besuchte Hüneke interessiert die Ausstellung und die Diskussionen in Leipzig. Und schrieb in Potsdam weiter an Texten zu Künstlern wie Hans Reichel, der mit Paul Klee und Henry Miller befreundet war und über den auch Stephan Hermlin eine Erzählung schrieb. Mit den zahlreichen Texten zu Hans Reichel plant Hüneke auch derzeit eine Veröffentlichung. „Reichel hatte ein recht bewegtes Leben. Vieles, was über ihn Aufschluss gibt, ist noch gar nicht veröffentlicht“, so Hüneke.

"Wende war für mich kein radikaler Bruch"

Seine profunden Kenntnisse der Moderne und der Expressionisten verschafften Hüneke auch schon vor dem Mauerfall Kontakte zu Kollegen in Westdeutschland. Daraus ergaben sich für ihn Möglichkeiten, Texte zu veröffentlichen und wahrgenommen zu werden. „Weil mich die Westkollegen schon vorher kannten, war die Wende für mich kein so radikaler Bruch“, kommentiert Hüneke die Wiedervereinigung der beiden Staaten. In Potsdam beschäftigte Hüneke sich auch weiterhin mit Halle und schrieb über den ehemaligen Direktor der Moritzburg, Alois Schardt, der bei den Nationalsozialisten mit seiner Vorliebe für die Expressionisten angeeckt war, 1933 entlassen wurde und dann in die USA emigrierte. Trotz seiner Beschäftigung mit der Kunstgeschichte hat Hüneke aber ein waches Auge für das aktuelle Potsdam. „Hier ist schon eine spannende Szene für gegenwärtige Bildende Kunst entstanden. Aber es fehlen Möglichkeiten, angemessene Retrospektiven von wichtigen Künstlern zu zeigen, die heute ein wenig untergehen oder nicht mehr ganz so präsent sind“, so Andreas Hüneke, der Vorsitzende des Potsdamer Kunstvereins.

In den unteren Räumen des Kunstraums Waschhaus, Schiffbauergasse, eröffnete am 1. März 2019 um 19 Uhr gleichzeitig eine Ausstellung der Künstlerin Lisa Endriss. „Doppelbödigkeiten, Paradoxien, ironische Brüche“ seien die Spezialitäten der Künstlerin, heißt es in der Presseerklärung. Zu sehen sind zahlreiche gemalte Verweise auf aktuelles Katastrophen-, Film- und sonstiges Geschehen.