• Werke von Maler Bernhard Heisig ans Potsdam Museum: Bilder mit Zähnen

Werke von Maler Bernhard Heisig ans Potsdam Museum : Bilder mit Zähnen

Elf Arbeiten des großen DDR-Malers Bernhard Heisig sind als Dauerleihgabe ans Potsdam Museum übergeben worden

Ariane Lemme
Heisig – wie er sich und die Welt sah. Typisch für den Mitbegründer der Leipziger Schule sind – neben seinem Festhalten am Figürlichen – seine manchmal knirschenden, immer intensiven Farben. Das lässt sich an seinem Selbstporträt (o., r.) ebenso erkennen wie an der Brandenburger Allee (u.,r.) und an „Träume eines Küchenmädchens“ mit dem Motiv der Brechtschen Seeräuber-Jenny .Alle Bilder anzeigen
Fotos: Andreas Klaer, dpa
30.07.2015 22:45Heisig – wie er sich und die Welt sah. Typisch für den Mitbegründer der Leipziger Schule sind – neben seinem Festhalten am...

Potsdam - Es sind empfindliche Wesen, die hier schlüpfen. Auch, wenn sie nicht im eigentlichen Sinne lebendig sind, auch, wenn sie schon vor Jahren entstanden sind: ein wenig ist es doch wie in einer Geburtsstation, am Donnerstagvormittag hier im Depot des Potsdam Museums in Groß Glienicke. Es ist laut, die Klimaanlage dröhnt, das Kunstlicht ist grell, viele Menschen drängen sich um die elf Bilder Bernhard Heisigs, die hier – als Dauerleihgabe für die kommenden zehn Jahre – übergeben werden. Vorsichtig werden sie von weiß behandschuhten Händen aus ihrer weichen Verpackung geschält.

Der behutsame Umgang ist mehr als angebracht. Denn: Restaurieren lassen sich Heisigs Bilder wohl kaum. Der Mitbegründer der Leipziger Schule und einer der wichtigsten DDR-Künstler überhaupt hat nie Firnis verwendet, dadurch glänzen seine Bilder nicht künstlich. Der dicke Farbauftrag – pastos, heißt der in der Fachsprache – lässt seine Motive noch dynamischer wirken. Wenn allerdings – etwa weil die Leinwand sich unter Luftfeuchtigkeit wölbt – etwas davon abplatzt, lässt sich das kaum restaurieren. Fast alles, was den Bruch kitten könnte, würde glänzen – und damit die matte Oberfläche der Gemälde verfälschen. So erklärt es Museumskonservator Oliver Max Wenske, deshalb ist er da. Um die Luftfeuchtigkeit im Depot regelmässig zu kontrollieren und Brüche im Farbauftrag zu verhindern.

Für die nächsten anderthalb Jahre bleiben die elf Heisig-Bilder wohl auch erst einmal hier im Depot, bevor sie Ende 2016 erstmals im Potsdam Museum gezeigt werden. „Dann planen wir eine Ausstellung zur figurativen Kunst – neben Heisig im Zentrum werden wir dort auch westdeutsche Maler zeigen, als Gegenüberstellung“, sagt Götzmann. Es soll ein Dialog der Bilder entstehen.

Dass es noch so lange dauert, bis die Potsdamer die neuen Babys des Potsdam Museums zu sehen bekommen, hat, sagt dessen Direktorin Jutta Götzmann, damit zu tun, dass die Ausstellungen eben weit im Voraus geplant werden müssen – „ein Jahr ist da kein langer Zeitraum“, so Götzmann. Die Heisig-Bilder aber kamen quasi als Überraschung: Sie stammen aus dem Nachlass der 2014 gestorbenen Sammlerin Vera Schreck. Insgesamt 22 Heisig-Werke hatte sie zu Lebzeiten gekauft, es war ihr ausdrücklicher Wunsch, dass sie nach ihrem Tod an ostdeutsche Museen gegeben werden. Zu gleichen Teilen ist ihre Sammlung am Donnerstag ans Potsdam Museum und an das Kunstmuseum Dieselkraftwerk in Cottbus übergeben worden.

Dass die Wahl auf Brandenburg fiel, liegt auch daran, dass Heisig 1992, nach seiner Zeit als Direktor der Leipziger Kunsthochschule, ins havelländische Strohdehne zog. Bis zu seinem Tod 2011 arbeitete er dort an seinem Spätwerk.

Zu Schrecks Sammlung zählen allerdings nicht nur späte Arbeiten: „In der Heisig-Sammlung von Vera Schreck finden sich Arbeiten aus allen Schaffensperioden“, sagt Götzmann, die früheste sei „Die alte Trompete“ aus dem Jahr 1972, die späteste ein Selbstbildnis von 2010. Gerade die Trompete sei, so Götzmann, ein extrem wichtiges und oft wiederkehrendes Motiv für Heisig gewesen.

Ein anderes ist die „Seeräuber-Jenny“, die Figur aus Bert Brechts „Dreigroschenoper“. Sie ist unter den elf Heisig-Werken, die nach Potsdam gekommen sind, gleich zweimal vertreten. Ausgepackt wird sie nur einmal, in der Version „Träume eines Küchenmädchens“ aus dem Jahr 2003. Lässig lehnt sie sich an einen großen Hai, der – natürlich – die Zähne fletscht. Jenny, ein Bein angewinkelt, das grüne Kleid ein bisschen hochgerutscht, singt – man hört es fast – mit rauchiger, rotziger Stimme. Singt auf eine Art, als ob sie sich um nichts mehr schert – warum auch, hinter ihr wartet schon das Seeräuber-Schiff, das sie aus ihrem Leben als Küchenmädchen abholt, befreit. Aufbrechen, ausbrechen – das sind Themen, die bei Heisig nicht nur immer wieder vorkommen, sondern die sein Werk fast durchdringen.

Und nicht nur sein Werk, auch den Betrachter. Wer vor „Der Fensteröffner“ steht, ebenfalls eine der Arbeiten, die jetzt in Potsdam lagern, den trifft es: Wie dieser Mann das Fenster aufstößt, das Gesicht einer imaginären Sonne entgegengestreckt. Er erinnert an einen zerzausten Spatz, der aus voller Kehle eben nicht schimpft, sondern singt. Festgehalten ist diese ungezügelte, reine Freude, wie sie eigentlich nur Kinder kennen, in erdigen, schmutzigen Farben, losen Pinselstrichen, alles scheint sich aufzulösen.

„Heisig ist für mich der wichtigste Maler dieser Zeit – der DDR und danach – im Sinne des Malers“, sagt der Berliner Galerist Rüdiger Küttner, der Heisig viele Jahre lang vertreten hat und auch die Sammlung Vera Schrecks an die beiden Brandenburger Museen vermittelt hat. Heisig sei es weniger darum gegangen, mit seinen Bildern zu erzählen, zu interpretieren, als darum, sich mittels Farben expressiv auszudrücken. An großen Themen – dem Krieg, dem Aufbruch – fehlt es bei ihm dennoch nicht. Das figurative Malen, das in Westdeutschland nach 1945 verpönt war, wurde in der DDR wieder aufgenommen. „Hier wurde, was 1933 als entartet abgebrochen wurde, weiter entwickelt“, sagt Küttner. Auch durch Heisig. „Vielleicht half der offizielle Druck – der ja nicht schön war – dabei“, sagt Küttner.

Ein Angepasster war er deshalb nicht, er „arbeitete auch in der DDR immer gegen den Stachel, setzte sich für Veränderungen ein“, sagt Küttner. Als Heisig 1964 auf dem Kongress des Verbands Bildender Künstler Kritik an der DDR-Kulturpolitik übte, wurde er als Rektor in Leipzig abgesetzt, 1976 aber rehabilitiert. Mit der „Leipziger Schule“, sagt Götzmann, schuf er etwas komplett Neues, das „ alle Vorgaben hinwegfegte, die von der SED verhängt waren.“ Das heißt auch: So fragil die Arbeiten in restauratorischer Hinsicht sind, so wuchtig sind sie kunsthistorisch und ideell.

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