Kultur : Wenn Tanz verbindet

Projekt „Dancing to connect 2010“ im Thalia

Astrid Priebs-Tröger

Am Sonntagvormittag stehen viele junge Leute vor dem Thalia-Kino und warten darauf, dass es zu dieser ungewöhnlichen Stunde seine Türen öffnet. Die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg hat sie, die Teilnehmer des zweiten Projektes „Dancing to connect“, an diesem kühlen Februarmorgen zur Aufführung des Dokumentarfilmes „Tanzen verbindet“ eingeladen, den Sabine Carl im vergangenen Sommer gedreht hat.

Die Studentin der Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim war im Jahr 2009 Praktikantin der Böll-Stiftung und das erste Tanzprojekt anlässlich des 20. Jubiläums des Mauerfalls hatte sie so gefesselt, dass sie beschloss, sich damit filmisch auseinanderzusetzen. Und so begleitete sie im vergangenen sehr heißen Sommer zehn Tage lang über 100 Tänzerinnen und Tänzer im Alter zwischen 14 und 71 Jahren, die sich mit dem Thema „Inklusion und Exklusion“ auseinandersetzten. Diesmal waren Schüler aus Potsdam, Wittenberge und Pritzwalk genauso am Projekt beteiligt wie eine Gruppe von Frauen aus der Prignitz jenseits der 50.

Veranstaltet wird „Dancing to connect“ seit sechs Jahren in Deutschland von der „Battery Dance Compagny“ und von „Drastic Action“ aus New York. Insgesamt zehn Tänzer und Choreografen aus beiden Compagnies arbeiteten unter Leitung von Jonathan Hollander und Aviva Geismar dabei zum zweiten Mal mit den Brandenburger Teilnehmern aus ganz unterschiedlichen Schulformen und sowohl aus dem Zentrum als auch aus der Peripherie des Landes. Eine Woche lang wurde von früh bis spät geprobt und dann standen die jungen Tänzer zumeist das erste Mal in ihrem Leben auf einer großen Bühne. Und man kann es als Zuschauer kaum glauben, mit wie viel Leidenschaft und Professionalität sie sich dann in der Öffentlichkeit – in Wittenberge und Potsdam – präsentierten.

Wie schafft man es, in so kurzer Zeit, mit Laien diese Präsenz zu erzielen und so viel tänzerisch zu erzählen über ein Thema, das in der Schule zwar ständig Konjunktur hat, aber oft nur verbal (vor allem als Problem) abgehandelt wird? Jonathan Hollander hat kein Geheimrezept, sagt im Film aber, dass sie den Schülern auf Augenhöhe begegnen und sie respektieren. So bringen sie die Eleven auf ihr Niveau. Und sie lernen selbst auch von den Jugendlichen, wie eine der professionellen Tänzerinnen bekannte.

Sabine Carl gelingt es, in ihrem Dokumentarfilm diese Atmosphäre des Gebens und Nehmens hautnah einzufangen und sie lässt neben den Jugendlichen auch die älteren Frauen zu Wort kommen. Wunderbar ist, wie Carmen, eine der blutjungen Lehrerinnen, erzählt, wie sehr sie von den Geschichten der Frauen, die in der ehemaligen DDR fest verwurzelt sind, berührt wurde und wie stark deren Gefühle über eine Zeit, die längst vergangen ist, beim gemeinsamen Tanzen hervortraten. Das war auch in den Kurzfilmen, die anschließend gezeigt wurden und die Aufführungen der einzelnen Teams dokumentierten, zu sehen und zu spüren.

Inka Thunecke von der Heinrich-Böll-Stiftung denkt nach diesen Erfahrungen darüber nach, in den kommenden Jahren generationenübergreifende Tanzprojekte zu initiieren. Das sei nicht nur der demografischen Entwicklung im Lande geschuldet – vor allem junge Männer bis 30 und ältere Frauen leben dann in Brandenburg – sondern solle dazu beitragen, dass alle Generationen mehr als bisher voneinander profitieren. Am Sonntagvormittag im Kinosaal fand diese Idee großen Anklang, und die einzelnen Aufführungen von Jugendlichen und Erwachsenen bekamen viel Beifall vom gemischten Publikum. Und Kunst, so sagte Jonathan Hollander am Ende des Dokumentarfilmes, sei ein ständiges Bedürfnis von Menschen, das die Gesellschaft nicht nur gelegentlich, sondern fortlaufend befriedigen solle. Der ambitionierte Film von Sabine Carl bleibt das beste Beispiel dafür, um noch viele Lehrer und Schüler in Brandenburg für diese besondere Form sozialen und künstlerischen Lernens zu begeistern. Astrid Priebs-Tröger

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