Kultur : Wenn Sachsen Preußen küsst

Premiere von „Eine Preußin ein Wort, ein Sachse ein Wörterbuch“ begeisterte im Kabarett Obelisk

Astrid Priebs-Tröger

Sachsen versus Preußen und umgekehrt geht immer! Das beweisen in persona Gretel Schulze und Andreas Zieger im Potsdamer Kabarett Obelisk seit 1978. Ihre reibungsfrohe Verbindung aus kodderiger preußischer Direktheit (Schulze) und charmantem sächsischen Changieren (Zieger) hat in Potsdam eine treue Anhängerschaft und lässt den Saal in der Charlottenstraße wie immer zu Premieren proppenvoll werden. Am Samstagabend hatte dort das neueste Opus aus der ebenfalls bewährten Feder von Helmut Fensch „Eine Preußin ein Wort, ein Sachse ein Wörterbuch“ Premiere.

Die beiden, seit Jahrzehnten wie ein altes (Ehe-)Paar Zusammenspielenden hatten vorab backstage beschlossen, einen preußisch-sächsischen Freundschaftsvertrag zu besiegeln, der ein Meilenstein in der Entwicklung Europas sein sollte, wie sie dem erwartungsfrohen Publikum mitteilten. Doch bevor es dazu kam, quasselten und sangen sie sich wie immer rasant durch die aktuell-politische Gegenwart im Land und in der Welt und bekamen den ersten kollektiven Lacher, als Zieger verpetzte, dass Schulze im früheren Staatsbürgerkundeunterricht auf die Frage nach den drei größten Staaten mit U am Anfang immer „USA, UdSSR und unsere DDR“ geantwortet hatte.

In der ersten Hälfte des insgesamt zweistündigen Programms wurde dann nichts ausgelassen aus dem aktuellen Politzirkus und alle Parteien – bis auf die Linke (!) – bekamen berechtigt ihr Fett ab. Und natürlich die Rating-Agenturen, Anlagenberater, Peter Hartz und Costa Cordalis. Eine kunterbunte Mischung, mal schenkelklopfend komisch, zuweilen ziemlich ranzig und auch unter der Gürtellinie. Aber irgendwie kriegen die beiden Vollblutkabarettisten immer wieder die Kurve und die Leute lachen dankbar mit. Natürlich tritt die Schulze wieder als Krankenschwester Gretel in Erscheinung und legt hier wie an anderen Stellen den Finger in die offenen kapitalistischen Wunden – als „alte“ Marxistin sozusagen. Da ist viel Herzblut zu spüren.

Genau wie bei Andreas Zieger, wenn er nach der Pause in die sächsisch-preußische Geschichte und speziell in die Schönheiten der sächsischen Mundart und der Errungenschaften der Technik („Aschenbecherscharniere“) eintauchen darf. Da klingt er nicht wie das apostrophierte Wörterbuch, sondern bringt die Sachen ziemlich schnell auf den Punkt. Und es macht Spaß, beider Wortakrobatik „Macht der Gewohnheit“ zu folgen, obwohl man das wegen des Tempos ja eigentlich gar nicht kann. Na ja, und je mehr sich der Abend dem Ende zuneigt, umso deutlicher werden die Konturen ihres angestrebten preußisch-sächsischen Freundschaftsvertrages, der im Endeffekt ein neues (ost-)deutsches Eiland manifestiert.

Gretel Schulze will endlich wieder „an wat glauben“ und Zieger die Dinge bei ihrem wirklichen Namen nennen. Das ist eine Mischung aus ironischer Ostalgie und echter Sehnsucht nach (neuen) Werten. Doch bei genauerem Hinhören gelingt keine wirkliche Utopie, da Europa außen vorbleibt, und man lediglich mit Schnaps und Kultur dem allgemeinen Frust gemeinsam trotzen will. Schade eigentlich, aber vielleicht bringt ja der Blick auf die im Sommer in Doberlug-Kirchhain stattfindende 1. Brandenburgische Landesausstellung „…wo Preußen Sachsen küsst“ weniger kleinkarierte Ideen, wenn anlässlich des 200. Jubiläums des Wiener Kongresses Szenen einer spannungsreichen Nachbarschaft beleuchtet werden.

Dass nicht nur Geld, sondern vor allem Gefühle zu einem solchen Zusammenleben gehören, wurde nicht nur in der bereits oft gebotenen Nana-Mouskouri-Zugabe, sondern schon während des ganzen Abends deutlich. Eines ist auf jeden Fall überwunden: Von märkischer Minderwertigkeit ist zumindest im Kabarett nichts mehr zu spüren. Die bekrönte Gretel Schulze lässt keinen Zweifel daran, wer hier die Hosen anhat. Am Ende gab es viel Applaus und Präsente aus dem Publikum für zwei aus Leibeskräften spielende und singende Akteure. Astrid Priebs-Tröger

Nächste Vorstellung am 4. März um 19.30 Uhr im Kabarett in der Charlottenstraße 31

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