• Wenn die Wahrnehmung nicht reicht: Das "Kombinat" mit neuem Tanzstück in der fabrik

Wenn die Wahrnehmung nicht reicht : Das "Kombinat" mit neuem Tanzstück in der fabrik

Das Potsdamer Duo „Kombinat“ zeigt in der fabrik seine jüngste Produktion „Lost in Formation“.

Verlorenes Miteinander. Die Tänzer erzeugen eine Ordnung im Raum. Sie entsteht, wenn Menschen zufällig von den gleichen Motiven geleitet oder per Befehl dirigiert werden. Projektionsflächen ergänzen das Bühnenbild, das helle Licht symbolisiert unbegrenzte Weiten.
Verlorenes Miteinander. Die Tänzer erzeugen eine Ordnung im Raum. Sie entsteht, wenn Menschen zufällig von den gleichen Motiven...Foto: Stefan Gloede/fabrik

Potsdam - Eine neue E-Mail, eine Push-Meldung, irgendetwas Neues bei Facebook? Schon morgens auf dem Weg zur Arbeit kann man sich verlieren. In den Bewegungen, an die man sich gewöhnt hat – wenn man beispielsweise auf seinem Smartphone nach unten wischt, während man in Bus oder Bahn steht oder sitzt. „Lost in Formation“ heißt die jüngste Produktion des Potsdamer Duos „Kombinat“, die ebendiese Bewegungen hervorhebt, Muster, die jeder aus dem Alltag kennt. Am 22. November 2019 kam das Tanzstück, das filmische und performative Aspekte vereint und insgesamt 72 Minuten dauert, in der Potsdamer fabrik zur Uraufführung.

„Letzten Endes ist es ja nichts anderes als eine Ordnung, die man im Raum erzeugt“, sagt Sirko Knüpfer, der „Kombinat“ zusammen mit der Tänzerin und Choreografin Paula E. Paul vor zehn Jahren gegründet hat. Und diese Ordnung entstehe dann, wenn zufällig viele von gleichen Motiven geleitet sind oder sie per Befehl dirigiert werden. Den Titel des Stücks könne man in alle vier Himmelsrichtungen lesen, sagt der Medienkünstler.

Bei dem Begriff Information, der sich ebenfalls im Titel verbirgt, steht einerseits das Erlangen von Kenntnis im Zentrum, andererseits – geht man von dem englischen Verb „to inform“ aus – die Beeinflussung durch Information. Und auch das Wort „lost“ ist zweideutig, denn das Sich-Verlieren kann schließlich positiv oder negativ ausgehen – bei der völligen Hingabe oder dem Untergehen in der Masse. Beide Bedeutungen haben jedoch wieder eine Gemeinsamkeit. Die Prozesse, die sie umschreiben, passieren oft schleichend und damit unbemerkt. Man tippt in sein Handy und sogleich ist man ganz woanders, hoffentlich am Ziel. Die Zeit, die die Bahnfahrt dauerte, hat man möglicherweise gar nicht wahrgenommen.

Auch die Zuschauer in der fabrik sollen diese Erfahrung machen, sagt Knüpfer. Zwei Projektionsflächen, auf denen Bild- und Filmzitate zu sehen sind, die an der Babelsberger Filmuniversität entstanden sind, werden zunächst an den Bühnenrändern positioniert, um dann während der Vorstellung allmählich in die Mitte des Bühnenraumes zu wandern. Schaue man direkt zu, sei erst einmal keine Veränderung zu erkennen, so Knüpfer: „Ich muss mir also eingestehen, dass mein Wahrnehmungsapparat nicht reicht.“

Damit möchte „Kombinat“ Veränderungsprozesse ansprechen, die die Gesellschaft aktuell vor Herausforderungen stellen. Den Klimawandel zum Bespiel, aber auch die gegenwärtige politische Stimmungslage. Neben den Bildern und Filmschnipseln werden zwei Tänzer auf der fabrik-Bühne zu erleben sein: Risa Kojima und David Pallant, die unter anderem bereits 2018 bei dem Stück „Druck“für das Label „Kombinat“ tanzten. „Die Tänzer verkörpern das Individuelle auf der Bühne. Die Gruppe, das Viele, machen die Projektionen sichtbar“, sagt Paul. Interaktion verbindet dann beide Aspekte in einem hellen Bühnenraum, welcher durch viel Licht in unbegrenzte Weiten ausufern soll. Es bleibt also vage, was und wie viel er umfasst.

Wie schaffen sie es, dass filmische und performative Aspekte nicht voneinander ablenken? Das sei eine gute Frage, sagt Paul. Die Zerrissenheit, mit der sich das Publikum konfrontiert sieht, sei durchaus bewusst eingesetzt. Die Zuschauer haben also die Wahl, sie entscheiden, wo ihr Fokus liegt. Je nachdem, wo man sitzt, schiebt sich außerdem das mediale Geschehen vor das Live-Geschehen oder andersherum. Die beiden Macher, Paul und Knüpfer, kommen eben aus zwei verschiedenen künstlerischen Bereichen und schauen mit zwei verschiedenen Brillen, wie es Knüpfer sagt, auf ein Thema.

In „Lost in Formation“ haben sie ihre Erfahrungen aus zehn Jahren eingebracht. Ihrer künstlerischen Heimat Potsdam sind sie seit ihrer Gründung treu geblieben. Hier gebe es die nötige Ruhe, Dinge zu schleifen und auf den Punkt zu bringen, sagt Sirko Knüpfer. Da sei Potsdam im klaren Vorteil gegenüber Metropolen. „Kombinat“ hatte sein Atelier erst im Künstlerhaus Puschkin, dann im Freiland und zuletzt im Kunsthaus Rechenzentrum. Für einen Raum in einem Gebäude, das verfällt, wollten die beiden Künstler aber nicht auch noch Geld bezahlen, sagt Knüpfer. Deswegen zogen sie aus und sind nun in der Friedrich-Ebert-Straße anzutreffen.

Dass sie kein festes Ensemble haben, mache sie frei, sagt Paul: „Wir suchen uns die Projekte mit den Themen, an denen wir uns gerade reiben.“ Daraus entwickle sich dann der Bedarf an Technik, Tänzern, Raum, und der sei jedes Mal anders. „So, wie es bei uns ist, funktioniert es nur, wenn alle Beteiligten die Idee auch wirklich teilen“, sagt Knüpfer. Die Idee stifte dann an; fertige Strukturen, die eingrenzen können, gibt es hingegen nicht. Der aus ihrer Sicht einzige Nachteil: Dass die Vermittlung der Projekte nicht immer ganz einfach sei, insbesondere die Vermittlung über die Grenzen der Stadt hinweg, sagt Paul.

Die Arbeit am aktuellen Stück habe knapp ein Jahr in Anspruch genommen. Zunächst musste die Finanzierung festgeklopft werden. Die Produktion wird mit Landesgeldern aus zwei Brandenburger Ministerien und Geld der Stadt Potsdam finanziell gesichert – damit ist das Duo sehr zufrieden. Für die nächsten zehn Jahre wünsche er sich, so Knüpfer, dass Räume in Potsdam erhalten bleiben, in denen sowohl leise als auch schräge Töne Gehör finden. Diese Räume seien eben auch eine Form von Information, die extrem umkämpft ist.

„Lost in Formation“, fabrik, Schiffbauergasse, Weitere Vorstellungen Samstag, Sonntag sowie im April 2020.